Tapetenwechsel?
09.12.2010
» wortwechsel

Bildungssystem und mediale Realität

von Imre Withalm  


Lehrende wissen nur selten, was die Auszubildenden in sozialen Netzwerken so treiben. Auch partizipative Medien erfordern eine wache Medienkompetenz, die in den Schullehrplänen noch gar nicht vorgesehen ist. Schafft es das Bildungssystem, mit der medialen Entwicklung mitzuhalten? Oder kann man Medienkompetenz nur auf der »Straße« lernen?

Digitale Stiefkinder

Digitale Stiefkinder

Medienkompetenz und Digital Literacy haben eines gemeinsam: Beide Begriffe beinhalten, wenn man sie ernst nimmt, mehr als bloß die Fertigkeit, mit Medien, ob analog oder digital, umzugehen. Diese Fertigkeit  ist bei den meisten in Österreich lebenden Kindern und Jugendlichen durchaus ausgeprägt (vgl. Prenskys »Digital Natives«). Was jedoch bei der achtlosen Verwendung von Medienkompetenz und Digital Literacy untergeht, ist der Umstand, dass diese Kompetenz/Literacy nicht bloß die soeben erwähnte Fertigkeit beinhaltet, sondern auf die reflexive bzw. kritisch/analytische Fähigkeit verweist. Dabei wäre es sogar durchaus logisch, Medienkompetenz und Digital Literacy als einen Kompetenzkomplex zu betrachten, denn die Unterscheidung im Umgang mit analogen und digitalen Medien wird durch den Zusammenfall (Konvergenz) ohnehin obsolet. Dass die Kommunikation mit digitalen Medien in sozialer Hinsicht viele neue Herausforderungen an die Gesellschaft stellt, sei hier natürlich unbestritten.

Selbstverständlich wäre die Vermittlung von Medienkompetenz in der Schule eine wichtige Aufgabe. Die Auseinandersetzung mit medialer Realität ist seit jeher TeiI einer verantwortungsvollen Pädagogik gewesen, die Lehr/Lerninhalte fast immer durch Medien (Sprache, Bücher, Bilder usw.) präsentiert. Erst im 20. Jahrhundert hat der reflexive Umgang mit den neuen technischen Medien das Bewusstsein geweckt, dass diese Inhalte nicht die sogenannte Wirklichkeit 1:1 wiedergeben, sondern diese konstruieren. Dieses Bewusstsein ist auch im 21. Jahrhundert bei den Verantwortlichen und damit auch in der Öffentlichkeit viel zu wenig ausgeprägt – und die Heranführung zur Medienkompetenz im Bildungswesen daher nicht so intensiv, wie es angesichts der Informationsflut notwendig und wichtig wäre.

Was ist zu tun? Die EU-Empfehlung der Medienkompetenz empfiehlt allen Mitgliedsstaaten Inhalte von Medienkompetenz in die Grundausbildung aller zukünftigen Lehrerinnen und Lehrern zu integrieren. Mit diesem Schritt wäre zumindest ein Anfang gemacht.

 

Susanne Krucsay, 66, ist Mitglied der Steuerungsgruppe des European Charter for Media Literacy, war früher Leiterin der Abteilung Medienpädagogik/Bildungsmedien/Medienservice im Unterrichtsministerium, 16 Jahre lang Leiterin eine Gymnasiums und bis vor Kurzem Chefredakteurin der Zeitschrift »Medienimpulse«.

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Bild: Wortwechsel_02.png


Quelle: The Gap 112


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Nach dem Jahrhundert der Massenmedien kommt das Jahrhundert der partizipativen Medien gerade in Gang. Wer einen Computer bedienen kann, kann eine eigene Medienplattform betreiben. Zumindest der Theorie nach gibt es also eine Demokratisierung der Medien. In der Realität ist es aber oft so, dass Medien zwar genutzt werden, aber die Kompetenz, ihre Möglichkeiten sinnvoll umzusetzen, wird nirgends vermittelt. Geschweige denn der mündige Konsum. Klare Ansprechpartnerin wäre hier natürlich die Schule. Allerdings ist eine umfassende Medienbildung nicht unbedingt Teil des regulären Schulunterrichts. Oft können die Lehrenden nicht mit der schnellen Entwicklung mithalten und das Schulsystem selbst scheint von dieser Geschwindigkeit gänzlich überfordert. Es sind Initiativen von Einzelpersonen, die versuchen, profunde Kenntnisse über die Medien zu vermitteln, wie ein  Lehrer an der »Schule im Park« in Wien, der seine 3. Volksschul-Klasse mit iPods ausgestattet hat und zusammen mit den Schülern alternative Lernmethoden erforscht. Oder es gibt junge Autodidakten, die sich Medienkompetenz selbst aneignen. Beides sind allerdings Best-Practice-Beispiele und eher die Ausnahme.

Teilweise stoßen sogar Konzerne mit eigenen Initiativen vor, um die Lücke in der Medienkompetenz zu schließen. Wenn Konzerne aber in die Bildung eingreifen, passiert das nicht uneigennützig und löst gemischte Gefühle aus. Dennoch leisten ihre Projekte einen wichtigen Beitrag zu Medienbildung. Immerhin soll geklärt werden, was im Netz erlaubt ist und was nicht und wie man sich selbst und die eigene Privatssphäre schützt – wichtige Fragen, vor allem für junge Mediennutzer. Doch: Wäre die Beantwortung dieser Fragen nicht eigentlich die Aufgabe des Bildungssystems? Kann das System mit dem schnellen Wandel der Medienwelt mithalten oder muss die Vermittlung von Medienkompetenz Konzernen überlassen werden? Oder verhält es sich mit Medienkompetenz ja auch wie mit HipHop – man kann sie nur auf der Straße lernen. Dann herrscht dort aber – um im Bild zu bleiben – auch ganz klar das Recht des Stärkeren.

Die Recherche für diesen Wortwechsel macht die gesellschaftspolitische Dimension von Medienkompetenz deutlich – immerhin fordert die digitale Agenda der EU ihre Mitgliedsstaaten auf, bis 2011 eine langfristige Politik für digitale Kompetenzen umzusetzen. Dennoch entwickeln sich Realität und Schulsystem mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Es ist wohl die Gesamtheit aller staatlichen, privaten und persönlichen Initiativen, die die Hoffnung auf eine fundiert mediengeschulte, mündige Gesellschaft aufrecht erhält.

 

Im April 2011 wird sich übrigens der Kongress »Kinder und digitale Medien« (veranstaltet von der Wiener PR-Agentur Cox Orange) mit der Kluft zwischen Kindern und Erwachsenen beim Medienverständnis beschäftigen. Weiterführendes auf www.thegap.at/wortwechsel

 

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