» fabula rasa
Vertretbarer Kulturpessimismus
von Georg Cracked
- »Es ist wahr, dass uns der Tod nahe ist und dass das ganze Treiben hier Torheit ist. Ich muss Dir aufrichtig sagen: Ich lege ja auf meine Pläne und auf meine Arbeit einen hohen Wert, aber wenn man’s ernsthaft überlegt, so ist doch diese unsere ganze Menschenwelt nur so eine Art Schimmelüberzug, der sich auf einem kleinwinzigen Planeten gebildet hat. Und da bilden wir uns ein, es könne bei uns etwas Großes geben, große Pläne, große Taten! All das sind nur Sandkörnchen.«
– »Brüderchen, diese Erkenntnis ist so alt wie die Welt.« (Leo Tolstoi)
Nirgendwo zwischen dem Größten und dem Kleinsten ist noch ein sicheres Versteck vor dieser bestimmten Art an Schwachsinn, die daraus entsteht, dass sich keiner mehr Zeit nimmt, keiner Zeit hat und schließlich alle es auch nicht mehr wichtig finden, sich Zeit zu nehmen oder zu haben, weil das Leben in der Jetzt-Zeit zwischen den Status-Updates hunderter Freunde und dem Mikromanagement überbordender Minimal-Antworten die Dimension Zeit aus dem Fokus des Menschseins verdrängt hat. Response-Ticks wandeln sich in akute »I-Like«-Psychosen und eine allgemeine Verblödung diffundiert langsam in den gesamten Mainstream der Gesellschaft. Beispiele gefällig: Das Kreuzworträtsel fragt nach »Englisch: Team« - die Antwort lautet »Crew«. Die gleichen Frauenzeitschriften, die jahrelang Powerfrauen verherrlicht haben, die Kind, Karriere und Liebhaber perfekt managen konnten, beklagen nun, dass das aktuelle Frauenbild Frauen so hohen Druck und Stress macht. Bei der Premiere des letzten Teils von »Twilight« marschiert ein Pattison-Fanclub aus erwachsenen Frauen auf, die Plakate mit der Aufschrift »MILF’s love Robert« tragen. Die Politik diskutiert über die gut funktionierende Praxis der indirekten Mediensubvention über Inserate und installiert eine Transparenz-Datenbank, um zu erfahren, wer wo inseriert; dabei gibt es diese Daten am freien Markt erhältlich von Medienbeobachtungs-Instituten. Auf einer griechischen Insel beziehen mehr als die Hälfte der Bevölkerung eine staatliche Subvention für Blinde. In der Doku »Plastic Planet« dürfen Menschen ihre Besitztümer aus Plastik in den Vorgarten tragen und dann sagen, dass sie sich niemals gedacht hätten, so viele Dinge aus Plastik zu besitzen, wo sie sich doch eigentlich fragen sollten, warum sie so viel sinnloses Zeug besitzen. Das Internet mit all seinen Servern und Serverfarmen belastet die globale CO2-Bilanz stärker als der Flug- und Schifffahrtsverkehr zusammen. In einem Blog verteidigt sich entrüstet die kritisierte Autorin mit dem Argument, es sei ohnehin nur ein Blog, das sollte man lesen und gleich wieder vergessen. Warum hat sie es dann überhaupt geschrieben? Und das Bedeutendste, das ich in der vergangenen Woche im Internet gesehen habe, ist eine Band aus Achtjährigen, die perfekt »Enter Sandman« rocken. Genug Beispiele.
Und was tun wir jetzt? Ich hab’ da ein paar Tipps für Euch. Die werden zwar die Lage nicht sofort umkehren, aber mittelfristig zum Besseren führen. Fangen wir an: Man muss nicht immer alles kommentieren und man muss nicht immer auf alles antworten. Lest lieber Marcel Proust statt sinnlose Blogs. Und schlussendlich: Für jede Stunde im Internet gönnt euch selber zumindest zwei Stunden mit echten Menschen oder eine halbe Stunde entweder spazierend oder zu Hause mit geschlossenen Augen den eigenen Gedanken nachhängend.


Kommentar abgeben mit deinem thegap.at-Account