Tapetenwechsel?
07.02.2012
» coverstory

Kann Pop die Welt verändern?

von Selina Nowak  


Im arabischen Frühling wurden unbekannte Musiker zu Symbolfiguren der Protestbewegungen. Haben sie den Aufstand befeuert oder nur die Begleitmusik eines Umsturzes geliefert, der auch ohne sie stattgefunden hätte? Über die Ambivalenzen von Revolutionsmusik.

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Jede Revolution hat ihre Hymnen. Ob Kampflieder oder Freiheitsballaden – gerade in Zeiten des Umbruchs spielt Musik als Verstärker von Gefühlen eine große Rolle. Altmeister Gil-Scott Heron meint gar: »Künstler sind dafür zuständig, bei den Leuten ein Umdenken zu bewirken. Wir bereiten den fruchtbaren Boden für Revolutionäre, sind aber selbst keine.« Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, das südafrikanische Anti-Apartheid-Movement, der Sturz der Diktaturen in Südamerika oder der Fall des Eisernen Vorhangs – all diese Ereignisse wurden von Musik begleitet, die bis heute noch legendär ist. Wie aber klingt der arabische Frühling?

Nicht erst seit 2011 singen und rappen junge Musiker in vielen arabischen Ländern für mehr Chancen und Gerechtigkeit. Die Videos stellen sie auf Youtube oder Facebook – und somit der ganzen Welt – zur Verfügung. Aber erst die Revolten in Tunesien und Ägypten rückten diese kleinen Musikszenen, die auch in ihren eigenen Ländern kaum mediale Präsenz hatten, plötzlich international ins Licht. Im Gegensatz zu den meisten arabischen Popstars zeigten viele unbekannte Künstler politisches Engagement, traten bei den Protesten auf und komponierten Revolutionssongs. Begeistert berichteten westliche Medien über täglich neue »Hymnen der Revolution«, die angeblich oder tatsächlich bei den Demonstrationen gesungen wurden. Im Juli 2011 erschien ein Sampler mit dem etwas sperrigen Titel »From The Kasbah/ Tunis To Tahrir Square/ Cairo and Back - Our Dreams Are Our Weapons« (Network). Er versammelt viele dieser tunesischen und ägyptischen »Revolutions-Hits«, ist gewissermaßen ein Soundtrack zur Revolution in diesen beiden Ländern.

Tunesien war das erste Land, in dem letzten Winter das Volk revoltierte. Auslöser war die Selbstverbrennung des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi am 17. Dezember 2010. Die darauffolgenden Proteste richteten sich gegen das autokratische, korrupte Regime, die steigenden Preise und die hohe Arbeitslosigkeit, von der vor allem die Jugend des Landes betroffen war. Etwa 60 Prozent der tunesischen Bevölkerung sind unter 30 Jahre alt. Der Akademikeranteil ist zwar relativ hoch, doch bedeutet ein abgeschlossenes Studium bei weitem keinen Ausweg aus der Perspektivlosigkeit.

El Général – die Stimme der tunesischen Revolution

Einer, der sich mit den Zuständen in Tunesien nicht länger abfinden wollte, war der 23-jährige Pharmaziestudent Hamada Ben Amr. Als El Général veröffentlichte er schon am 7. November 2010 den Rap-Song »Rayes Le-Bled« (Präsident des Landes) über Facebook. Zum ersten Mal wagte es einer, den tunesischen Präsidenten direkt anzugreifen – manch böse Zungen spotten zwar, er wäre einfach nur zu blöd, seine Kritik an der Zensur vorbei in metaphorische Bilder zu verpacken, wie es die meisten seiner Rap-Kollegen taten. Allerdings: El Générals tunesisch-arabischen Lyrics trafen, untermalt von schweren HipHop Beats, genau den Nerv seiner Generation. Der Song verbreitete sich wie ein Lauffeuer und wurde Teil der entstehenden Protestbewegung. Als dann im Dezember die großen Proteste losgingen veröffentlichte El Général ein weiteres Lied »Tunis Bladna« (Tunesien ist unser Land), in dem er direkt zur Revolution aufrief.

Als das Regime auf seine Musik aufmerksam wurde, war es schon zu spät. Verhaftung und Gefängnis steigerten die Popularität des Rappers nur noch. Die internationalen Medien feierten ihn als »Stimme der tunesischen Revolution«, seine Songs erhielten weltweit Airplay auf etlichen Radiostationen und vom Time Magazine wurde El Général gar unter die 100 einflussreichsten Personen des Jahres 2011 gewählt. Dann hörten ein paar Journalisten bei seinen Liedern genauer hin und bemerkten: Der Typ rappt zwar gegen Armut und Unterdrückung, aber ebenso gegen Amerika und Israel und scheint dabei auch noch ziemlich religiös zu sein. In einem seiner Youtube-Musikvideos kämpft ein muslimisches gegen ein christliches Kreuzfahrerheer. »Mit der Unterstützung Gottes schaffen wir alles« heißt es da, von Palästina ist die Rede und der Befreiung aus der Sklaverei. El Général hängt sich auf seinen Konzerten die Nationalflagge seine Landes um, rappt »Allahu Akbar« (Allah ist groß), spricht in Interviews über eine internationale Verschwörung der Freimaurer und lässt markige martialische Kämpfersprüche los. Groß war auch die Befremdung, als die »Stimme der tunesischen Revolution« ankündigte, er würde nicht zu den tunesischen Wahlen gehen. (Er tat es dann aber doch, wie ein weiteres Youtube-Video bewies.)

Plötzlich wurde es in den westlichen Medien still um ihren einstigen Liebling. Hatte man sich zu euphorisch auf die Story dieses jungen Mannes gestürzt? Hatte man einen Islamisten vorschnell zum Sprachrohr Tunesiens hochstilisiert? Umgekehrt stellt sich jedoch die Frage, warum wir bei US-Rapper Kanye Wests »Jesus Walks« mitwippen, aber Bauchweh bekommen, wenn junge Muslime ihre Religion propagieren. El Général’s Aussagen mögen vielleicht nicht die reflektiertesten sein, doch drückte er zur richtigen Zeit das aus, was die wütende tunesische Jugend fühlte – und die hört nach wie vor HipHop. Seine Songs haben in Tunesien eine Rap-Lawine ausgelöst. Unzählige neue HipHop-Gruppen sind entstanden, jeder (männliche) Jugendliche, der etwas auf sich hält, tut rappend seine Meinung kund. Früher wäre das undenkbar gewesen. Zwar gab es eine kleine Rapszene, doch wer bekannt werden wollte, hatte sich dem Regime unterzuordnen, es gab bestimmte thematische »No-Go«-Regeln, die man einhalten musste, um Konzerte spielen und CDs verkaufen zu dürfen. Heute ist HipHop sogar im tunesischen Fernsehen präsent und El Générals erstes Album »La Voix Du Peuple« (Die Stimme des Volkes), das dieses Jahr erscheinen soll, wird vom Kulturministerium gesponsert. Ob es uns nun gefällt oder nicht – Leute wie El Général haben das alte Regime in Tunesien gestürzt, Leute wie er haben aber auch im Oktober die an-Nahda Partei an die Regierung gewählt. (Ob diese Parte nun – »islamistisch«, »konservativ religiös« oder »moderat islamisch« ist, darüber scheiden sich die Geister und wird wohl an der zukünftigen Politik der tunesischen Regierung zu messen sein.)

 

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