Tapetenwechsel?
07.09.2012
» gesellschaft

Europa, ein Blick zurück

von Thomas Weber  


Wie werden die Kinder unserer Kinder Europa sehen? Aylin Basaran wagt einen musealen Blick zurück auf die „Festung Europa“. Die Zeitgeschichtlerin im Interview.

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Die Festung Europa ist Realität. Die Europäische Union schirmt sich gegen Zuwanderung aus anderen Teilen der Welt ab. Wie wird denn die „Festung Europa“ in die Geschichtsbücher eingehen, so es 2030 oder 2050 noch Geschichtsbücher gibt?

Das hängt ganz davon ab, wie sich die Weltgeschichte bis dahin entwickeln wird, da die Art der Geschichtsschreibung ja immer von jeweils gegenwärtigen Interessen und daraus resultierenden Sichtweisen bestimmt ist. Das heißt, dass es an den Menschen von heute liegt, für welche Gesellschaft sie durch ihr Handeln die Grundlage schaffen. Ich möchte hier ein wenig utopisch denken. Vieles, was uns heute als absurdes Unrecht aus der Vergangenheit erscheint – das System der Sklaverei, die Leibeigenschaft, der Ausschluss von Frauen vom Wahlrecht – galt zu seiner Zeit als unumstößliche Selbstverständlichkeit.

Ebenso glaube ich, dass vieles, was heute selbstverständlich oder eben undenkbar erscheint, in einigen Jahren in einem ganz anderen Licht erscheinen wird. Denken wir zum Beispiel an ein Recht auf globale Bewegungsfreiheit. Vielleicht erscheint die Praxis, Menschen institutionell daran zu hindern, sich von einen Ort des Erdballs an den anderen zu bewegen, irgendwann so befremdlich wie für uns heute die Vorstellung, dass ein Mensch einen anderen ‚besitzen‘ konnte…

Was genau hat dich auf die Idee gebracht, dir in einem Ausstellungsprojekt den Blick aus der Zukunft zurück auf heutige reale Zustände in Europa auszumalen?

Die Arbeitsgruppe innerhalb der „Wienwoche“, bei der ich mitwirke hat ja den Namen „Geschichte neu schreiben“. In einem emanzipatorischen Sinne sollte Geschichte verstanden werden als Prozess der Veränderung. Dies sollte den Blick auf die aktive Aushandlung von Gegenwart im Spannungsverhältnis von Interessen und Gesellschaftsstrukturen, innerhalb derer Subjekte handelnd eingreifen, beinhalten. Eine solche Sichtweise von Geschichte beinhaltet auch, gesellschaftliche Verhältnisse nicht als gegeben hinzunehmen, sondern ins hier und heute gestalterisch einzugreifen, Geschichte als Empowerment zu begreifen.

Ermöglicht der Blick aus der Zukunft einen sachlicheren Zugang und größere Distanz zum Thema?

Größere Distanz ja. Das ist auch ein wichtiger Aspekt der Ausstellung, einen Schritt zurück von dem zu treten, was uns als alltäglich, selbstverständlich und unveränderlich erscheint. „Sachlichkeit“ ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck. Es geht mehr darum, festzustellen, dass Geschichtsschreibung – und das gilt auch für die Darstellung der Gegenwart, eben als ‘zukünftige Geschichte’ – immer eine Frage der Perspektive ist, und die dominante Perspektive hat viel zu tun mit Macht- und Herrschaftsverhältnissen aber auch einem Unvermögen zur Selbstreflexion.

Es wäre vermessen, den Anspruch zu haben, dass die Ausstellung zeigt, ‘wie es wirklich ist’, schließlich sind wir alle nur Kinder unserer Zeit und auch in Vorannahmen verstrickt, die uns gar nicht auffallen, die aber vielleicht später einmal absurd wirken. Aber zu einer reflexiveren und reflektierteren Sicht auf unsere Welt kann sie vielleicht beitragen.

Gibt es für diesen Kunstgriff des fiktiven Blicks zurück Vorbilder oder andere ähnliche Aktionen, die deinem „Museum Festung Europa“ vorangegangen sind?

Aus dem Ausstellungsbetrieb ist mir im Moment kein derartiges Beispiel bekannt. Allerdings ist der Blick zurück aus der fiktiven Zukunft auf die jeweilige Gegenwart ein beliebtes Motiv zahlreicher Science-Fiction-Filme und Romane. Das populäre Kino ist voll von solchen Motiven. Ein Freund, der an dem Projekt mitarbeitet, hat mir übrigens erzählt, dass er früher mal in der Schule im Rahmen des Kunstunterrichts eine „archäologische“ Ausstellung mit „Ausgrabungen“ von Alltagsgegenständen, die in einer fernen Zukunft ausgestellt werden, mitgestaltet hat.

 

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