Tapetenwechsel?
12.12.2011
» fabula rasa

Vertretbarer Kulturpessimismus

von Georg Cracked  


»Ich hab’ also jeden Abend nach der Arbeit getrunken, allein, bei mir oben, und es blieb einem noch genug übrig für dir Samstage auf’m Rennplatz, und das Leben war einfach und ohne allzu viel Leid. Vielleicht auch ohne allzu viel Sinn, aber von dem ewigen Leid ein bisschen wegzukommen, war schon Sinn genug.« (Charles Bukowski)

cracked69@hotmail.com
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Bild: Fabula-Rasa_02.jpg


Quelle: The Gap 122


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Man kann nicht nichts tun, daher gibt es auch keine Möglichkeit, sich und andere vor Fehlern, Unfällen und Unglück zu bewahren. Man kann zwar alles, was man sagen kann, klar sagen, aber nicht so, dass es nicht trotzdem jemand falsch verstehen kann. Jeder Anfang trägt bereits das Ende in sich, was kaum zu ertragen ist. Ich kann sehr gut verstehen, wenn jemand irgendwas aufgibt. Alles Mögliche kann einem so nah und doch so schwer am Herzen liegen, dass es besser ist, irgendwann den sprichwörtlichen Hut drauf zu hauen. Und auch wenn es viele dann nicht verstehen (wollen), kenne ich niemanden, der nicht zumindest eine Zeitlang zwischen der Melancholie und den Verlustängsten doch auch den frischen Luftzug der Erleichterung gespürt hat. Wer nicht rechtzeitig erkennen kann, dass seine Obsessionen nur noch zur schalen Hülle geworden sind, ist schlechter dran als derjenige, der nach und nach einsieht, dass alle seine früheren Erwartungen nicht erfüllt werden oder einstmals aufregende und faszinierende Ideen an Reiz und Ausstrahlung verloren haben. Nie zeigen sich die Menschen von einer besseren Seite als auf Partys bei Freunden von Freunden, die man kaum kennt, aber wo es andere Freunde eine tolle Idee fänden, dort zu sein. Vielleicht zeigen sich die Menschen in etwas besserer Form bei Katastrophen und Notarzteinsätzen; wenn sie wie gebannt starren, um einen Verletzten oder einen Toten liegen zu sehen und dabei den Einsatzhelfern und Notärzten den Weg versperren. Wenn sich auf beiden Autobahn-Fahrbahnen ein Stau bildet, auf der einen Seite, weil andere Autos versuchen, schadenfrei um die Unfallstelle herum zu kommen, und auf der anderen Seite, weil man lieber einen Auffahrunfall riskiert als ein Autowrack zu verpassen. Wenn man jemanden etwas wirklich Schweres schleppen sieht, oder sieht wie ein Vater sein Kind schlägt, oder wie zwei Betrunkene Nazi-Obszönitäten schreien, und man sich dann mit echter Entrüstung und intellektueller Überlegenheit abwendet und woanders hingeht, woanders hinschaut, wo hoffentlich gar nichts ist. »Die haben mich beim Schwarzfahren erwischt«, hat er sich beschwert, der leicht übergewichtige Informatiker-Typ mit dem Ziegenbärtchen, »gerade mich, wo ich doch meistens eh einen Fahrschein kaufe! Lauter Faschos.« Und dann macht er so eine Gebärde, die mir nachher erklärt wurde – mit der man beim Wii-Spielen von »Halo2« Gegner kaltmacht. »Was heißt kaltmachen? Einfrieren?« »Haha, Lustiger.« Das Gespräch auf der Party dreht sich dann relevanteren Themen zu: In Schweden wird ein statistisch signifikanter Anteil aller Scheidungen auf Beziehungskrisen zurückgeführt, die ihren Ausgangspunkt bei Ikea genommen haben. Unbestätigt ist die Annahme, dass dies ein genialer Marketingplan von Ikea ist, denn so gibt es dann doppelt so viele Wohnungen einzurichten.

 

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