Tapetenwechsel?
21.03.2010
» creatives

Generative Gestaltung

von Richard Schwarz  


Wer generativ gestaltet, programmiert Bilder. Doch damit soll nicht angedeutet werden, dass sich Ästhetik nun berechnen ließe.

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Wenn bisher vom Werkzeug PC im Zusammenhang mit Design die Rede war, dachte man vielfach an Programme wie Photoshop, Illustrator, etc. – die üblichen Verdächtigen eben, die meist zur digitalen Bildbearbeitung verwendet werden. Doch durch die Entwicklung von Programmiersprachen, die speziell für die Arbeit mit Grafik erdacht wurden, wird der Schritt zum programmierenden Gestalter oder dem gestaltenden Programmierer um einiges leichter. Stellvertretend für eine größere Anzahl an Tools der generativen Gestaltung seien erwähnt: die Software Processing, die auf Grund einer großen Community und vielfacher Anwendungsmöglichkeiten (z.B. Webtauglichkeit und Ansteuerung des Arduino-Boards) vorteilhaft ist, oder VVVV, das mit fertigen Modulen arbeitet und somit für „Nichtprogrammierer“ zugänglicher ist. Der direktere Gebrauch der Computergrafik macht unabhängig von vorgefertigten Photoshopfiltern oder Illustrator-Stiften und erlaubt eine selbstdefinierte Anwendung des Werkzeugs PC.

Die gestalterischen Grundlagen können zum Beispiel Formeln sein, die die Bausteine einer Grafik definieren, oder – und inhaltlich spannender – das optische Ergebnis entsteht auf Grund von gesammelten Daten; dazu drei Beispiele, um stellvertretend für die vielen Möglichkeiten einen kurzen Eindruck zu geben:

Unter dem Titel „One week in the life“ sammelte Andreas Fischer seine Telekommunikationsdaten mit Hilfe einer eigens geschriebenen Software im Zeitraum einer Woche und visualisierte auf deren Grundlage seine räumliche Bewegung in Berlin. Das Ergebnis brachte er in die Form eines Kartonmodells, das den so abgesteckten Raum darstellt. Anlass war die Neuregelung der „Vorratsdatenspeicherung“, die Telekomfirmen in Deutschland zur sechsmonatigen Speicherung der Verbindungsdaten verpflichtet. Anhand der Skulptur, die ein interessantes Beispiel für die Kombination PC – das Werkzeug – und Karton – dem Werkstoff – darstellt, wird auch erkennbar, welche „Datenberge“ angehäuft werden. Damit ergibt sich auch ein politischer Anspruch der Arbeit, der begreifbar zu machen versucht, was wie aufgezeichnet wird und welche Information als Ergebnis bleibt oder bleiben könnte.

Mit Hilfe von Hinterlassenschaften anonymer Individuen bietet das Projekt "AnthroPosts – Finding community from forgotten notes" einen Ansatz, Gedanken über unsere Gesellschaft anzustellen. Der Medienkünstler Noah Pedrini nimmt sich verlorener Post-its an und untersucht sie auf die Ähnlichkeit der Inhalte und stellt auf diese Wiese Verknüpfungen innerhalb seiner Sammlung her. Ein Ausgangspunkt, warum er sich verloren gegangener Erinnerungen auf klebendem Papier widmet, ist die Feststellung, dass die notierten Schlagwörter, Listen, Nummern, ... ein Hinweis auf unseren Versuch sind, organisiert durch die Welt zu gehen. Und damit ergibt sich durch die Auswertung ein Bild unserer Gesellschaft; erstellt mittels Notizen von Dingen, die heutzutage wichtig sein dürften und nicht vergessen werden sollten. So zumindest die Theorie, die auf Textmaterial wie „File under Marilyn Manson“ angewiesen ist; doch alleine schon die Idee ist unterhaltsam.

Auf eine ironische Weise findet die generative Gestaltung Anwendung bei den drei Schwedinnen von Front. Über die Motion-capture Methode sammelten sie die Flugdaten einer Fliege, die eine Lampe umkreiste und entwarfen aufgrund der Insektenflugbahn einen Lampenschirm. Wie Buckminster Fuller mit seiner Dymaxion-Architektur bedient sich auch das Team von Front an der Natur und nutzt sie als Modell für eigene Entwürfe; wobei hier im Vergleich zu den vorigen Beispielen das Kopieren im Vordergrund steht, und nicht das Schaffen neuer Zusammenhänge. Trotzdem zeigt das Beispiel gut, wie übergreifend die generative Gestaltung angewendet wird.

Für einen umfangreichen Blick in das Gebiet der generativen Gestaltung empfiehlt sich das Buch „Generative Gestaltung“ aus dem Verlag Hermann Schmidt. Darin werden im ersten Abschnitt großzügig Beispiele (Ein solches ist das erste in diesem Beitrag vorgestellte Beispiel.) präsentiert, die Lust machen, selbst zu generieren, und das Handwerkszeug dazu wird wiederum in den darauf folgenden Abschnitten („Grundlegende Prinzipien“ und „Komplexe Methoden“) ausführlich erklärt.

Die Webseite zum Buch "Generative Gestaltung":
www.generative-gestaltung.de

Information Aesthetics: Blog mit ausgewählten Beispielen (Das zweite Beispiel des Textes stammt von diesem Blog) im Bereich Kreatives Design und Iinformationsvisualisierung
infosthetics.com

 

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