Tapetenwechsel?
08.02.2010
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Know-Nothing-Gesellschaft 103

von Illbilly The K.I.T.T.  


Den Füller ausstrecken

Bild: Bild_1_81.png


Quelle: The Gap 103


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Es gibt oft nichts Quälenderes als sich festlegen zu müssen. Tennis oder Squash? Ski oder Snowboard? Aufstehen oder liegen bleiben? Crack oder Nutte? Heinz oder Fischer?

Unlängst stolperte ich über einen Satz, der mir nicht und nicht aus dem Kopf gehen mag. Obwohl ich nicht mehr weiß, ob er in einem Buch, einem Magazin, einer Zeitung oder einer PR-Mail stand, kann ich ihn exakt zitieren, weil er den versengenden Charme gleißender Dummheit versprüht und sich auf diese schelmische Weise bei mir einbrannte. Achtung, er kommt: „Das Zeitfenster zwischen kurz nach dem Kauf eines 300 Watt Pürierstabs bis zum ersten, ernsteren Bandscheibenvorfall, bietet sich förmlich an, langsam von Kugelschreiber wieder auf Füllfeder umzusteigen.“
Irgendwie ergibt das keinen Sinn. Was soll denn das bitte heißen? Oder sind solche Aussagen das Ergebnis, wenn Autoren auf diesen neokonservativen Wertescheißdreck-Zug aufspringen, der jetzt überall herumtuckert und sich dabei dilettantisch an Selbstironie versuchen? Schade für an sich etwas sehr Schönes wie eine Füllfeder, die so zum Lifestyle-Symbol stilgerechter Frühvergreisung wird, nur weil gerade wieder konservativ im Trend liegt. Aber abgesehen davon: Der Satz macht mir Angst. Seit Jahren bin ich nämlich stolzer Besitzer eines 600 Watt Stabmixers und fürchte mich nun davor, dass die im Satz angedeutete Korrelation doch stimmen könnte. Vor allem auch, weil nicht mit Sicherheit zu sagen ist, ob mich das doppelt so leistungsstarke Küchengerät doppelt so schnell zum Chiropraktiker bringt. Wie viel Zeit mir für einen eventuellen Umstieg auf die Füllfeder noch bleibt, und wie dieser dann überhaupt etwas in Sachen Wirbelsäulenversagen verhindern soll, wird erst gar nicht beantwortet. Allerdings kenne ich die Lösung ohnehin. Irgendwie. Denn durch tiefes in mich Hineinhorchen weiß ich, dass ich etwas für meinen Rücken tun sollte, der vom vielen Herumsitzen langsam aber sicher immer mehr verkrümmt.
Pilates nämlich! Auf diese leicht angeschwulte Idee kam ich übrigens nicht von selber, sondern sie stammt von einer Vertrauensperson in Sachen Fitness. Mein Vorschlag, Hatha Yoga, auch ein bisschen angeschwult übrigens, ist leider überhaupt nichts für mich, so die Fachfrau, denn es sei zu anstrengend für Bewegungsuntalente. Also kein Hatha /pour moi/. Und ich wollte es ja sowieso nur machen, um mir selbst einen blasen zu können, aber so biegsam werde ich wohl niemals werden.
Ich bin jedenfalls froh, dass mir die Entscheidung Yoga oder Pilates abgenommen wurde. Es gibt ja nichts Quälenderes, als sich in einer Entweder/oder-Frage festlegen zu müssen. Tennis oder Squash? Ski oder Snowboard? Dusche oder Bad? Aufstehen oder liegen bleiben? Crack oder Nutte? Heinz oder Fischer? Diese Liste könnte ich übrigens beliebig lang fortführen, auf gut 300 solcher Begriffspärchen kam ich nämlich unlängst, als ich während eines Pilates-Schnupperstündchens in aller Ruhe meine Mitte zu entdecken probierte und dafür in regelmäßigen Abständen mein /Powerhouse/ aktivierte. Dabei muss man Popsch-, Beckenboden-, Rücken- und Bauchmuskeln anspannen und es fühlt sich dann ein wenig so an, als ob man nach innen gackt. Superkühle Scheiße, dachte ich und konzentrierte mich darauf, richtig zu atmen. Mit seelenruhiger Blickoffensive schaute ich dabei den anwesenden Damen zu und schwelgte in Wüstlingsfantasien, an denen ein leicht u-hakenförmiges Büromäuschen und die Kursleiterin, ein harscher Drill-Instructor, nicht ganz unschuldig waren. Nur so viel: Der oder die Erfinder/In der Leggings hat jedenfalls über die Anziehungskraft und die erotische Wucht von Konturen Bescheid gewusst, denn nach jeder neuen Übung schien es, als würden die bislang vernachlässigten Muskelpartien Rache an der engen Kleidung ihrer Trägerinnen nehmen und sie sukzessive auffressen wollen. Schweiß und zartes Ächzen taten dann das ihrige dazu, um die Situation für mich beinahe unerträglich zu machen. Ich musste an etwas anderes denken, denn wenn man am Rücken liegend mit den Beinen ein V macht, und sich dabei langsam eine mächtige Erektion abzeichnet, kommt das nicht besonders gut. Selbst in Schnupperstunden.
Eben wollte ich statt Erektion eigentlich Penis schreiben. Aber der Text würde dann ziemlich sicher wieder im Spam-Ordner des Lektors landen. Ich habe nämlich die Angewohnheit, Kolumnen aus reiner Böswilligkeit in Mails zu kopieren, damit die anderen mehr Arbeit haben und sich über mich ärgern. Allerdings, wenn jemand einen guten Spam-Detektor hat, landet die Chose nicht in der In-Box. Das will /ich/ wiederum nicht. Dasselbe gilt übrigens für Texte, in denen Fotze und Muschi drinnen vorkommt. Fut geht aber wieder, Fut wird nicht erkannt, weswegen ich demnächst eine Kolumne verfassen werde, bei der ich Fut schreib, wenn ich Penis meine und Futfut, wenn ich Fut meine. Aber was vom Gender-Standpunkt interessant aussieht, ist für Leser/Innen wahrscheinlich nur verwirrend und störend.
Egal, da lag ich nun am Rücken und stöhnte: „Nabel zur Wirbelsäule!“, „Nabel zur Wirbelsäule!“ aber alles woran ich denken konnte war, wie ich mich möglichst unauffällig und schnell mit der Pilates-Kursleiterin auf Facebook befreunde. Wobei, gut ist das nicht, denn ich werkle schon seit Monaten an meiner ominösen „Top Ten Facebook Friends I Would Like To Fuck With“-Liste, die ich der Einfachheit wegen TTFFIWLTFW-Liste nenne. Unmöglich sie fertig zu stellen. Entscheidungsqualen. Eh schon wissen. Ich kann mich einfach nicht beschränken, nicht gewichten und auch nicht ranken. Ich frag mich grade, ob es auch Bandscheibenvorfälle gibt, nach denen man wieder Schreiben lernen muss. So wie nach einem Schlaganfall. Und wenn ja, womit? Kugelschreiber oder Füllfeder? Und ausatmen.

 

kommentare
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die know nothing gesellschaft

hej, ich hab deine Kolumne in der 103-Ausgabe gelesen und find, dass dir der Versuch lustig zu sein missglückt ist. -Was mich an sich noch nicht dazu motiviert hätte mich bei thegap zu registrieren um dir dann ein Kommentar zu hinterlassen... nein, ich will dir nämlich eine Frage stellen: Hat die Tatsache, dass du für das männliche Geschlechtsorgan den medizinsch gebräuchlichen Terminus "Penis" verwendest während du für das weibliche Sexualorgan mehrmals den abwertenden Ausdruck "Fut" gebrauchst eher etwas mit deiner Unreflektiertheit bezüglich deiner Sprachanwendung oder mehr mit deiner sexistischen Einstellung zu tun? Was dich auch geritten hat... Gesellschaftskritik ist offensichtlich nicht dein Ding (und lustig war die Sache leider auch nicht). Sry, aber du bist ein guter Grund thegap nicht zu abonnieren.


Dani am 06.03.10 um 23:16 | Antworten

Hallo Dani, vielen Dank für Dein ausführliches Feedback und die Zeit, die du Dir genommen hast es erstens zu verfassen und zweitens zu posten. Ich für meinen Teil musste mich eben selbst sehr kompliziert anmelden. Hat nicht funktioniert, drum bin ich am Account meiner Freundin unterwegs. Und wenn ich mich öfters auf diesem Kolumen- und Textfriedhof herumtreiben würde, hätte ich Dir auch schon früher geantwortet. Sorry also, dass Du solange warten musstest. Nichtsdestoweniger mache ich es umso lieber. Du wirst es nicht glauben, zumal Du ja auch diese Kolumne nicht witzig findest, dass ich „Penis“ geschrieben habe hat keine medizinischen, sondern humoristische Gründe. Ich dachte das erschließt sich deutlich. Zur Erinnerung: „Penis“ wird vom Spam-Detektor erkannt. Ebenso wie die anderen, niedlicheren Kraftausdrücke, das weibliche Geschlechtsorgan betreffend. Nicht erkannt wird „F..“ Dennoch: In weiterer Folge wird diese Kolumne, erstrecht im Spam vom Lektor landen, weil ja erst wieder „Penis“ (med.) drinnen vorkommt. Eine kleine, Pointe, basierend auf die Methode des „Logischen Widerspruchs“. Das kann man lustig finden, oder auch nicht. Ich tu es, so sehr, dass es mich schon beim Schreiben der Zeilen arg hergebeutelt hat. Dass das Wörtchen „F..“ sehr negativ konnotiert ist weiß ich. Ich habe es eigens in meinem „Lexer“ nachgeschlagen und festgestellt, dass es bereits im Mittelhochdeutschen abwertend für „Frau“ gebraucht wurde. Übrigens zu einer Zeit als das Wörtchen „frouwe“ (Herrin) ebenfalls langsam eine Abwertung erfuhr, in dem Sinn, dass nicht mehr nur die Königin, die Herrin damit bezeichnet wurde. Egal, unnötiger Klugschissexkurs meinerseits. Was ich damit sagen will, es war mir sehr wohl bewusst, und ich habe es trotzdem getan. Auch weil ich wissen wollte wie viele „F..“s ich in einen Satz unterkriegen kann. Es waren übrigens sieben, und ich habe damit die Latte wohl ziemlich hochgelegt. Darauf darf ich zurecht stolz sein, ebenso wie darauf, dass ich sprachlich ja „Penis“ (med.) und „F..“ (vulg.) gleichsetze („...ich Fut schreib, wenn ich Penis meine...“) Eine, wie ich finde vorzügliche Idee, die – zugegeben – nicht auf den ersten, nicht auf den zweiten und auch nicht auf den dritten Blick sichtbar wird. Zuviele „F..“s versperren den Blick darauf. Zum Thema sexistische Einstellung fällt mir jetzt leider nichts ein, aber Du musst mir jetzt einfach glauben, dass dem nicht so ist. Ich schreibe diese Kolumne ja nur, weil ich 1.300 Euro dafür bekomme. Und soll ich Dir was sagen, die feinen Herren Chefredakteure, und Herausgeber glauben mir nicht, dass deswegen die Abos zurückgehen. Ja nicht einmal mehr daran gedacht wird, überhaupt eines abzuschließen. Print ist tot, ich leben eine Lebenslüge und flehe Dich nun auf Knien an: nimm das „thegap“ wenigstens mit, wenn Du es wo gratis herumliegen siehst. Alles Liebe I.B.T.K


fahrgast am 28.03.10 um 19:40


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