Tapetenwechsel?
23.03.2012
» gesellschaft

Im Zentrum von Twitter, Politik und Medien

von Stefan Niederwieser, Thomas Weber  


Armin Wolf wird derzeit von 44.667 Menschen auf Twitter beobachtet. Im Interview erzählt er aus dem Zentrum der digitalen Elite, von Macht und Ohnmacht des Mediums und was auch ein Leserbrief bewirken kann.

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Quelle: The Gap 125


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Dieser Artikel ist mir was wert:

Auf Twitter registriert hat sich @ArminWolf Anfang 2009, im unmittelbaren Eindruck von Obamas Wahlkampagne. Mittlerweile ist der Kurznachrichtendienst zur wichtigsten Informationsquelle des ORF-Journalisten geworden. Dass er es dabei selbst zum österreichischen Twitter-Star gebracht hat, liege daran, dass »es in diesem Land keine Celebrities gibt«.

Ein Gespräch über Macht, Politik und eine digitale Elite, die sich nicht fürs Pensionssystem interessiert.

 

Wie konkret kann man sich den Nutzen von Twitter im Alltag eines journalistisch tätigen Nachrichtensprechers vorstellen?

Ich habe Twitter eigentlich gar nicht für den journalistischen Nutzen begonnen, sondern ursprünglich als Marketinginstrument. Die Idee war Leute zu erreichen, die nicht jeden Abend um 22 Uhr rituell vor dem Fernseher sitzen. Auf Facebook gab es damals noch keine Fanpages. 2008 war ich dann bei der Präsidentschaftswahl in Amerika und habe dort Twitter gesehen, fand das lustig und habe damit begonnen. Die journalistischen Möglichkeiten habe ich dann relativ schnell entdeckt: Es ist eine geniale, personalisierte Nachrichtenagentur, wenn man es entsprechend verwendet. Mittlerweile ist es für mich meine wichtigste Informationsquelle, wichtiger als Tageszeitungen, Magazine, selbst wichtiger als die Nachrichtenagenturen. Ich erfahre fast alles zuerst über Twitter.

Weil die Informationen an Sie herangetragen werden oder weil man sie in der Timeline liest?

Weil ich mitlese. Ich folge sehr selektiv cirka 200 Leuten, von denen ich alles lese und bekomme so einen ziemlich guten Überblick.

Sind das Medienleute?

Quer durch. Das sind relativ viele Journalisten aus Österreich, internationale Journalisten, ein paar Medien. So bin ich auch wenn ich unterwegs bin nicht mehr auf die Nachrichtenagenturen und nicht auf meinen Agenturcomputer angewiesen. Dadurch, dass ich mich viel mit Social Media beschäftige, sind es auch viele Leute aus dem Social Media-Bereich, Wissenschaftler. Es ist also ein breites Spektrum mit einem klaren Schwerpunkt auf den USA und Österreich.

Das heißt, es hat sich vom Marketinginstrument zu einem Recherchekanal entwickelt?

Es erfüllt mittlerweile drei bis vier Funktionen. Als Marketing funktioniert es sehr gut, obwohl Twitter in Österreich nach wie vor ein Elitephänomen ist. Die Nachrichtenagentur habe ich erst entdeckt. Als Rechercheinstrument funktioniert es noch am wenigsten, weil man schlecht öffentlich recherchieren kann. Aber so was wie Crowdsourcing funktioniert, zum Beispiel vor Interviews. Unlängst war Marcel Koller im Studio. Ich habe keine Ahnung von Fußball und habe praktisch das ganze Interview mit Twitter-Fragen bestritten. Und der vierte Aspekt ist der Dialog mit dem Publikum. Die Leute haben das Gefühl, sie können mich leicht erreichen und ich versuche auch wirklich allen zurückzuschreiben, wenn es sinnvoll ist. Darauf bekomme ich auch sehr gutes Feedback. Nicht alles braucht eine Antwort. Aber früher war jemand, der in einer großen Institution arbeitet, schwer zugänglich, man musste den Kundendienst anrufen und wusste nicht, ob der Betroffene es jemals erfährt.

Im Untersuchungszeitraum der „Twitterpolitik“-Studie wurde ausgewertet, dass Armin Wolf in vier Wochen allein fast 5.000 Mal „gementioned“, also direkt erwähnt wurde. Gibt es auch Situationen, in denen Twitter nervt?

Das erste Mal vor ein paar Tagen bei dieser Kony 2012-Nummer. Mit dem Video bin ich wirklich zugespamt worden und habe Leuten teilweise nicht mehr zurückgeschrieben. Aber ansonsten eigentlich nicht. Ich würde es nicht machen, wenn die Nachteile überwiegen würden. Nachteil gibt es eigentlich nur einen: Es ist extrem zeitaufwendig. Ich verbringe am Tag sicher ein bis eineinhalb Stunden damit. Ich fange den Tag tatsächlich damit an, es ist das erste was ich in der Früh und das letzte, was ich vor dem Schlafengehen lese.

Auf Kosten welches Mediums geht diese Stunde netto?

Magazine in erster Linie. Ich habe immer wahnsinnig viele Magazine gelesen und auch über 20 abonniert. Ich merke, ich komme immer weniger dazu. Das hat allerdings auch mit dem iPad zu tun, wo ich Magazine wie den Spiegel, Profil etc. runterlade und merke, dass ich sie dort immer selektiver lese.

Nach welchen Kriterien wählt man aus, wem man antwortet?

Im Prinzip versuche ich alle Fragen, die an mich gerichtet und ernst gemeint sind, zu beantworten. Und ich beantworte auch viele Fragen, die nicht ernst gemeint sind, oder wenn ich merke, jemand will mich provozieren oder beleidigen, wenn mir gerade etwas Passendes einfällt. Viel spielt sich auch zwischen anderen Leuten ab, aufgrund eines Tweets, den ich ausgeschickt habe. Da komme ich darin vor, muss das aber nicht kommentieren. Und ich wähle das total intuitiv aus. Genau so, wie ich das auch mit E-Mails mache. Ich beantworte jede konkrete Frage an mich, auch konkrete Kritik und oft sogar Beschimpfungen,  aber nicht alles, was quasi eine Art allgemeiner Leserbrief an die ZIB-Redaktion ist mit Vorschlägen zur Weltverbesserung.

Seit einiger Zeit gibt es auf Facebook auch eine Fanpage.

Die Armin Wolf-Seite ist die Fanpage. Es gab davor eine Fanpage, die von irgendjemandem erstellt wurde, mit der ich aber nichts zu tun hatte.

Wie anders lässt sich denn Facebook im Vergleich zu Twitter nutzen? Ist es nur Marketing?

Es ist vollkommen anders. Ich hätte nicht gedacht, dass der Unterschied so groß ist, weil ich Facebook nicht kannte. Ich bin privat nicht auf Facebook. Zum einen aus Zeitgründen, zum anderen, weil ich nicht weiß, wie ich mit Freundschaftsanfragen umgehen soll. Als Mensch mit einem Job in der Öffentlichkeit kriegst du 3.000 Freundschaftsanfragen, weil man auch mit unglaublich vielen Leuten beruflich zu tun hat. Wen nimmt man und wen nimmt man dann nicht?

Eine reine Fanpage habe ich zunächst aus Zeitgründen nicht gemacht, weil ich das Gefühl hatte, dass Twitter ohnehin genügend Zeit verschlingt. Vor ein paar Wochen hat mich jemand auf einer Diskussionsveranstaltung auf der Uni danach gefragt und meinte, es wäre mühsam, immer extra auf Twitter einzusteigen. Dann habe ich lang mit den Studenten diskutiert, ob es denn sinnvoll wäre, wenn ich nur meine Tweets quasi auf Facebook „durchschieße“, weil mir die Zeit für die Interaktion auf Facebook fehlt. Und die Mehrheit meinte, sie fände es trotzdem gut. Worauf ich es probiert habe.

Mittlerweile gefällt mir ganz gut, dass man auf Facebook auch mal mehr als 140 Zeichen schreiben kann. Auch für Bilder und Videos eignet sich Facebook besser. Und das Publikum ist viel breiter, während Twitter nach wie vor ein totales Elite-Medium in Österreich ist, ein Stammtisch des Politisch-Medialen-Plus-Social-Media-Komplexes. Twitter ist sehr politisch, da gibt es zum Teil sehr lustige, sehr „insiderische“ Debatten, wie die Failmann-Geschichte.

Viele Sachen würden dagegen auf Facebook nicht funktionieren. Dafür kommen dort viel mehr Kommentare. Warum, weiß ich nicht, da ich auf Facebook ja derzeit noch weniger Fans habe als auf Twitter. Und ich antworte auf Facebook kaum, versuche aber, alle Kommentare zu lesen. Bisher scheint es zu funktionieren, es kommen pro Woche etwa 3.000 bis 4.000 neue Fans hinzu.  Der Hauptgrund doch anzufangen war, dass mittlerweile an die 2,8 Millionen Leute in Österreich auf Facebook sind. Die jüngste Zahl für Twitter war etwa 75.000, wir reden hier also von einem Verhältnis 1:40.

 

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