kaffeehauskolumne
Kaffehauskolumne #2
Das Cafe Tirolerhof oder in Gesellschaft alleine sein!

Wolfgang Pichler ist passionierter Kaffeehausbesucher und Kaffee-Gourmet, Kunstkritiker Journalist und Lebenskünstler.
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Wenn ich mich in der Nähe des Karlsplatzes oder der Kärntner Strasse befinde und das dringende Bedürfnis nach etwas Ruhe und Abstand zum „Geschehen“ an einem der geschäftigsten Plätze Wiens mich überkommt, dann kehre ich seit einigen Jahren – genauer seit das Cafe Museum umgebaut wurde – im „Tirolerhof“ ein. Dort nehme ich mir, wenn gerade „frei“ den International Herald Tribune und bestelle einen großen Braunen, lasse mich in eine der gemütlichen aber nicht zu weichen Polsterbänke sinken und die Welt einen oft recht langen Moment lang einfach draußen vorüber ziehen.
Es gibt wohl kaum ein so traditionelles und wunderbar erhaltenes Alt Wiener Kaffeehaus wie das Cafe Tirolerhof Ecke Führichgasse/Seilergasse, in dem man sich zuhause und doch unter Menschen fühlen kann, oder wie es der Kaffeehausliterat Alfred Polgar formulierte: “Ins Kaffeehaus gehen Leute, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen“
Jetzt werden einige meinen, aber das Sperl ist doch seit Gründung unverändert, und ausserdem würden da noch das Bräunerhof oder das Havelka und mindestens ein Dutzend weitere ebenso in Frage kommen. Völlig richtig. Aber in meiner Wahrnehmung ist das Tirolerhof einfach eine Spur dezenter, eine Spur eleganter und dennoch nicht ungemütlich, wie etwa das oben erwähnte zu Tode restaurierte Cafe Museum (aber das ist eine andere Geschichte).
Im Tirolerhof gibt es einfach alles, was ein Wiener Cafe braucht - auch wenn man es eigentlich nicht mehr braucht, wie etwa eine Telefonzelle oder die Mehlspeisvitrinen ohne Kühlung, und ganz entgegen den geläufigen Klischees – einen äußerst freundlichen Kellner. Der Kaffee ist passend zum Gesamtbild von guter, aber nicht aufregender Qualität. Vorsicht, der kleine und große Braune kommt hier ungewöhnlicherweise mit Milchschaum (auf Sonderwunsch ist er aber auch wie üblich mit einem Kännchen Milch zu bekommen).
Das Publikum schafft hier, wie in jedem anderen klassischen Kaffeehaus, eine ganz eigene und unverwechselbare Atmosphäre, die zu diesem Cafe dazugehört. Es ist eine Mischung aus großbürgerlich und kunstliebend-intellektuell, aber keineswegs elitär-ausschließend wie etwa im Landtmann oder Sacher. Bemerkenswert scheint mir auch, dass sich scheinbar niemand in diesem Cafe sein/ihr fixes Zweit-Wohnzimmer eingerichtet hat, was zur nüchternen aber angenehmen Atmosphäre beiträgt und es viel eher zu einem Wohnzimmer auf Zeit für Viele prädestiniert.
Vor allem aber ist es keine Legende wie etwa das Havelka, sondern einfach ein klassisches Wiener Cafe und das merkt man auch, oder besser man merkt es nicht, denn gerade die unaufgeregte Art ist es, die ich am Tirolerhof mit seinen fast leeren Wänden und der einzigartigen Art-Deco-Ausstattung so liebe und mich dort besonders gern alleine in Gesellschaft sein lässt.
Wolfgang Pichler
Café Tirolerhof: Führichgasse 8 1010 Wien, 01 512 78 33


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