Tapetenwechsel?
14.02.2011
» neue töne

Musikfernsehen Neu auf tape.tv

von Lisa Dreier  


Einen möglichen Ausweg aus der Krise des Musikfernsehens bietet das personalisierte Online-Musikfernsehen auf tape.tv. Das Musikportal stellt ein individuell zugeschnittenes Angebot an Musikvideos von internationalen und nationalen Künstlern Musikfans online legal zur Verfügung.

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Der Berliner Online-Musiksender tape.tv ist bereits seit 2008 online und bietet eine neue personalisierte Form des Musikfernsehens. Damit kann man, wann und wo man will, Musikvideos aus diversen Genres wie Pop, Rock, Indie, HipHop oder Soul anschauen. Und das ohne nervige Klingeltonwerbungen oder Reality Soaps. Das junge Internet-Unternehmen verfolgt das Ziel, das beste Musikfernsehen im digitalen Zeitalter zu liefern. Dabei wollen sie die Einfachheit des Fernsehens mit den vielseitigen Möglichkeiten des World Wide Webs verknüpfen.

Weg aus der Krise des klassischen Musikfernsehens

2,2 Millionen monatliche User scheinen dem Gründerteam Conrad Fritzsch und Stephanie Renner Recht zu geben. Die beiden reagierten mit der richtigen Idee und zeitgemäßen Know How auf die Krise des klassischen Musikfernsehens. Die Zeiten, wo Musikvideos das wichtigste Werbemittel für CD-Singles waren, sind längst vorbei. Formate wie MTV oder Viva sind in einer Krise und die dominierende Onlineplattform Youtube streitet sich mit der deutschen GEMA und anderen Verwertungsgesellschaften über die Höhe der Lizenzgelder. Tape.tv zeigt in diesem Wirrwarr an überholten Formaten und Urheber- sowie Lizenzstreitigkeiten innerhalb der Musikwelt zumindest eine brauchbare Alternative auf.

Problematisch bei bisherigen Onlineangeboten ist die fehlende Komplettlizenzierung der Urheber- und Leistungsschutzrechte. Hier setzen die tape.tv-Macher an, indem sie auf Lizenzvereinbarungen mit allen größeren Majors und auch Indie-Labels setzen. Mit der GEMA gibt es ebenfalls eine Vereinbarung. In einem Interview mit Lars Sobiraj outet sich CEO Conrad Fritzsch als ein Anhänger der Creative Commons, (Non-Profit Organisation, die in Form vorgefertigter Lizenzverträge, eine Hilfestellung bei der legalen Verbreitung von Internetinhalten anbietet). Somit wird hier im Vergleich zu YouTube zwar ein eingeschränktes Videoarsenal geboten – das durchaus noch ausbaufähig ist – aber zumindest die rechtliche Situation ist geklärt. Wohingegen auf der YouTube Plattform wegen der Urheberrechtsstreitigkeiten bereits regelmässig Videos für bestimmte Länder gesperrt werden müssen.

Finanzierung durch Werbung

Finanziert wird tape.tv laut PR-Informationen hauptsächlich über die Werbespots zwischen den einzelnen Musikvideos. Über die weiteren Einnahmequellen gibt es erstmal keine näheren Auskünfte. Hinter dem finanziellen Erfolg von tape.tv steckt ein gut konzipiertes Marketing, dass sich darauf spezialisiert ihre Werbemittel zu verbessern und diese mit der Musik zu verknüpfen, während im herkömmlichen Musikfernsehen, die Werbung den Platz der Videos weitestgehend übernimmt.

Dabei setzt vor allem ein selbst entwickeltes Werbeformat, das 360 Grad Motion Ad, neue Akzente. Bei dieser Werbeform legt sich die Werbeeinschaltung wie ein Rahmen in Form einer dynamischen Flashanimationen um die Videos. Man muss keine lästigen Werbe Pop-Ups wegklicken wie auf anderen Streaming-Plattformen. Für Werbepartner ist die Aufmerksamkeitsspanne länger, außerdem erreicht er damit überwiegend eine junge Zielgruppe. Wer die Musik lieber werbefrei genießen möchte, kann tape.tv einen Betrag überweisen.

Medienkooperationen sind ebenfalls ein wichtiger Teil des Marketingkonzepts von tape.tv. Neben Spex, Bild oder Bravo kooperiert auch TBA mit den Berlinern. Die Rubrik „TBA Loves Music Videos“ bezieht sich ausschließlich auf das Videoangebot von tape.tv.

Vorteile gegenüber YouTube?

Tape.tv zeigt im Gegensatz zu YouTube eine begrenzte Videoauswahl, die jedoch von einer eigenen Musikredaktion vorselektiert wird. Durch verschiedene Menüpunkte kann der Nutzer zwischen diversen Kategorien wählen und sich sein individuelles Programm zusammenstellen. Außerdem können individuelle Mixtapes erstellt werden oder Lieblingsvideos über Social Network Plattformen verteilt werden. Derzeit ist ein Angebot von 30.000 Musikvideos kostenfrei für jeden mit Internetzugang zugänglich. Und die Musik gleich direkt gekauft werden. Leider können die gezeigten Videos nicht direkt in einer Website oder einem Blog eingebunden werden, das sonst so erfolgreiche Embedding von YouTube fehlt. Personalisierungen gehen dort ebenfalls weiter.

Zukunftsvisionen

Bisher ist die Videoplattform nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz online abrufbar. Dies soll sich aber in Zukunft, wenn es nach den Köpfen des Unternehmens geht, ändern. Für eine Expansion ist allerdings wiederum ein enormer Aufwand mit der Freigabe von Rechten verbunden. Konkret arbeitet die Plattform zurzeit an acht neuen Sendeformaten, die im hauseigenen Fernsehstudio produziert werden. Auch eine Kooperation mit ZDF Kultur in Form der Livesendung „On Tape“ ist in Arbeit. Zu guter Letzt soll auch die eigene Konzertreihe „Auf den Dächern“ weiter ausgebaut werden. Bisher standen bereits Bands wie Francis International Airport, Norman Palm oder The Gaslight Anthem für eine Unplugged Session auf dem Dach des tape.tv-Headquarters in Berlin.

Die Finanzierung der Streamings wird die Hauptherausforderung für tape.tv werden, denn nur mit Werbung und einem werbefreien Abo wird der Service kaum zu stemmen sein. Die GEMA schließt derzeit vor allem vorläufige Vereinbarungen, weil sie zwar der Zukunft im Netz nicht im Weg stehen will, aber mittelfristig die Lizenzvereinbarungen nachverhandeln muss, weil mit Mikrocent-Beträgen kein Künstler oder Regisseur überleben kann. Zumeist scheitern ähnliche Streaming-Services genau an diesen aufreibenden Rechtsstreitigkeiten. Für Musikbegeisterte ist tape.tv in der Zwischenzeit definitiv eine Bereicherung, auch wenn gewisse Basisfunktionen noch nicht integriert sind und die Form derzeit noch über die Funktion siegt.

 

Wichtige Begriffe im Urheberrechtsstreit

geistiges Eigentum

Darunter versteht man Ideen und die darauf beruhenden Werke eines Schöpfers.

Urheberrecht

ist ein gesetzlich eingerichteter Schutz des geistigen Eigentums. Es sichert die ideellen und materiellen Rechte eines Autors/ Künstlers an seinem Werk (Buch, Bild, Text, Skulptur etc.). Ziel ist es, jene zu schützen, die ein Werk geschaffen haben bzw. die Nutzungsrechte für ein Werk erworben haben. Das Urheberrecht bleibt aufrecht bis 70 Jahre nach Tod des Autors.

Lizenz

 

Vertrag, der festlegt welche Rechte einem Verlag/einer Verwertungsgesellschaft an dem Werk eines Urhebers eingeräumt werden.

 

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