Tapetenwechsel?
wie lässt sich ein 24/7-online-leben bewältigen?

Ständig online, mit aller Welt vernetzt – und trotzdem das „Real Life“ nicht aus dem Fokus verlieren? Das schreibt sich leichter als es sich bewerkstelligen lässt. Welche Informations-Bewältigungsstrategien gibt es? Wann bleibt Zeit für Reflexion? Welche Auswirkungen hat die permanente Reizüberflutung? Werden wir bald alle am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) leiden?

Sabine Hoffmann

Sabine Hoffmann © Lukas Beck

Wir erleben einen sozioökonomischen Wandel

Als Social-Media-Junkie schwanke ich in Sachen 24/7 online sowohl beruflich als auch privat zwischen Begeisterung und Overflow. Genau diese zwei Aspekte will ich hier aufgreifen: der Mensch in der 24/7-online-Welt und die neue, demokratische Öffentlichkeit, die damit entsteht.

Mit neuer Öffentlichkeit meine ich die Tatsache, dass jede(r) jederzeit für seine/ihre Themen und Anliegen andere Menschen mobilisieren kann. Bekannte Beispiele sind die Terroranschläge in Mumbai, die Wahlen im Iran oder auch die aktuelle Studierendenbewegung #unibrennt, um nur einige zu nennen. Staatliche Fernsehsender entscheiden nicht mehr alleine was Thema ist, sondern die Betroffenen selbst berichten live, eben 24/7. Vorsichtig merke ich an, dass das auch mit viel Verantwortung verbunden ist, da mitunter einige wenige „Meinung machen“. Nichtsdestotrotz wünsche ich mir, dass wir mündiger und couragierter für unsere Anliegen eintreten, dank der neuen Medien.

Diese neue Art der Kommunikation bringt eine Demokratisierung der Kommunikation mit sich: Politik, Ausbildung, Unternehmenskommunikation aber auch -führung, Freundschaften, Geschäftsbeziehungen werden sich neu gestalten. Ohne Leichen im Keller, auf derselben Augenhöhe. Eine neue Qualität des Miteinander. Soweit so gut. Aber der Preis für diesen sozioökonomischen Wandel ist hoch!

Da ist nämlich noch der einzelne Mensch, der das alles bewältigen muss. Menschen haben nicht MEHR Zeit für das „online sein“, sondern es drängt sich einfach mitten rein in Job und Privatleben und bringt es – neben dem Kick des „Am-Puls-der-Info-zu-sein“ und sich selbst zu präsentieren – mit sich, dass für das Hier und das Jetzt, die Menschen in der persönlichen Umgebung zu wenig Aufmerksamkeit bleibt. Das beginnt bei mir persönlich am Weg in die Arbeit, wenn ich auf der Straße in Twitter verstrickt die mir entgegen Kommenden fast niederrenne und endet bei Träumen, die mit #Tags versehen sind.

Mein persönliches Resümee: das 24/7-Angebot nützen, aber eben nicht rund um die Uhr.

Sabine Hoffmann, 35, ist Gründerin und Geschäftsführerin der Buzz Marketing Agentur Ambuzzador. Sie begleitet Unternehmen in ihrer Evolution zum Social Brand.

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Kommunizieren wir uns zu Tode? – So hätte der gute alte Neil Postman die Frage formuliert und tendenziell mit einem „Ja” beantwortet. Frank Schirrmacher, konservativer deutscher Publizist mit gutem Gespür für gesellschaftliche Prozesse an der Schwelle zur Mehrheitsfähigkeit, fühlt sich durch die neuen Kommunikationstechnologien gar physisch in seiner Integrität beeinträchtigt. In seinem neuen Buch „Payback“ behauptet der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nicht weniger als „Multitasking ist Körperverletzung“. Über die drastische Polemik der von ihm gefühlten Fremdbestimmtheit ließe sich diskutieren. In seiner Überforderung, die permanente Ausgesetztheit des allumfassenden Kommunizieren-Könnens und -Müssens in den Griff zu bekommen, ist der 50-Jährige allerdings sicher nicht allein. Sie ist auch keine ausschließliche Generationenfrage. Auch wenn sich jüngere, damit Aufgewachsene (Digital Natives) zweifelsfrei leichter, spielerischer und selbstverständlicher in einer rundum vernetzten Umwelt zu Recht finden, liegt der richtige Umgang mit den neuen Medienmöglichkeiten, die Facebook, Twitter und was noch kommen mag bieten, nicht plötzlich, gleichsam generationensprunghaft in den Genen.

Dabei sein ist alles

Wo eine prinzipielle Verweigerung nicht zur Debatte steht, verleitet die permanente Verfügbarkeit von Facebook und Twitter auf Rechner und mobiler Gerätschaft leicht zum unentwegten Kommunizieren. Antworten, reagieren, kommentieren, immer wieder checken, ob die anderen schon auf die eigenen Aktionen reagiert haben – dieser Kreislauf ist prinzipiell ein unendlicher. Er lenkt schon einmal von anderen Aktivitäten ab, mindert die Konzentration. Die Grenzen zum Suchtverhalten sind fließende.

Älteren Semestern wiederum bleibt bis dato nicht nur oft die Sinnhaftigkeit von Web 2.0 und sozialen Netzwerken ein Rätsel, sondern somit klarerweise auch die Problematik der beschriebenen Totalität komplett fremd. Wer teilnahms- und damit verständnislos wie Wolfgang Schüssel auf die von ihm einst so bezeichnete „Internet-Generation“ blickt, bleibt von ihr zwar verschont, kann auch in dieser Hinsicht bloß den Kopf schütteln.

Gar keine zeitgemäße Kommunikation ist jedenfalls, soviel steht fest, auch keine Lösung.

 


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