Tapetenwechsel?
09.09.2009
» know-nothing-gesellschaft

Know-Nothing-Gesellschaft 098

von Illbilly The K.I.T.T.  


Neue Belanglosigkeit im Zeichen des Wehleids unter der Dusche. Oder: Der Versuch, einen gekünstelt langen Kolumnentitel zu finden, wohl wissend, dass dies ein total abgeschmacktes Unterfangen ist.

Bild: Illbilly_098_Kakob_Kirchmayr.jpg


Quelle: The Gap 098


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Ich kriege immer einen Melancholischen unter der Dusche. Deswegen wasche ich mich nicht besonders gern. Es fällt aber kaum jemandem auf, weil mein Schweiß immer eine sanfte Nuance Rosenduft verströmt. An guten Tagen riechen meine Buhs sogar ein wenig nach Vanille. Den Rest pampe ich mir mit Nivea-Creme weg und rieche dann immer ein wenig nach angebrannten Barbour-Jacken und pubertierender Mädchenjungschargruppe. Heute ist kein guter Tag. Ich stehe nämlich unter der Dusche und denke über Belanglosigkeiten nach. Ich bin schon total nass überall. Ich habe in letzter Zeit zu viel Weicheier-Literatur gelesen. Die meisten Männer jammern sich im Moment derart einen runter, dass es kaum noch auszuhalten ist. Ewige Post-Pubertät, wo man hinschaut. Warten auf Erlösung aus der prekären Lebenssituation durch ein sich näherndes Erbe oder einen glücklichen, künstlerischen Wurf. Die bedeutungslose neue Art des Befindlichkeits-Rülpsings grassiert überall. Da ist sicher Charlotte Roche dran schuld. Sie hat dem Grind in der Literatur die Unschuld geraubt. Kein Wunder, dass literarische Schlappschwänze nun herumlamentieren und ihre weiblichen Pendants detailliert beschreiben, warum sie nicht mehr richtig kacken können.

Ich schaue in mein vom Duschkopf verzerrtes Gesicht und denke, dass ich beides recht gut kann. Jammern und Klo gehen. Erst eben wieder habe ich einen sanften Schleicher mit leiser Eleganz in die Muschel gelegt, und dabei unverschämt in mich hinein grinsen müssen. Die Wurst geht so lange zum Rohr, bis sie bricht. Früher, im Prälottezeuikum, bedurfte es nicht solcher Sätze. Dafür lässt sich jetzt mit kaum etwas besser angeben und provozieren, als mit einer gut funktionierenden Verdauung. Das ist total Anti-Mainstream im Moment. Kann aber sein, dass ich mich irre. Oder vielleicht etwas verpasse und in Wirklichkeit alle immer und überall von guten, gelungenen Schissen erzählen und Phänomenologien über Kloschüsseln verfassen. Man kann ja schließlich nicht alles verfolgen. Das ist auch der Grund, warum ich oft ein bisschen hinten nach bin. Nicht viel, nur einen kleinen Schritt, aber der reichte bereits, dass ich wohl, lebte ich einige Jahrzehnte früher, ein Alt-69er wäre.

Ich lasse den Brauseregen in meinen Mund perlen. Orale Tropffolter. Ich muss lachen. Ha ha. Alt-69er, total zweideutig, vielleicht sogar dreideutig irgendwie und mir fällt ein, dass meine Französisch-Lehrerin stets sagte, dass meine Prononciation ein bisschen Altfranzösisch klingt. Ich stellte mir dann immer vor, sie wäre noch älter, hätte schon ihr drittes Gebiss, nimmt es raus und beginnt mir sauber und zahnlos einen abzublasen. Altfranzösisch eben. Als Jahre später einmal ein Scherzbold am Tresen im Vollrausch diese Zutaten zufällig zu einer Pointe machte, war ich peinlich berührt und fühlte mich um eine Fantasie betrogen. Sicher war es Zufall, aber niemals vorher und nur selten nachher spürte ich ein derart intensives Verlangen, jemand körperliche Gewalt an zu tun. Es ging so in Richtung Stecknadeln in die Pupille und so.

Ich schiffe in den Abfluss. Dabei denke ich wehmütig an früher. Und an die miesen Romane von Alexa Hennig von Lange. Die hat dem Duschbrunzphänomen einmal einige Seiten gewidmet. Ich komm aber echt nicht drauf, wie der Roman heißt. War eh schlecht. Ich vergesse immer Titel. Von Songs, von Alben, von Büchern, von Filmen. Das hinterlässt oft einen merkwürdigen Eindruck auf meine Umwelt, wenn es sichtbar in mir rattert und knattert. Es ist ja eines dieser fiesen Gesetze des Kosmos, dass beim Nachdenken der Gesichtsausdruck nicht unbedingt intelligent wirkt. Und wenn einem etwas auf der Zunge liegt, wird es nochmals verschärft. Aber mit einigen Tricks kann man sich trotzdem weiterhelfen und durchs Leben kommen. An der Kinokassa etwa sag ich nie wie der Film heißt, sondern nenne lediglich den Namen des Regisseurs. „Einen Randplatz für Almodóvar“. Das irritiert, weil es sehr abgehoben wirkt, vor allem weil überall Filmplakate aufgehängt sind und so jeder, der lesen kann ja eigentlich wissen müsste, was gespielt wird. Und es ist ja nicht so, dass ich das nicht sehen würde und mir zu Augen führte. Allerdings ist die Spanne zwischen Registrieren und Vergessen eine äußerst kurze. Außerdem fürchte ich mich auch davor, Titel falsch auszusprechen. Prononciation-Angst, die mir aus dem Französisch-Unterricht geblieben ist und die momentan übrigens stärker ausgeprägt ist, als meine Furcht vor Zahnstein.

Das Warmwasser neigt sich langsam dem Ende zu. Früher hätte ich mir jetzt den Duschkopf in die Harnröhre eingeführt, und noch mal volle Pulle auf heiß gedreht. Jetzt wünsche ich mir aber ein bedeutungsvolleres Ende.

 

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