Tapetenwechsel?
know-nothing-gesellschaft

Forelle im Strumpf

Illbilly The K.I.T.T.


Unlängst bekam ich eine Anfrage in Form einer weitergeleiteten E-Mail vorgesetzt, doch mal was über meine peinlichsten sexuellen Erlebnisse zu erzählen.

Bild: Illbilly_097_Jakob_Kirchmayr.jpg



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Ich geriet in leichte Entrüstung, ob derartig boulevardesker Wünsche. Bin ich denn ein Wurlitzer, der nach Drücken einer Buchstaben-Zahlen-Kombination eine Platte aus seinem Leben abspielt? Vielleicht sogar noch eine zu Recht ganz nach hinten verdrängte? Eine „Q2“ zum Beispiel. Nein, bin ich nicht. Aber ich bin auch kein Unmensch und Leserservice ist bei mir ganz, ganz oben gerankt. Also warum nicht einmal wieder nachschauen, was sich dort hinten in der Gedächtnis-Juke-Box so an Evergreens befindet. Bleiben wir gleich beim „Q“. Alles bei mir darunter Gespeicherte umweht der strenge Odeur des Vergessen-Wollens, aber nicht -Könnens. Ein Hauch von Nichts und Unscheinbarkeit umgibt nämlich diesen – auch laut Statistik – unsexy Buchstaben, der in deutschsprachigen Texten wahrlich nicht so gerne vorkommen mag. Allerdings: Ich verehre das „Q“, diesen sympathischen Querulanten, der meist in Begleitung seines kleinen Kompagnons „u“ aus Wörtern quabbelig-quorrige Facetten rausholt. Aber, ein Mensch, dessen Lieblingstag der Montag ist und diesen Wochentagkumpel auch stets gegen die niedrigen Bashing-Attacken der „Schön-heute-ist-Donnerstag-und-bald-wieder-Wochenende-deswegen-geht-es-mir-soooo-guuuut“-Fraktion verteidigt, mag da jetzt kein Maßstab sein. Nur soviel dazu: Würde ich etwa in der Position sein, Einstellungsgespräche führen zu müssen, ungeschaut verwiese ich alle der Tür, die Freitag, Samstag oder Sonntag zu ihren Lieblingstagen auserkoren haben. Miese Jammerlappen mit Hang zum sinnentleerten Small-Talk und vielleicht sogar mit fundamentalistisch-religiösen Tendenzen sind das. Niedrigleister vor dem Herren. Ihr Glück ist, dass sich mein beruflicher Ehrgeiz und Antrieb in überschaubaren Bahnen bewegen und so niemand in die unangenehme Situation kommt, von mir abgewiesen zu werden. Vorerst, wohlgemerkt, denn ich bin ein weißer, mitteleuropäischer Mann, der nicht viel kann und deswegen nahezu prädestiniert dafür ist, die Karriereleiter hochzufallen. Also aufpassen, sollte jemals im Rahmen einer Vorstellung die Frage nach dem Lieblingswochentag kommen – das bin dann ich, und bei drei von sieben Antwortmöglichkeiten darauf ist man gleich unten durch.

Und zwar für immer. Aber zurück zum „Q“, diesem kleinen Schlingel und dem, was ich unter seiner Ägide an verdrängungswürdigen Erlebnissen abzuspeichern gepflegt habe und mir deswegen wohl ewig merken werde. Vorher jedoch noch ein etwas längerer Satz zur Zahl Zwei, die ja der eigentlichen Erinnerungsspezifierung dient: Sie symbolisiert ebenfalls Störrigkeit und Eigensinn, nicht nur, da ihr als einziger gerader Primzahl im Zahlensystem ein Sonderstatus zukommt, sondern auch, weil sie sich konsequent der Vereinnahmung durchs Glücksspiel in Form der österreichischen Lotterievariante „6 aus 45“ verweigert und bislang am seltensten dort gezogen worden ist.

So gesehen ist das unter „Q2“ Gespeicherte für mich nicht gerade eine anheimelnde Erinnerung. Seltener Buchstabe, seltene Zahl, also hochgradig verdrängungswürdig, aber dennoch so speziell peinlich, dass es in Details jederzeit abrufbar sein muss, denn sonst hätte ich dem Erlebnis eine andere Zahl und einen anderen Buchstaben verpasst. Ein unnützes „X“ etwa, oder eine sinnlose Sieben. Unter „X7“ sind bei mir übrigens die deutschen Ablautreihen daheim, die ich genau gar nicht mehr auswendig kann. Allerdings verweist die Kombination auch auf die Farbe des Lehrbuchs und dessen exakte Stelle im Bücherregal, was nach gefühlten zehn Umzügen übrigens die größere mnemotechnische Leistung zu sein scheint. Ehrlich gesagt wäre es interessanter, hier eine nähere Erörterung anzusetzen, allerdings weiß ich auch, dass die geile Leserschaft nach Sex lechzt.

Nun denn: Unter „Q2“ ist einiges zusammengekommen. Es ist Winter 1998 und ich habe gerade unter tatkräftiger Unterstützung von Antibiotika einen grippalen Infekt besiegt. Die Tabletten machten auch einige hartnäckige Akneböcke verschwinden. So fühle ich mich stark genug, um ins winterliche Balltreiben einzusteigen. Aus Vorsicht, nicht einem gesundheitlichen Rückschlag zu erliegen, entschließe ich mich, unter dem dünnen Anzugstoff eine lange Unterhose zu tragen. Ich finde allerdings keine und schnappe mir stattdessen eine schwarze Schi-Strumpfhose aus wärmender Wolle. Ich meinte, sie gehöre meinem Vater, es war aber Mutters. „Wird schon niemand merken“, jauchze ich mir zu, feiere mit Freunden meine Genesung und schwinge beschwingt durch stimulierende Mittel wie Bier, Wodka mit Mateschitz-Plörre , kess das Tanzbein. Schwarzer Anzug, schwarze Krawatte verleiten mich dazu, einen auf Pulp-Fiction zu machen und schon bald hatte ich einen Fisch an der Angel. Was macht die Forelle mich so an dachte ich, als wir uns in eine Ecke verdrücken. Ich schluckte an diesem Abend übrigens auch bedenkenlos drei Appetitzügler (Adipex, die vom Markt genommen worden sind), um beim Saufen munter zu bleiben und mein Geruchsempfinden, das durch Schnupfen und Grippe in Mitleidenschaft gezogen war, zu stärken. Dass die Tabletten auch einen Mini-Pimmel machen, hatte ich vergessen („U9“). Die dicke Schwester eines Freundes versorgte mich immer damit, nachdem sie irgendwann resignierend feststellen musste, dass sich der erhoffte Wachstumsschub wohl nicht mehr einstellen wird. Es war mir auch egal, denn zum Bumsen kam ich in diesem Alter ohnehin nie. Zum Fummeln schon, allerdings auch nur, wenn ich nicht damit rechnete. So wie jetzt. Um es kurz zusammenzufassen: Dreimaliger Griff ins Leere, ein spitzer, schallender Schrei ob meiner Strumpfhose, dann Gelächter und drei schwierige Monate, in denen ich mich mit Transgender-Begrifflichkeiten auseinandersetzen musste. Und das war gar nicht mal das peinlichste Erlebnis. Wirklich schlimm waren „Q23“ bis „Q27“ und „M131“. Sozial erwünscht wäre etwa auf die Frage nach der größten Schwäche, mit „Ich bin ein wenig ungeduldig“ zu antworten. Warum das so ist, entnehme man bitte dem Büchlein „Die schonende Abwehr verliebter Frauen oder Die Kunst der Verstellung“ von Adam Soboczynski.

 

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