story
Nach dem Kinderzimmer
Wenn HipHop auf Experiment trifft, tun sich die mit den Schubladen schwer. Ist das Abstract Rap, Progressive Post-Rap, ist das Indie-HipHop? Gott und Rap sind tot. Lang lebe das Lagerfeuer, an dem wir die Sterbelieder singen.
Vor genau drei Jahren befanden sich Textor und Quasi Modo auf Tour und gaben danach – für viele überraschend – ihre Arbeitsniederlegung bekannt. Es wäre wirtschaftlich nicht mehr möglich auf gleichem Niveau weiterzumachen, es wäre ein guter Zeitpunkt, den Namen zu den Akten zu legen, noch wäre ein geordneter Rückzug möglich. Kinderzimmer Productions, das Aushängeschild des „anderen“ Rap, haben also das Handtuch geworfen. Wer lebt jetzt in der Lücke?
Abstrakt versus deep versus deppert
Es gibt Rap, es gibt deepen Rap, es gibt abstrakten Rap. Hier liegt ein Missverständnis vor. Du bist nicht deep, nur weil du über Gefühle schreibst. Ein Liebeslied für Mama oder die Freundin macht dich nicht zu einem Conscious Rapper – auch so eine Kategorie – , zumal Tracks über die Freundschaft zum besten Freund abseits von männlichen Gangsterfantasien schon wieder Seltenheitswert haben, könnte ja schwul rüber kommen.
Deep setzt vor allem einen konsequenten Umgang mit Sprache und Musik voraus. Abstrakt sogar noch mehr: Unnachahmlichkeit, Freude am Abgedrehten und am Chaos, an Experimenten und am Nichterfüllen von Hörgewohnheiten. Oder, so Audio88: „Wenn man das Wort ‚abstrakt‘ so versteht, dass vom Allgemeinen auf das Wesentliche abstrahiert wird, dann ja. Wenn mit Abstract Rap nur gemeint ist, dass der Rap abstrakt ist, weil er sich nicht reimt, dann nein.“ An Audio88 kommt man auf der Suche nach dem anderen Rap nicht vorbei. Er reimt wirklich nicht und beschäftigt sich trotzdem konsequenter mit Flow und Sprache als so mancher Doppel- und Trippelreimer. Wer darin einen Widerspruch sieht, darf jetzt umblättern. Hier kommt nichts mehr, was dich interessieren könnte.
Komischer Rap?
Eine Freundin, die selbst Musik zwischen Stühlen macht, reagiert beim ersten Hören auf 88:Komaflash, denen mit „Untergang//Wiederaufbau“ ein Meisterwerk gelungen ist, mit: „der rapt so komisch“. Stimmt schon, die Aufnahmetechnik orientiert sich an einer Low-Fi-Ästhetik. Stimmt auch, sprachlich erinnert der Komaflash-MC Omega eher an die verschrobene Bildsprache der Goldenen Zitronen als an die technischen Skills eines Eminem. Die Texte reimen sich nicht auf der 4, dann auf der 8 und dann auf der 16, also nicht immer am Zeilenende und vielleicht noch mal dazwischen. Was beim Hören im Kopf entsteht, ist deshalb nicht weniger mächtig. Vorausgesetzt, man nimmt sich die Zeit, den Gesamteindruck wirken und in Details zerfallen zu lassen. Es geht um (intellektuelle) Expression: „Offensichtlich bleib ich Kopfmensch, doch ich rap aus dem Bauch raus“ heißt es in „Zementgarten“.
Wo ist die Bühne?
Zuerst einmal im Netz, organisiert über halbprivate Blogs, über Labelseiten und natürlich im Web-2.0. Auch in Plattenläden, eher aber im Mailorder, immer aber mit durchdachtem Drumherum und schönem Artwork. Vielleicht auf Poetry Slams. Und auf Gigs - in Wien z.B. im Fluc, im Rhiz, manchmal im Luftbad oder im Badeschiff, wenn Loud Minority oder Qwer mit der WakeUpFam veranstalten. Im Tüwi und in der Arena. In Linz in der Kapu, in Innsbruck in der PMK, wenn NLK bucht. Auf hiphop.at wird das nur angekündigt, wenn die Veranstalter daran denken, was nicht der Fall sein muss. Denn, wenn HipHop auf Experiment trifft, verlassen HipHopper meist den Raum.
„Untergang//Wiederaufbau“ von 88:Komaflash ist diesen Sommer bei Quiet Records erschienen. Ein Making Of des Covers von Komaflash hier.
Abstrakter Rap lebt als Szene, die Szene spielt sich hier ab:
Magazine:
Dead Magazin - PDF plus mp3s oder Print plus Vinyl
www.deadmagazine.de
Leave.music – Deutsches Label
www.leavemusic.de
Quiet recs – Schweizer Label
www.quiet.ch
Künstler:
Anatol Anderswo - Poetry Slammer, mit 7‘‘ Faible
www.myspace.com/vidiverve
88:Komaflash – Kampflieder für IndividualistInnen
www.88komaflash.de
Audio88 – Reimlose Punchlines
www.audio88.com
Amewu - Speed kills nur ohne skills
www.myspace.com/kriegerdeslichts
Anna – Poetry Slammerin mit Beats von u.a. Bit:tuner
www.myspace.com/annafrey
Lea One – aktiver MC, betrieb lang eine Independent Rap Plattform, hosted jetzt eine Radiosendung
www.lea-won.net
Manges / Kehlkopf - Oldschool Vertreter des ‚anderen‘ Raps
www.kehlkopf.com
Materpfahl - „Wir sind nicht tot - aber leider beschäftigt“ Reinhören geht.
www.materpfahl.com
Misanthrop – Andere noch überlegen, ob sie zugeben wollen, dass sie lesen können. /Misanthrop/ macht eine „Leseliste“. Tracknamen: „Effi Briest“, „Die Kunst des Krieges“, ...
www.misantropolis.de
Sichtbeton – Abstract Rap Legende, jetzt wieder aktiv
www.myspace.com/sichtbeton
Österreich
Aas der Basis – Das Debutdemo heißt „Stinkmorcheln“, wir warten auf mehr!
www.myspace.com/aasderbasis
Benedikt Walter – Tonträger-Urgestein jenseits jeder Kategorie. Verstören von Hörgewohnheiten? Unbedingt.
www.myspace.com/benediktwalter
Fang den Berg - Stefan Rois mit neuer Band und Wurzeln im Hard-Core und Punk
www.myspace.com/fangdenberg
Parkwächter Harlekin - hüpft nur aus Höflichkeit
www.myspace.com/parkwaechterharlekin
Qwer/OleZweifel - vernetzt in Deutschland, aktiv in Wien
www.myspace.com/olezweifel


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