Tapetenwechsel?
25.05.2008
» mothor-gas-car

Die Zeit vergeht im Pflug

von Stefan Häckel  


Dr. Kurt Steyrer ist tot. Er hinterlässt unter anderem ein verfehltes Bundespräsidentenamt und eine 60 Jahre alte Traktorenschmiede in St. Valentin. Ein Rückblick.

Bild: kol_stefan_sw_02.jpg


Quelle: The Gap 078


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1947, zwei Jahre nach Dr. Kurt Steyrers Promotion, verließ der erste Steyr Traktor vom Typ 180 die Werkshallen. Schon 1949, zwei Jahre bevor Dr. Kurt Steyrer als Dermatologe eine Facharztpraxis  eröffnete, kam der legendäre Typ 80 auf den Markt. Ein Einzylinder-Traktor in unbändigem Laubfroschgrün, speziell für kleinbäuerliche Betriebe. Keiner konnte damals ahnen, dass dieses 15 PS schwache Einsteigermodell nach all diesen Kriegsjahren die Erstmechanisierung des ländlichen Raumes besorgen sollte. Eigentlich war diese Rolle dem stärkeren – und teureren – 26-PS-Modell zugedacht. Aber wie im Leben Dr. Kurt Steyrers, der 1952 völlig überraschend Betriebsarzt der Simmering Graz Pauker Werke wurde, verlief eben auch bei Steyr nicht immer alles nach Plan. So musste bei der Ausstattung des Steyr Typ 80 über Mangelerscheinungen wie Dach, Windschutzscheibe oder Kotflügeln lange Zeit hinweggetäuscht werden, indem man die Käufer auf Selbstverständlichkeiten wie ein gut abgestimmtes Fingermähwerk, eine Zapfwelle für den Antrieb von Anbaugeräten oder eine Riemenscheibe zum Betrieb stationärer Maschinen verwies. Es gab ja nix, damals. Außerdem leistete der Einzylinder-Dieselmotor zunächst ja nur 9,6 kW (also 13 PS) bei 1.500 U/min. Erst ab 1953 wurde die Motorleistung auf 11 kW (die 15 Namens gebenden PS) gesteigert. Man weiß weder ob der „15er Steyr“ zuvor Unheil verkündend „13er“ hieß, geschweige denn was Dr. Kurt Steyrer davon gehalten hatte. Bestätigt ist hingegen, dass die ersten Modelle mit einem so genannten Untenauspuff, Trockenluftfilter und einer Kurbel zum Starten ausgestattet waren. Erst später wurde der Stil prägende Obenauspuff en vogue, so wie auch der Ölbadluftfilter zum Standard. Ein Argument, dass jedoch selbst der windigste Traktorenverkäufer nicht entkräften konnte, war die überraschend geringe Bodenfreiheit des Typ 80 bei montiertem Mähwerksantrieb. Wie die geneigte Leserschaft nun wissend feststellen wird, ist dadurch der Einsatz bei Hackfruchtkulturen problematisch. Für alle anderen: Hackfrüchte sind jetzt weniger Früchte, deren Schale durch wildes Hacken geöffnet wird, sondern schon eher landwirtschaftliche Kulturpflanzen, die während des Wachstums mehrmaliges Bearbeiten (Behacken) des Bodens benötigen, damit dieser nicht verkrustet. Zu den Hackfrüchten zählen exotische Seltenheiten wie Kartoffel/Erdapfel, Mais/Kukuruz, Feldgemüse oder Zuckerrüben. Exkursende. Jedenfalls wurde ab 1950 der Typ 80a angeboten, der mit größeren Hinterrädern (8-36 anstelle 8-24) und einer spurverstellbaren Portalvorderachse Arbeiten ohne aufsitzen ermöglichte. Die größeren Hinterräder wiederum ermöglichten bei gleich bleibender Getriebeübersetzung eine höhere Endgeschwindigkeit. Die Tacho-Nadel blieb erst bei 16 km/h stehen.
Das alles – und noch viel mehr Wesentliches, Abseitiges, Schrulliges, Altbekanntes, Vernachlässigbares, Lustiges und Einmaliges - steht im gerade vom Österreichischen Agrarverlag und der Österreichischen Bauernzeitung veröffentlichten Buch „Die Zukunft ist rot-weiß. 60 Jahre Steyr Traktoren“ nicht drin. Diese wenigen Fakten über den Typ 80 zum Beispiel musste ich selber niederschreiben, um sie wenigstens hier lesen zu können. Dafür gibt’s beschämend holprige Vorworte, unzählige Wortwiederholungen, andere rhetorische wie inhaltliche Lieblosigkeiten, fehlende Tiefenschärfe, keine interessanten Einblicke oder Hintergründe. „Die Zukunft ist rot-weiß“ liest sich so, als wäre die Geschichte der Steyr-Traktoren keine der angenommenen Herausforderungen, bewältigten Widrigkeiten, technischen Pionierleistungen der österreichischen Wertarbeit – sondern eine Geschichte, die sich aufgrund äußerer Einflüsse so ergeben hat; aufgeschrieben mit dem Anspruch eines Lagerhauskataloges. Aber gut, man muss ja nicht aus allen Chancen, die das Leben so bietet was machen.

”Die Zukunft ist rot-weiß. 60 Jahre Steyr Traktoren“, veröffentlicht vom Österreichischen Agrarverlag avBUCH und der Österreichischen Bauernzeitung, wurde von Ing. Andreas Klauser herausgegeben.

 

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