Tapetenwechsel?
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Ständig online, mit aller Welt vernetzt – und trotzdem das „Real Life“ nicht aus dem Fokus verlieren? Das schreibt sich leichter als es sich bewerkstelligen lässt. Welche Informations-Bewältigungsstrategien gibt es? Wann bleibt Zeit für Reflexion? Welche Auswirkungen hat die permanente Reizüberflutung? Werden wir bald alle am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) leiden?

Hartmut Rosa

Hartmut Rosa © Ingo Pertramer

Lawine losgetreten

Die neuen Kommunikationsmöglichkeiten scheinen bis an die Verarbeitungskapazitäten des menschlichen Gehirns zu stoßen. So „normal” ihr Umgang damit auch sein mag – erstmals wirken auch die ganz Jungen überfordert. Das mag evolutionär mit unserem Sozialverhalten zu tun haben: Von Natur aus sind wir auf Kleingruppen, auf ein soziales Netz von vielleicht hundert Menschen vorbereitet. Man kann nicht permanent sein Leben mit Tausenden synchronisieren. Bei meinen Vorträgen spreche ich mit vielen Menschen quer durch alle Branchen. Ich finde es beunruhigend, wie viele Menschen nachts Panikattacken haben, weil sie offensichtlich den Takt nicht mehr reduzieren können.

Das Web 2.0 hat ein massives Element der sozialen Beschleunigung mit sich gebracht. Der Takt ist höher, die Frequenz ebenso. Negativ formuliert bringt das ein Gefühl der Atemlosigkeit mit sich, positiv betrachtet bedeutet das einen höchst dynamischen Strom an Aktion und Interaktion – mit massiver Sogwirkung. Wie so oft haben wir uns von neuer Technologie bloß neue Zusatzoptionen für souveräne Nutzer erwartet, um nun festzustellen, dass diese eine Eigendynamik entwickelt haben, der wir uns nur schwer entziehen können. Da wurde eine Lawine losgetreten, die nur schwer zu bremsen ist.

Das hat auch damit zu tun, dass sich viele der Aktivitäten in Social Networks als Streben um Wertschätzung lesen lassen. Es geht um unseren Status, unseren sozialen Wert, darum, wer reagiert und einen kommentiert. Neu an diesem dynamisierten Anerkennungskampf ist, dass mich als Individuum jeder inaktive Tag zurückwirft. Die Wertschätzung muss jeden Tag neu abgelesen werden. Das erzeugt natürlich Stress und das Gefühl, abgehängt zu werden, wenn ich nicht aktiv bin, eine andauernde Ruhelosigkeit.

Bislang war es historisch immer so, dass Beschleunigung einen Wettbewerbsvorteil bedeutet. Das scheint erstmals umgekehrt: Es kündigt sich an, dass produktiver ist, wer weniger aktiv ist. Gegentendenzen werden jedenfalls nicht lange auf sich warten lassen. Wie immer: Schon vor 1900 führten in Paris Flaneure ihre Schildkröten spazieren – aus Protest gehen das hohe Tempo.
Meine Beobachtung: viele, die viel kommunizieren, streichen strategisch einen Kanal. Se verzichten auf einen Zeitfresser, aufs Fernsehen.

Hartmut Rosa, 44, ist Professor für Soziologie an der Uni Jena. Zu seinen Spezialgebieten gehört die Zeitsoziologie, sein im Suhrkamp-Verlag erschienenes Buch ‚Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne“ avancierte zum Bestseller.

 

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Kommunizieren wir uns zu Tode? – So hätte der gute alte Neil Postman die Frage formuliert und tendenziell mit einem „Ja” beantwortet. Frank Schirrmacher, konservativer deutscher Publizist mit gutem Gespür für gesellschaftliche Prozesse an der Schwelle zur Mehrheitsfähigkeit, fühlt sich durch die neuen Kommunikationstechnologien gar physisch in seiner Integrität beeinträchtigt. In seinem neuen Buch „Payback“ behauptet der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nicht weniger als „Multitasking ist Körperverletzung“. Über die drastische Polemik der von ihm gefühlten Fremdbestimmtheit ließe sich diskutieren. In seiner Überforderung, die permanente Ausgesetztheit des allumfassenden Kommunizieren-Könnens und -Müssens in den Griff zu bekommen, ist der 50-Jährige allerdings sicher nicht allein. Sie ist auch keine ausschließliche Generationenfrage. Auch wenn sich jüngere, damit Aufgewachsene (Digital Natives) zweifelsfrei leichter, spielerischer und selbstverständlicher in einer rundum vernetzten Umwelt zu Recht finden, liegt der richtige Umgang mit den neuen Medienmöglichkeiten, die Facebook, Twitter und was noch kommen mag bieten, nicht plötzlich, gleichsam generationensprunghaft in den Genen.

Dabei sein ist alles

Wo eine prinzipielle Verweigerung nicht zur Debatte steht, verleitet die permanente Verfügbarkeit von Facebook und Twitter auf Rechner und mobiler Gerätschaft leicht zum unentwegten Kommunizieren. Antworten, reagieren, kommentieren, immer wieder checken, ob die anderen schon auf die eigenen Aktionen reagiert haben – dieser Kreislauf ist prinzipiell ein unendlicher. Er lenkt schon einmal von anderen Aktivitäten ab, mindert die Konzentration. Die Grenzen zum Suchtverhalten sind fließende.

Älteren Semestern wiederum bleibt bis dato nicht nur oft die Sinnhaftigkeit von Web 2.0 und sozialen Netzwerken ein Rätsel, sondern somit klarerweise auch die Problematik der beschriebenen Totalität komplett fremd. Wer teilnahms- und damit verständnislos wie Wolfgang Schüssel auf die von ihm einst so bezeichnete „Internet-Generation“ blickt, bleibt von ihr zwar verschont, kann auch in dieser Hinsicht bloß den Kopf schütteln.

Gar keine zeitgemäße Kommunikation ist jedenfalls, soviel steht fest, auch keine Lösung.

 


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