Tapetenwechsel?
18.08.2009
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Die Gugerli Galaxis

von Martin Fritz  


David Gugerli zeigt in seinem Buch Suchmaschinen. Die Welt als Datenbank. einen neuen Blickwinkel zum Phänomen Suchmaschinen auf und beschreibt die allgegenwärtigen Programme auf eine ganz neue Art und Weise.

Bild: GugerliSuchmaschinenN.jpg



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Schon in der good old Gutenberg-Galaxis existierte das Problem, dass es von allem zu viel gibt. Somit stellt sich die Frage, wie daraus das Wenige ausgewählt werden kann, das man gerade noch sinnvoll verarbeiten kann. Im digitalen Zeitalter wie der so genannten Postmoderne verschärft sich diese Unübersichtlichkeit durch den „Wechsel von Systematik, hierarchischer Ordnung und serieller Produktion hin zu Mehrdeutigkeit, Flexibilität, Patchwork und Bricolage“.

Die Welt ist kein Ikea-Stauraumelement
Eine Lösung für dieses Problem sind Suchmaschinen. Sie wurden entwickelt um, sich in einem unstrukturierten Haufen von Vermischtem trotzdem zurechtzufinden, auch wenn die große Ordnung fehlte. Diese Programme verstehen es ad hoc „die Selektion der kombinierbaren Elemente“ zu leisten. Freilich um den Preis, „die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer regelhaft“ einzuschränken, und zwar „beim Aufbau ihrer Datenräume, bei der Strukturierung ihrer Programme und bei der Präsentation ihrer Resultate“. Mit anderen Worten: Da die Welt nicht a priori ein gut sortiertes Ikea-Stauraumelement ist, müssen Suchmaschinen zuerst den Kessel Buntes in einzelne, objektivierbare Elemente (also in mögliche exakte Treffer statt unsauber geschiedene Einzelphänomen-Wölkchen) zerteilen. Dann definieren sie einen „konkreten Raum von Adressen“, denn „das Gesuchte muß beschriftet“ bzw. „auf systematische Weise etikettiert“ sein. Mit anderen Worten: Etwas muss auf scharfe Weise definiert sein als so und eben nichts anderes, als da zugehörend oder eben nicht). Der Vorgang muss einem standardisierten Programm folgen, das heißt dieselbe Suche muss im selben Adressraum zum selben Ergebnis führen. Schlussendlich wird genau dadurch Spiel und Simulation ermöglicht.

Fluch oder Segen
Mit dieser sehr allgemeinen Definition ist Gugerli im Stande, Lembkes heiteres Fernseh-Berufsraten „Was bin ich?“ ebenso als Suchmaschine zu beschreiben, wie Zimmermanns „Aktenzeichen XY“, die kybernetische, EDV-unterstützte Reorganisation der Polizei in der BRD oder die Entwicklung relationaler Datenbanken. Gugerli geht diesen Weg, um sich von der überwältigenden Dominanz der einen Suchmaschine, die es sogar zur Metapher fürs Suchen im WWW überhaupt gebracht hat, nicht den Blick auf die allgemeinen Wirkungsmechanismen von Suchmaschinen verstellen zu lassen. Gugerli wählt also einen sehr allgemeinen Blick aufs Phänomen, durch den er indirekt wieder zu Einsichten über Fluch und Segen des Werbekonzerns in Mountain View gelangt.

Ein zweischneidiges Schwert
Durch den Vergleich der verschiedenen Suchmaschinen zeigt Gugerli nämlich die allen Suchmaschinen gemeinsame politische Brisanz auf: Suchmaschinen suchen eben nicht unschuldig, sondern produzieren (und das im eigentlich Wortsinn regelmäßig) durch jede Auswahl auch eine Menge an Ausgeschlossenem. Zudem sind Suchmaschinen zweischneidige Schwerter im weiten Feld „Übersicht und Überwachung“ dadurch, dass sie „immer in Auseinandersetzungen verwickelt sind zwischen jenen, die sie einsetzen, und jenen, auf die sie angesetzt werden“. Gugerli ringt so nicht nur alten TV-Shows originelle Lesarten ab, die uns Neues sowohl über Fernsehunterhaltung als auch über die allgemeine Funktionsweise von Suchmaschinen zu sagen vermögen (und somit indirekt ein treffendes Statement zur Vergoogleung der Welt abliefern), sondern legt auch ein mustergültiges Beispiel vor, wie Technikgeschichte spannend und erhellend mit den Wechselwirkungen von gesellschaftlichen Entwicklungen und technischer Innovation verknüpft erzählt werden kann. 

www.suhrkamp.at

 

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