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von Joachim Schätz
Als amtlich schlechtester US-Präsident aller Zeiten hat er Konkurrenz bekommen, als popkulturelle Muse ist er ungeschlagen: Mit „Frost/Nixon“ geht die ewige Saga des Richard Nixon in die nächste Runde.
„Even Richard Nixon has got soul.“
Neil Young, „Campaigner“
Was den amerikanischen Erfolg ausmacht, hat Gertrude Stein geschrieben, ist das amerikanische Versagen. Wo sie Recht hat, hat sie Recht: John F. Kennedy mag als telegener Märtyrer verehrt werden, aber der US-Präsident, der die Popkultur bis heute umtreibt, ist Richard Nixon. Tricky Dick, mit seinen krummen Touren, seinen massenmedialen Demütigungen und seinem legendär gequälten öffentlichen Auftreten, hat seit dem Rücktritt vom Präsidentenamt 1974 mit ziemlicher Sicherheit mehr Filme und Bühnenstücke, vulgärpsychologische Analysen und deftige Karikaturen inspiriert als irgendein anderer executive leader der US und A. Noch in etlichen Vietnamkriegsfilmen und desillusionierten Verschwörungsthrillern lebt das verheerende Polit-Erbe Nixons nach.
„Frost/Nixon“ (Regie: Ron Howard), der neueste Eintrag in die unendliche Nixoniade, arbeitet sich weder am „wirklich wahren“ Nixon ab (wie Oliver Stones freudianisch geblähter Biopic-Dreistünder) noch an dessen gewitzter popkultureller Überschreibung (wie Andrew Flemings schöne Watergate-Komödie „Dick“), sondern gerade am Schnittpunkt zwischen dem Mann und dem Image, politischer Persönlichkeit und medialer celebrity. Ausgangspunkt ist eine medienhistorische Fußnote: 1977 erklärte sich der Ex-Präsident erstmals bereit, im Rahmen eines mehrstündigen TV-Interviews ausführlich zu den Verbrechen und anschließenden Vertuschungsaktionen, deren Enthüllung zu seinem Rücktritt führte, Stellung zu nehmen. Die einen erhofften sich von dem Gespräch mit dem britischen Talkshow-Host David Frost eine Art nachträglichen Schauprozess, Nixon (Frank Langella) selbst hoffte auf Rehabilitierung seiner Reputation. Und Moderator Frost (Michael Sheen), ein politisch leichtgewichtiger TV-Entertainer im Karrieretief, brauchte dringend ein paar sensationelle, entblößende Nixon-Sager, um die skeptischen US-Networks für die selbst finanzierten Interviews zu interessieren.
Drehbuchautor Peter Morgan („The Last King of Scotland“) erzählt die folgenden vier Interview-Sessions nach allen Regeln des Boxerfilms als knallhartes Duell zweier Profi-Performer, inklusive anfeuernder Teams neben dem Ring und entscheidender Wendung in der allerletzten Runde. Warum das in dieser Form eher nicht den historischen Gegebenheiten (oder den aufgezeichneten Interviews) entspricht, hat Historikerin Elizabeth Drew im Polit-Weblog The Huffington Post erklärt. Kurzweilige zwei Stunden lassen sich im Großen und Ganzen trotzdem mit dem Film verbringen: Der funktioniert, wie schon das ähnlich gelagerte Peter-Morgan-Projekt „The Queen“ (mit Sheen als Tony Blair), am besten als Schauvitrine für vergnügliche, brillant gespielte Prominenten-Mimikry in den Hauptpartien, ganz passabel als Komödie über die Verschmelzung von Politik und celebrity culture, und eher dubios als Charakterstudie einer öffentlichen Persönlichkeit: Auch der verschlagene Nixon, darauf läuft hier alles hinaus, war doch nur ein armer, alter, einsamer Mann.
Das kann man jetzt eh irgendwie plausibel finden, und in einer Bildkultur, in der jeder Hitler im Kino taxfrei ein armer, alter, einsamer Mann sein darf, auch nicht weiter verwunderlich. Das Problem ist nur: Damit exerziert „Frost/Nixon“ genau die Auflösung von Politik in Klatsch durch, von der er an anderer Stelle nicht unschlau handelt: bis Nixon gegen Ende gedankenverloren ein Hunderl streichelt, als würde er fürs Titelblatt der Sonntags-Krone posieren. Frank Langella gibt noch solchen Szenen einen gewissen Rest-Anstand: Er kriegt das Gequälte und die plötzlich entgleisenden Gesichtszüge von Nixon besser hin als jeder vor ihm, und er ist bei alledem definitiv der abgeklärteste, selbstreflexivste, most soulful Kino-Nixon. Bloß: Wer braucht einen Nixon mit gar soviel Seele? Da schau ich mir dann doch lieber den unflätigen Kommunistenfresser-Nixon an, der als konservierter Kopf in „Futurama“ sein Unwesen treibt.
„Frost/Nixon“ läuft ab 6.2. im Kino.
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sober am 05.02.09 um 19:37 | Antworten
gut wars. nächster!
buggerblaster am 05.02.09 um 18:31 | Antworten
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