Tapetenwechsel?
14.06.2009
» wiener clubkultur

Schrebergarten deluxe

von Stefan Niederwieser, Johanna Stögmüller  


Die Pratersaunisten über Konkurrenz, die Nähe zum Strich, 20.000 WU-Studenten und das Worst Case Scenario ihres Club-Konzepts.

Bild: cover.jpg

Bild: pratersauna_web2.jpg


Quelle: The Gap 097


social widgets
Sharen, Bookmarken etc.:




Dieser Artikel ist mir was wert:

Ihr betont immer wieder, dass die Pratersauna mehr als nur ein Club ist...

Hennes Weiss: Nur für einen Club hätte ich den Job, den ich gehabt habe, nicht aufgegeben. Wir wollen eher so etwas wie ein kleines Museumsquartier machen und legen einen starken Fokus auf Nachmittagsbetrieb inklusive Gastronomie und Pool. Wir planen aber auch aufwändigere, ganz exklusive Club-Dinner. Was in anderen Ländern oft üblich ist - nämlich für ein Abendessen zu bezahlen und dazu auch den Eintritt in den Club zu bekommen - existiert in Wien nicht.

Stefan Hiess: Um sechs Uhr früh ist die Party aus - die Leute sollen dann gehen und Druffies brauchen wir hier sowieso nicht. Am Sonntag wird es Frühstück für junge Familien geben. 30 plus, solche Leute sollen herkommen zum Essen und Relaxen. Das Programm dafür haben wir auch schon.

In einer Powerpoint-Selbstpräsentation positioniert ihr die Pratersauna selbst in einer „Adult Target Group" mit „High Quality Standard" zwischen Café Leopold, Sass und Planetarium.

Hennes Weiss: Dieses Publikum, das Geld hat und das auch gerne ausgibt, auch Passage-Publikum, sehen wir beim Brunch oder zur Jamsession bei uns.

Stefan Hiess: Da warst du aber schon länger nicht mehr in der Passage.
(Gelächter) Seit sie mich das letzte Mal nicht reinlassen wollten, gehe ich dort nicht mehr hin.

Hennes Weiss: Wir wollen jedenfalls zu unterschiedlichen Tageszeiten, aber auch parallel, verschiedene Zielgruppen ansprechen. Wir sind ein Space, kein Club. Im Sommer haben wir mit dem Pool außerdem ein atmosphärisches Upgrade. In unsrem Interieurkonzept trifft der Charme der Fünfziger und Sechziger auf moderne Kunst und Design. Das alles ist von unterschiedlichen Artists konzipiert - wir binden also die Creative Community ein, unseren erweiterter Freundes- und Bekanntenkreis. Und dabei werden wir natürlich ständig wachsen, auch weil sich vieles nicht von Anfang an umsetzen lässt.

Glaubt Ihr nicht, dass ein poshes Ambiente einige Kreative abschreckt?

Hennes Weiss: Kreativität ist für mich relativ. Viele Leute sind kreativ. Andererseits versuchen wir gezielt Leute an allen Stellen des Clubs einzubinden. Im Design, als Plattform für VJs, später vielleicht auch mit Studios oder temporären Residencies.

Punkto Programm habt ihr bislang vor allem anderen Locations wichtige Clubs und Veranstaltungs-Schienen abgeworben. Was ist denn euer eigener konzeptioneller Beitrag?

Hennes Weiss: Wir stellen die Location zu Verfügung, wir koordinieren aber auch. Und wir werden eigene Veranstaltungen haben. Immerhin haben wir mit dem Wurstsalon auch eine eigene, starke Community aufgebaut. Die Pratersauna wird ihre eigene DNA haben.

Stefan Hiess: Ehrlicherweise müssten wir aber mehr selbst veranstalten. Auch in unserem Businessplan ist das höher angesetzt. Geplant waren mindestens vier Eigenevents, bei denen wir natürlich den gesamten Eintritt bekommen würden. Die Überlegung war Arbeit abzugeben, aber häufig ist es so, dass es deutlich länger dauert sich mit externen Clubs zu einigen. Es war aber nie unsere Intention anderen Locations zu schaden.

Hennes Weiss: Wir glauben fest, dass sich das gegenseitig befruchten wird und auch der Gegend viel bringt. Wir wollen, dass andere wichtige Locations bestehen bleiben. Und wir sind dabei so positioniert, dass wir niemandem ans Bein pinkeln. Wir haben uns einfach gedacht, wir packen alle unsre Freunde ein und feiern hier gemeinsam eine Party.

Stefan Hiess: Witzigerweise schaut es jetzt so aus, als wären andere Locations auf uns sauer. Aber viele der Veranstalter sind gute Freunde, anderen waren wir etwas schuldig und mit gewissen Leuten wollten wir einfach zusammen arbeiten.

Hennes Weiss: Natürlich mussten wir aber auch strategisch denken, denn sonst sind gewisse Clubs ja auch eine potenzielle Konkurrenz.

Welche Clubs habt ihr absichtlich nicht eingebunden? Und habt ihr auch gezielt Clubs gefragt, die nicht unbedingt eurer Vorstellung von elektronischer Musik entsprechen?

Stefan Hiess: Prinzipiell ist mein Geschmack breit gefächert. Wir haben aber mit „The Room" einen Veranstalter aus dem Sass ins Boot geholt, hinter deren Musik ich stehe, aber die ein Publikum ansprechen, das auch mal gerne eine ganze Flasche Wodka bestellt. Trotz Überlegungen in die Richtung haben wir es andrerseits nicht geschafft, über unsren Schatten zu springen und echte Mainstream-Clubs aus Volksgarten oder Passage zu integrieren. Obwohl hier in drei oder vier Jahren mindestens 20.000 Studenten von der WU, die demnächst gebaut wird, vor der Tür stehen werden.

Hennes Weiss: Andererseits fände ich es auch arrogant zu sagen, dass man nur die coolen Fashion-Leute bei sich haben will.

Man hat gelegentlich den Eindruck, dass ihr all die Clubkonzepte, die ihr auf euren Reisen gesehen habt, in der Pratersauna bündeln wollt.

Hennes Weiss: Genau. Wir wollen das umsetzen, was wir da oben in unsren Köpfen spinnen. Die Pratersauna wird eine Mischung aus der Berliner Bar25, dem Museumsquartier und einem 50er/60er-Jahre Charme, der einen ganz eigenen Touch bringt.

Erspart euch der dritte Mann im Boot eurer eigens gegründeten GmbH, der stiller Teilhaber und gleichzeitig Sohn des Besitzers der Pratersauna ist, Scherereien mit euren Nachbarn?

Hennes Weiss: Er kennt natürlich alle hier. Wir haben uns überall in der Gegend schon vorgestellt und wollen helfen, das Gebiet mit zu entwickeln. Das Praterservice hat uns mit offenen Armen empfangen. Eine eigene Station der Liliputbahn wäre natürlich irrsinnig cool. Wir könnten uns auch vorstellen unsere Services mit Gutscheinen für Attraktionen im Wurstelprater, etwa einer Tagatafahrt, zu verbinden.

Großteils ist das aber ganz ein anderes Publikum...

Hennes Weiss: Ja, und da sagen wir auch, Publikum aus dem Praterdome wollen wir nicht. Wir machen Türpolitik - keine Druffis, Dealer oder Prolos. Wir müssen auch unser Publikum schützen.

Stefan Hiess: Wir haben uns mit dem Wurstsalon ja einen sehr exzessiven Ruf erarbeitet. Aber die Pratersauna ist unser Reifeprojekt. Eine überdrehte Afterhour wird es zumindest im großen Stil bei uns nicht geben - das ist nebenbei gesagt in Wien ein extrem sensibles Thema. Die existierenden Genehmigungen sind uralt.

Manche befürchten, dass in der Nacht mit dem direkt angrenzenden Strich auf der Südportalstraße der Heimweg etwas ungemütlich werden könnte...

Hennes Weiss: Für mich ist dieser Strich ein lustiger Nebeneffekt. Sollte es Probleme geben, stellen wir einfach Security hin. Auf halbem Weg zur U-Bahn befindet sich eine neue Polizeistation. In einem Jahr wird der Strich verschwinden, weil die ganze Gegend mit der WU zum Prestigeprojekt umgewandelt wird.

Ihr investiert eine ganze Menge. Wann werdet ihr mit der Pratersauna den Break Even erreicht haben?

Stefan Hiess: Nur so viel: Wir haben einen Unternehmensberater und einen Fünf-Jahresplan. Und es gibt ein Good Case- und ein Worst Case-Scenario. Im günstigen Fall können wir eben schon früher unsere zahlreichen Vorhaben umsetzen.

Hennes Weiss: Die letzten zwei Monate haben wir sehr viel Kostenvoranschläge durchgesehen. Viel Geld fließt dorthin, wo man es anfangs nicht sieht - Fluchtwegbeleuchtung, Elektrik, Belüftung. Im Vergleich zu anderen Projekten dieser Größenordnung und mit diesem hohen Anspruch haben wir immer noch ein sehr kleines Budget. Dass das alles solche Ausmaße annehmen wird, war uns ehrlich gesagt nicht klar. Und wir hängen mit viel Startkapital selbst mit drin.

 

kommentare

sozialisieren auf facebook