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Wilder Stricher
von Michaela Knapp
Fickende Tiger, tanzende Elefanten – mit seinen Tuschzeichnungen erzählt Moussa Kone schräge Geschichten und hinterfragt Realitätsebenen. Sein Gesamt-Oeuvre weist den 30-jährigen Niederösterreicher aber nicht nur als begabten Zeichner, sondern als einen in vielen Dimensionen intelligenten Konzeptkünstler aus.
Der junge Mann heißt Hannes Sabians, ein Künstler auf der Suche nach ernsthafter Auseinandersetzung mit Kunst. Demnächst soll mit Kollegen Alain Bisam die Performance „Missing: Discourse“ bei der NAP Nite umgesetzt werden. Man schlägt sich durch die Kunstszene, sauft sich von einer Vernissage zur nächsten. Doch schließlich läuft alles aus dem Ruder, als der Diskurs die Bühne betritt ...
Realitätsverschiebung deluxe, und ein herrlicher Kommentar zum Kunstbetrieb, nachzuschlagen im Opernlibretto „Missing: Discourse“ mit Texten von Erwin Uhrmann. Die Zeichnungen, in denen die Protagonisten des Kunstbetriebes durch unterschiedliche Tiergattungen dargestellt werden, stammen von einem jungen Mann namens Moussa Kone. Anders als der orientalisch anmutende Name vermuten lässt, stammt der 30-jährige Künstler aus dem niederösterreichischen Scheibbs. Moussa Kone ist ein Künstlername, ein Pseudonym, das der Träger auch nicht lüften möchte, weil er es, wie er anmerkt, „immer schon“ verwendet hat. Immer schon heißt: Seit der früh Begabte seine ersten Arbeiten während des Studiums bei Adolf Frohner an der Universität für angewandte Kunst veröffentlicht hat.
Sein aktuelles Oeuvre, Tuschezeichnungen, feinstrichig, subtil und doppelbödig im Inhalt, lassen keineswegs auf die Klasse Frohner schließen, wo ein machistischer Malstil gepflegt wurde, expressiv, mit vielen Farbspritzern. Auf seinen großteils in Schwarzweiß gehaltenen Blättern lotet Kone Grenzen aus: zwischen Gefühl und Vernunft, zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen Natur und Stadt und immer zwischen Mensch und Tier. Da tummeln sich Panther und Löwen, Delphine wie Frösche, da ficken Tiger und Elefanten stehen Kopf. Tiere vermenschlichen, Menschen geben sich nur allzu tierisch, da brechen Triebe durch, da wird Wildes dressiert und Dressiertes wild, da werden Konditionierungen hinterfragt.
Gegen gängige Trends
Oder ist alles doch ganz anders? Ist die Zirkusarena, in der viele Szenarien stattfinden, die eigentliche Welt, oder die ganze Welt nur Bühne? Moussa Kone versteht es, durch kleine Details zu verunsichern und den Betrachter bei der Stange zu halten. „Zu zeichnen habe ich begonnen, um mit meinem Studium endgültig abzuschließen“, erklärt er heute seine aufwendige Technik. Ich wollte einfach nach meinem Diplom genau das Gegenteil von dem machen, was ich in der Malereiklasse getan habe und habe begonnen, mit vielen Strichen zu arbeiten.“ Irgendwann einmal werde er sich aber schon wieder vor eine große Leinwand stellen, sich im großen Gestus üben, ergänzt er. Derzeit aber verfeinert er das, wofür er gerade entdeckt und gefeiert wird. Er beschäftigt sich, gegen den Strom der angesagten Kunsttrends, mit dem Genre Zeichnung. Eine schwierigere Auseinandersetzung, weil im Unterschied etwa zum figurativen Großformat oft ein zweiter und dritter Blick erforderlich ist. Zudem werden Zeichnungen, wie Marktexperten bestätigen, ungern gekauft, weil man sie konservatorisch immer noch für heikel empfindet. „Aber wenn man“, so Kone, „über solche Kriterien nachdenkt, wie wer was kauft, braucht man keine Kunst zu machen.“
Anders als im eingangs erwähnten Opernlibretto, übrigens eine Kunst-Broschüre, die zu der Salzburger Gruppenausstellung „Is it a High C or a Vitamin B – Ironie und Humor als Spurenelemente in der Gegenwartskunst“ entstand, ist Moussa Kone keiner, der sich nach dem Kunstmarkt orientiert oder gefällig auf Angesagtes reagiert: Beobachten tut er es allemal, auch wenn das, wie er nachsetzt, „nicht meine Art und Weise zu leben und zu arbeiten ist.“ Kone ist ein penibler Arbeiter und genauer Rechercheur. Auf äußerst zeitgemäße Art setzt er sich mit traditionellem Handwerk auseinander. Auf seiner – ja natürlich hat er eine – Facebook-Seite findet sich der vielseitige englische Illustrator, Dichter, Grafiker und Karikaturist des 19. Jahrhunderts, Aubrey Beardsley, als Interessensfeld, und ein Selbstporträt Kones in Tusche. Moussa Kone selbst bezeichnet sich einfach als Künstler, versucht wo es geht, Zuordnungen zu vermeiden, wird aber vor allem dem klassischen Begriff des Konzeptkünstlers gerecht: Schon während des Studiums entstand aus der Tatsache, dass er für seinen Abschluss an der Angewandten eine Eigenbewertung abgeben sollte, also eine wissenschaftliche Erläuterung seiner künstlerischen Arbeit, die Idee von der Kritik an der Kunstkritik. Moussa Kone begann Seminare anzubieten über „Schreiben über Kunst“ und konzipierte gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Schriftsteller Erwin Uhrmann, mit dem er auch den Verein Kunstwerft gründete, den Art Critics Award. Der ausschließlich von Künstlerinnen und Künstlern vergebene Preis für Kunstkritik wird nun im Rhythmus von eineinhalb Jahren vergeben. Und soll, so Kone, zeigen, „wie wichtig adäquate Rezeption ist.” International machte das Kunstwerft-Duo aber vor allem mit dem anfänglich begrinsten Projekt der ersten Kunstklappe auf sich aufmerksam. Inspiriert vom Saliera-Raub installierte man 2004 nach dem Vorbild der Babyklappe bei Krankenhäusern an der Außenfassade eines Wiener Altbaus die Kunstklappe, die Kunsträubern die Möglichkeit geben sollte, gestohlene Werke anonym zurückzugeben. Rund um die Uhr konnten dort Objekte anonym eingeworfen werden, die als Leihgabe in die „Sammlung gestohlener Kunst“ eingingen. Wenn auch weder die Saliera noch der gestohlene Munch in der Klappe landeten, so war das Medienecho doch enorm und so mancher Täter bedankte sich für seine moralische Reinwaschung. Im Rahmen der Wiener Kunstaktion fand auch eine Holzkrone von der Wiege des Kronprinzen Rudolf ihren Weg ins Hofmobiliendepot zurück. Ein aufwendiges Unterfangen, wie sich Kone erinnert, weswegen die Klappe nun auch geschlossen sei.
„Mir geht es jetzt einmal darum, dass meine Arbeit gesehen wird“, setzt Kone klare Prioritäten. Er ist auf gutem Kurs. Mit seiner Wiener Galerie Charim ist er im April bei der Art Cologne vertreten, wo er mit einer eigenen Koje präsent sein wird, an deren Inhalt er gerade arbeitet. Zunehmend setzt der leidenschaftliche wie begabte Zeichner neue Schwerpunkte, werkt daran, das Genre in neue Dimensionen zu treiben. Einem 3D-Effekt gleich, hat er verschiedene funktionale Elemente aus seiner Arbeit in den Raum übertragen, die Zweidimensionalität des Blattes überschritten und Räume des Dreidimensionalen eröffnet. Bei seiner letzten Schau „Resetting/Phantasana (Curtain Falls)“ hat er etwa die gezeichnete Zirkusmanege in den Raum hinein erweitert, indem er gezeichnete Stücke wie etwa die Elefantenschemel nachgebaut und ausgestellt hat, sodass der Besucher die Balance zwischen realem und irrealem Ort, zwischen Zeichnung und Realität finden musste.
Ein Atelier benötigt der zwischen Wien und Berlin pendelnde Künstler für seine momentane Arbeitsweise keines, einzig einen großen Schreibtisch, wo es schrittweise, kleinteilig und sehr sauber zur Sache geht. Zuerst entstehen Skizzen am Computer: „Ich habe ein Bildarchiv auf meinem Computer.“ Neben dem Werk des Oscar Wilde-Illustrators Aubrey Beardsley sind es vor allem die Schwarzweiß-Comics der 70er Jahre, die er in Technik und Ausführung schätzt. Kone recherchiert aber auch viel im Internet, stöbert in Büchern nach Material, durchstreift Museen, blättert in kunsthistorischen Studien. Das alles wird zu einer großen Collage zusammengestellt, dann wird probiert: „Welche Figur wird größer, wohin wird sie gestellt?“ Die Grundkonzeption entsteht, anders als noch vor ein paar Jahren, also sehr zeitgemäß am Computer. Dann zeichnet Kone alles mit Tusche, „weil es dem Schriftlichen näher kommt.“ Fallweise werden mit Aquarellfarben Akzente gesetzt.
Ironisch, humorvoll, liebevoll
Derzeit beschäftigt sich Moussa Kone mit architektonischen Elementen. Die Auseinandersetzung mit dem Tierischen ist etwas in den Hintergrund getreten. Vielmehr reizen ihn nun Personen im städtischen Umfeld, aber auch da konstruiert er Identitäten und Welten, setzt auf Realitätsverschiebungen und lotet durchaus auch die Mechanismen der Werbeästhetik aus.
Sehr reduziert und minimalistisch präsentieren sich frühe Arbeiten, die einen Baum in der bekannten Schwarzweiß-Tonalität zeigen und vereinzelt rot aquarellierte Früchte. Simpel auf den ersten Blick. „Manche Leute kreiden mir genau das an und empfinden solche Arbeiten als zu illustrativ, plakativ oder banal.“ Andererseits ermöglichen Kones Blätter einen einfachen Zugang, können auf vielen Ebenen gelesen werden. Er erzählt Geschichten: ironisch, humor- wie liebevoll. Simpel nur auf den ersten Blick: Vielmehr funktionieren Moussa Kones Zeichnungen wie ein Gegenentwurf zum aktuellen visuellen Overkill. Sie brauchen immer einen zweiten Blick. Der zeigt dann, wie und woraus sich so ein ach so banaler Baum tatsächlich zusammensetzt … und lehrt gerade im Zeitalter von Tarnen und Täuschen den Betrachter, hinkünftig genauer zu schauen. As simple as that.
www.moussakone.com
www.charimgalerie.at (Galerie in Wien und Berlin)
Weiterführendes zu Projekten von und mit Moussa Kone:
www.kunstwerft.at
www.artcriticsaward.com
www.missingdiscourse.com
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