Tapetenwechsel?
25.05.2008
» mothor-gas-car

Während der Fahrt nicht mit dem Fahrer sprechen

von Stefan Häckel  


10.000 heiratswillige Ukrainerinnen, arabisches Speed-Dating und was Männer dir nicht erzählen. Na klar, jetzt sind alle da. Kaum geht’s nicht gleich im ersten Satz um Schmieröl oder 1000 PS sind alle da.

Bild: kol_stefan_sw_04.jpg


Quelle: The Gap 080


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Und die Frauen sind dieser Geheimnis krämenden Männer-Geschichte auf den Leim gegangen. Klar. Jetzt wo ja alle die drei Zutaten der Werbung kennen – Sex (das war das mit der Ukraine), Geschwindigkeit (Speed, wir erinnern uns) und Lüge (Männer erzählen bekanntlich nie etwas, völlig egal was man tut oder sagt) – können wir ja endlich anfangen.
Lassen wir in unserer schnelllebigen Zeit Dinge wie Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störungen, die Wertlosigkeit etablierter Lebensstile oder die Dekonstruktion des Arbeitsplatzes kurz einmal außen vor und konzentrieren uns viel mehr auf die am meisten darunter Leidenden: die eigene Familie. Und was tut man um das Leid zu lindern? Mit ihr auf Urlaub fahren, zum Beispiel. Nicht wegen der Entspannung etwa, nein, wegen der Autofahrt. Denn einer von Kia Motors beauftragten britischen Revolver-Studie zufolge werden so genannte /Big Life Decisions/ immer häufiger im Auto gefällt. Dass diese mobile Intimsphäre schon was hat, das weiß man ja, diese Eigenartigkeit der typischen Autogespräche zum Beispiel. Man redet tatsächlich anders wenn man sich im Café trifft. Man hat ja auch keinen Ausweg, kann nicht einfach weg. Es wiegt alles schwerer, hat mehr Bedeutung, die Zeit vergeht langsamer, man denkt länger nach und selbst nach dem Aussteigen sieht alles noch immer anders aus. Zumindest bis man wieder ankommt, im Alltag.
Zum Glück müssen wir diesen Gefühls duseligen Meinungsjournalismus der letzten Zeilen nicht länger ertragen sondern können den Wissensdurst endlich mit Fakten, Fakten und Fakten stillen. 43% der Probanden haben beim Autofahren einen Umzug beschlossen, ebenfalls 43% eine berufliche Veränderung. Fast ein Viertel der befragten Briten (23%) haben im Auto die Möglichkeit einer Ehe angesprochen. Niedlich, diese schrulligen Pint-Süffel. Die Möglichkeit einer Ehe. Jedenfalls sind 12% noch einen Schritt weiter gegangen und haben beschlossen ein Baby zu bekommen. Wir erinnern uns: Sex, Geschwindigkeit und Lüge. Sex mit neuen Nachbarn, schnell der Frage nach der Ehe ausweichen und schamlos bei Plänen zu eigenen Kindern lügen. Kommen Briten aber erst einmal in Fahrt, dann reden sie im Auto gern über Urlaubspläne (64%), ein neues Auto (48%), das Eigenheim neu zu gestalten (41%), die Beziehung zu beenden (25%), ein neues Haustier (24%) und sich scheiden zu lassen (7%). Sich scheiden zu lassen. Man kennt das ja. Man fährt auf der Autobahn, alles lari fari. Man unterhält sich gut, aber eigentlich ödet es einen nur mehr an. Kurz bevor man hinter dem Lastwagen aufläuft schaltet man einen Gang runter, blinkt links, sagt fast beiläufig „Übrigens, will ich die Scheidung“, drückt das Pedal durch, der Motor heult auf, der Blick bleibt nach vorne gebannt und das ungläubige Fuchteln am Beifahrersitz, dieses „Waaaaas? Wiiiiiiiiiie Biiiiiitte? Was hast du g’saaagt?“ verhallt im unerträglichen, noch immer lauter werdenden Motorenlärm. Oder wie muss man sich das sonst vorstellen? Dass etwa vom strategisch ungünstigen Beifahrersitz aus die Scheidung verlangt wird? Wesentlich besser: Scheidung von der Rücksitzbank im Stadtverkehr. Könner beginnen des Gespräch bei orange und steigen bei rot aus.  
Aber warum missbrauchen Briten wirklich so hehre Tugenden wie das Autofahren mit profanen Gesprächen über ihr Leben? Fast zwei Drittel der Befragten gaben an, dass sie aus chronischem Mangel an Freizeit die direkte und ungestörte Gesprächssituation im Auto als sehr wertvoll einstufen (62%). Interessanterweise mochte mehr als ein Drittel die Tatsache, dass das Gegenüber nicht einfach so weglaufen kann (38%). 28% genießen die Intimität im Auto, während jede/r Fünfte die Gesprächssituation als weniger direkt als außerhalb des Autos bewertet. Ein Viertel sagte, dass es der perfekte Ort sei um Ablenkungen zu vermeiden (23%). Um ungestört an 10.000 heiratswillige Ukrainerinnen und arabisches Speed-Dating zu denken. Das dritte hab ich zwar vergessen, aber der Kreis schließt sich trotzdem.

 

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