story
Nach den Uni-Protesten
Thomas Weber Andreas P. Jagersberger
Wird die ÖH wieder eine politische Kraft? Die Feuerherde rund um die „Uni brennt“-Proteste scheinen gelöscht, Hörsäle werden wieder für Vorlesungen genutzt und das Budget der Universitäten und Hochschulen wurde aufgestockt. Aber welchen Weg wird die ÖH nach Protesten einschlagen, die ihre Mitglieder offiziell unabhängig von ihrer Interessensvertretung geführt haben?
Beatrix Karl
"Wir brauchen eine starke ÖH"
Eine starke Interessensvertretung der Studierenden, die mit unkonventionellen Ideen und provokanten Forderungen frischen Wind in die Hochschulpolitik bringt – ungemütlich, aber dennoch eine konstruktive Partnerin und erste Anlaufstelle für studentische Anliegen. So wünsche ich mir die ÖH. Als aktiven Player, der mir als Wissenschaftsministerin so manches zu überdenken und lösen gibt, aber dennoch, wenn auch mit oft konträren Positionen, dasselbe Ziel verfolgt: mehr Qualität und bessere Studienbedingungen an unseren Hochschulen.
Als demokratisch legitimierte Studierendenvertretung war und ist die ÖH für mich als Politikerin immer die erste Ansprechpartnerin. Doch das hätte sich in den vergangenen Monaten beinahe schlagartig geändert: Auf der einen Seite stand eine Protestbewegung, die sich von ihr nicht vertreten lassen wollte. Auf der anderen Seite standen Studierende, die durch die Blockaden vom Studium abgehalten wurden – diese Studierenden wiederum wollte die ÖH nicht vertreten. Also was tun? Eine Studierendenvertretung, die niemanden vertritt, stellt sich selbst ins Abseits.
Die Legitimation der Österreichischen HochschülerInnenschaft stand plötzlich in Frage. Aber wir brauchen die ÖH! Als starke Interessensvertretung für die Studierenden und als konstruktiven Verhandlungspartner für die Politik. Nur im Dialog können wir die Probleme an den Hochschulen lösen, die auch die verständliche Ursache für die Protestbewegung waren. Es ist nicht zumutbar, dass Studierende in überfüllten Hörsälen oder sogar davor sitzen müssen. Auch bei der Umsetzung der Bologna-Architektur gibt es genug zu tun. Aus einer großen Idee wurde in einigen Studienrichtungen durch halbherzige Umsetzung eine Misere.
Konträre Lösungsansätze, die ohne Frage vorhanden sind, müssen wir im Dialog zusammenführen, um einen gemeinsamen Weg zu finden. Ich freue mich auf spannende Diskussionen mit den Studierendenvertretern – sowohl mit den institutionellen als auch mit jenen aus der Protestbewegung. Hier spielt die ÖH als kreative Ideengeberin, Vermittlerin und konstruktive Verhandlungspartnerin eine unverzichtbare Rolle, in die sie gerade wieder zu finden scheint. Damit ist die Frage nach der Legitimation der ÖH beantwortet.
Beatrix Karl, 42, war seit 2003 als außerordentliche Universitätsprofessorin für Arbeitsrecht, Sozialrecht und Europarecht an der Karl-Franzens-Universität Graz tätig. Ihr Einstieg in die Politik erfolgte 2005. Zuletzt war sie Nationalratsabgeordnete und Wissenschaftssprecherin der ÖVP. Am 26. Jänner wurde die Steirerin als Wissenschafts- und Forschungsministerin angelobt.
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NächstesWas bisher geschah: Am 20. Oktober 2009 wurde an der Akademie der Bildenden Künste in Wien zum Generalstreik aufgerufen und gefolgt sind weit mehr als nur die Studentinnen und Studenten dieser Fakultät. Bereits zwei Tage später wurde der Hörsaal Audimax an der Universität Wien besetzt und dies sollte sich die nächsten 60 Tage nicht mehr ändern, auch wenn die Besetzer, mal frustrierte und aufgebrachte Studenten, mal fröhlich und ausgelassen feiernde Party Animals, bis hin zu Obdachlosen, immer wieder wechselten. Wogegen protestiert wurde, dass schien zeitweilig von den Protestierenden selbst vergessen worden zu sein, denn solidarisiert hatte man sich mit jedem, der einen nicht sofort aus dem Audimax kicken wollte und gefordert wurden teils naive und nicht zu realisierende Reformen, um die Welt zu verbessern. Den Protest losgetreten hatte aber eigentlich die Umstellung der Studien auf die Bologna-Struktur, sprich der Einführung von Bachelor- und Mastertiteln, sowie die Abschaffung einiger Studiengänge. Weiters angeprangert wurden Studiengebühren, Leistungsvereinbarungen und Zulassungsbeschränkungen.
Am 22. Dezember wurde in der Uni Wien dann eine Art symbolischer Weihnachtsfriede erzwungen und das Audimax geräumt. Verhallt ist der Ruf der Studentinnen und Studenten aber auf keinen Fall, denn immerhin konnten durch diese Protestaktionen, die sich nicht nur über ganz Österreich, sondern auch über Deutschland erstreckten, insgesamt 35 Millionen Euro für Universitäten und Hochschulen gewonnen werden. Politischer Vertreter der Protestierenden und somit auch Verhandlungsorgan war die ÖH, die österreichische Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft, ihres Zeichens Interessensvertretung aller Studierenden in Österreich. Zumindest zum Teil. Letztere dürften das aber ganz anders sehen oder gesehen haben. Denn zumindest offiziell wurde der Protest komplett unabhängig von der ÖH geführt.
Die Frage drängt sich auf, warum sich Studentinnen und Studenten von ihrer eigenen Interessensvertretung abkapseln wollen. Hat die ÖH etwa versäumt, die Interessen ihrer Schützlinge rechtzeitig zu erkennen, oder wurden diese Interessen und die Unzufriedenheit, dem politischen Frieden wegen, gar absichtlich übersehen? Die ÖH wird sich nach all dem jedenfalls eine neue Rolle für sich selbst überlegen müssen, denn offensichtlich waren der Service für die Studierenden und die politischen Aktivitäten der Hochschülerschaft vor den Protesten nicht unter einen Hut zu bringen. Oder sind Service und Politik in der Interessensvertretung gar ein Widerspruch?
Weiterführendes unter www.thegap.at/wortwechsel


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