» fabula rasa
Standards in Kulturpessimismus
von Georg Cracked
Unser Freund Stefan war letztens total geknickt. Er hatte sich an einem stressigen Einkaufssamstag im Merkur irgendwo in eine Traube an den Kassen Anstehender gestellt, weil er, und wir wollen ihm das glauben, nicht wusste, wohin die Schlange genau ansteht.
Und plötzlich wird er von einem ungehobelten Durchschnitts-Ehemann als Vordränger beschimpft. Natürlich will sich unser Clemens rechtfertigen, aber der ungestriegelte Bürohengst sagt nur zu ihm: »Interessiert mi net. Geh in Oasch, Unnedicha«. Zuerst hat er ihn gar nicht richtig verstanden, aber dann dämmerte es ihm: Unnötiger. Unnötiger? Sagt er zu uns, das finde ich noch schlimmer als du Oasch, weil damit ist man immer noch irgendwie mit einer Lebensberechtigung ausgestattet. Als unnötig braucht einen keiner für gar nichts. Als Oasch kann man, also … wenigstens noch scheißen gehen, ergänzt seine Freundin, und schüttelt sich vor Lachen. Das fand Roland dann gar nicht so lustig. Warum leben wir zusammen? Und sie schüttelt sich wieder vor Lachen.
Er hat sich immer schon viel zu viele Gedanken gemacht. Markus stellte damals in der Schule die Theorie auf, die Boston Tea Party habe den Unabhängigkeitskrieg ausgelöst, weil bei den Briten Entsetzen darüber herrschte, dass in Boston zwar Tee ins Wasser geworfen wurde, aber keine Milch und Zucker. Kein Wunder, dass er seine Diplomarbeit über feministische Horrorfilme geschrieben hat (noch weniger ein Wunder, dass er damit durchgekommen ist.) Jüngst verlautbarte Herbert, dass aufgrund des allgegenwärtigen und allumfassenden Internet-Wissens der einzige Platz für Hipstertum noch abartige Sex-Fantasien sind (er hatte einen Artikel zum Thema gelesen). Nur was man im eigenen Kopf weggesperrt hat, kann noch intimes Spezial-Know-how sein, mit dem man sich von anderen abheben kann. Blöd nur, dass man diesen Distinktionsgewinn nicht einlösen kann. An einem späten Abend kann man solche Gedanken ja spannend finden, aber am ernüchterten Morgen wünschte man sich doch wenigstens eine bleibende Idee. Aber wo findet man die heute schon? Bei Erwin sicher nicht. Auch wenn er sich manchmal fragt, warum sich verändernde Dinge hinterfragt werden, aber kaum jemals wird hinterfragt, warum etwas so bleibt wie es ist. Das einzige, was sich nicht verändert, ist die Tatsache, dass sich gar nichts verändert. Aber so ist er eben, unser Stefan.


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