Tapetenwechsel?
25.10.2011
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Viennale-Tagebuch #1

von Artemis Linhart  


Zweimal gefährliche Fahrwasser auf Wiens größtem Filmfestival. Von Artemis Linhart

Bild: Young_Adam__c__Viennale.JPG

Bild: Gone__c__Viennale.jpg



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Young Adam (David Mackenzie – gesehen am 23. 10.)


Glasgow in den 50ern. Ewan McGregor findet eine schöne Leich und initiiert damit eine Reihe von Flashbacks. Zu Lebzeiten der Ertrunkenen namens Cathie (Emily Mortimer) gab es eine Begegnung am Strand, der eine Beziehung folgte, von der außer einer ungleichen Rollenaufteilung wenig klar wird. Ganz der Womanizer, hat Joe (McGregor) beim anderen Geschlecht leichtes Spiel und schläft sich souverän durch die Betten und Böden aller im Film vorkommenden Frauen. Von einer kinky Szene mit mehr als fragwürdigem Konsensverhältnis, das an “Last Tango in Paris” erinnert, bis zum Sex unterm Lastwagen ist alles dabei.

Nach einem gescheiterten Versuch als Schriftsteller taucht Joe nun in die räumliche und seelische Enge der Schiffahrt ein, deren trüben Alltag aus harter Arbeit und Monotonie er durch eine intensive Affäre mit der bitteren Ella (Tilda Swinton) zu durchbrechen versucht. So endet auch die Arbeit auf deren Frachtkahn schnell in der Zerrüttung ihrer Familie und mit einer weiteren halbherzigen Beziehung.

Basierend auf dem gleichnamigen Beat-Roman des Schotten Alexander Trocchi entspinnt sich die Geschichte des Außenseiters Joe und seiner Gewissensbisse bezüglich Cathies Tod, dessen Realität ihn schließlich nicht nur gedanklich einholt. Das Grün-Grau der Bilder harmoniert mit der emotionalen Kälte der Figuren und macht auch die eisigen Witterungsverhältnisse förmlich fühlbar. So richtig kalt ums Herz wird einem aber nie, da der Film durchaus eine gewisse Identifikation mit den Figuren zulässt und die Menschlichkeit der Vorgänge exponiert.

Trotz der ökonimischen Länge von rund 95 Minuten wirkt der Film dann doch ein wenig schleppend. Thumbs up aber für einen recht gelungenen Soundtrack von David Byrne, der sich Glasgower Bands wie Mogwai, Belle & Sebastian, The Delgados und Appendix Out dafür geholt hat.


Gone (Gretchen Morning/John Morning – gesehen am 23. 10.)


Auch die Dokumentation “Gone” handelt vermeintlich von einer Wasserleiche. Gesehen im Urania Kino, direkt an jener Stelle also, wo zwei Fischer die Leiche angeblich vorbeischwimmen sahen. Tatsächlich hat die Behauptung der Behörden, der US-Amerikaner Aeryn Gilleran hätte sich in einem Akt spontanen Suizids in den Donaukanal gestürzt, weder Hand noch Fuß. Der Film erzählt im teils unerträglichen Stil einer schlechten TV-Doku die dramatische Geschichte einer verzweifelten Mutter auf der Suche nach der Wahrheit. Ende Oktober 2007 verschwand ihr in Wien lebender Sohn nach einem Besuch in der Herrensauna Kaiserbründl in der Innenstadt. Niemand kann oder will Auskunft darüber geben, was sich an jenem Abend zugetragen hat, die Angelegenheit ist aber stets mit einem Hauch von Drama behaftet. Dass es sich um ein Hate Crime am “Mr. Gay Austria” handelt, ist zu bezweifeln. Vielmehr erweckt der Film den Eindruck, es handle sich um eine Verschwörung höherer Ränge. Kathy Gilleran befindet sich seit nunmehr vier Jahren im Limbus der Machtlosigkeit gegen österreichische Behörden und wendet sich mit diesem Film nun an die internationale Öffentlichkeit.

Als die Schreibmaschinen-Font am Bildschirm zwischenzeitlich verkündet “Four months later”, sind tatsächlich gefühlte vier Monate im Kinosaal vergangen, in welchen Gillerans weinender Talking Head, sowie eine verwackelte Handkamera, hauptsächlich die Wiener Linien und die Innere Stadt präsentierend, zu sehen waren. Die Soundeffekte verleihen dem Ganzen darüber hinaus eine absurd überzogene Dramatik. Nicht allzu verwunderlich, zumal die Regisseurin Gretchen Morning selbst aus dem TV-Bereich kommt und sich bisher für Produktionen reißerischer amerikanischer Doku-Sender verantwortlich zeichnete (“Unraveling the Mystery of Alien Abduction”, “Hoarding: Buried Alive”). Etwas ansehnlicher umgesetzt könnte der Film – vor allem hier in Wien, wo ja ohnehin ein Misstrauen gegen Polizei und Staat besteht – durchaus was hermachen. Die Message ist in jedem Fall wichtig: Ein Mensch verschwindet und niemand kümmert sich. Ob vertuscht oder verpennt, der Fall weist unweigerlich einen Fehler im System auf. Die Bitte der Protagonistin: Wer was weiß, bitte melden.

Die Reaktionen des Publikums waren durchwegs positiv und unterstützend. In einer Q&A-Runde mit Kathy Gilleran zeigte sich die kollektive Erschütterung des Publikums über diesen Missstand und eine gemeinsame Suche nach Lösungen zeichnete sich ab. Dass der Film (in adaptierter Fassung) im ORF gezeigt werden soll, wird bereits diskutiert und wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

 

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