Tapetenwechsel?
story

Die Früher-war-alles-besser-Fraktion

Johannes Rausch


Die Diskursmaschine Robert Misik knöpft sich in seinem neuen Buch („Politik der Paranoia. Gegen die neuen Konservativen“) diesmal die Lebensweisheiten der Neokonservativen vor und zerpflückt den gesellschaftspolitischen Roll-Back brillant. Das Buch wird am 16. Februar im Kreisky Forum in Wien präsentiert.

Bild: misik_aufbauverlag.jpg



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Eines muss man gleich vorweg anerkennen: Robert Misik ist, wenn es sich um das Erkennen aktueller gesellschaftspolitischer Trends handelt, mit einer Analysefähigkeit ausgestattet, die im diskursfaulen Österreich seinesgleichen sucht. Der Autor einiger kluger und vor allem scharfsinniger Sachbücher ("Das Kult-Buch", "Gott behüte!") beweist auch als Schreiber in "taz", "Standard", "Profil" und "Falter" publizistischen Weitblick und ist sich darüber hinaus des praktischen Nutzwertes eines Blogs als Plattform und Diskussionsfläche bewusst - was Leser auf www.misik.at tagtäglich nachprüfen können.

Einen Vorteil hat Robert Misik allerdings: Die seiner Kritik unterzogenen Menschen machen es ihm ziemlich leicht. Sein aktuelles Objekt der Begierde ist der aktuell eine gewisse Renaissance feiernde Neokonservatismus, den Misik in seinem dieser Tage erscheinenden Buch "Politik der Paranoia - Gegen die neuen Konservativen" geschickt entlarvt. Proponenten dieser sonderbaren neuen alten Gattung, die eben nie komplett von der Bildfläche verschwunden ist, aber jetzt wieder voll da zu sein scheint, sind schwer zu übersehen bzw. zu überhören: Man denke an die ehemalige TV-Moderatorin Eva Hermann, den Mitherausgeber der FAZ Frank Schirrmacher oder den Historiker und Publizisten Paul Nolte etc.

Aufmerksamen Kulturkonsumenten mag es ja bereits aufgefallen sein, dass in letzter Zeit vermehrt betont wertkonservative - mag heißen altbackene - Geisteshaltungen im öffentlichen Diskurs präsent sind. Gemein ist diesen Personen, abgesehen von einem mehr als peinlich, ja lächerlich wirkenden öffentlichen Auftreten, schlapp gesagt: der Hang zum Alten, Gedankengut der Marke "Früher war alles besser". Schlimm ist eh alles: Hedonismus, emanzipierte Frauen, denen "die Karriere wichtiger als das Kind" ist (die somit schuld am Geburtenrückgang sind) oder der gute alte Sozialstaat. Um nur einige zu nennen. Alle kriegen ihr Fett ab. Ihre Kritik am derzeitigen Europa, das sich in ihren Augen ohnehin viel zu liberal gibt und immer noch übermäßig 68er-Ideologie inhaliert, riecht streng nach einem an Opa und Oma erinnernden Spruch dieser Art, wonach die Jugend von heute ja auch nicht mehr das sei, was sie einmal gewesen ist. Denn im Endeffekt legt jener Neokonservativismus, wenn man zwischen den Zeilen liest, nur ein Motiv ihrer Vertreter offen: Die Angst vor Veränderung.

So schreibt dann auch Misik in seinem neuen Werk: "Der kleinste Nonkonformismus hat mindestens den Untergang des Abendlandes zur Folge und Wertepluralismus mündet in Handumdrehen in verderblichen Nihilismus." Und merkt an: "Wenn etwas den neuen Konservativismus auszeichnet, dann ist das eine überspannte Krisensemantik, dann sind das diese überhitzten Untergangsphantasien, die paranoide Angstlust vor dem absoluten Bösen, das sich breit mache in unseren modernen Gesellschaften. Der Konservative fühlt sich maximal bedroht." "Politik der Paranoia" enthält luzide und korrekte Betrachtungen, dringt tief in die Materie ein und geht einigen sehr widersprüchlichen Anschauungen auf den Grund. Nach Lektüre dieses brillanten und stilvoll formulierten Buches weiß man über dieses grassierende Kulturphänomen bestens Bescheid, kennt alle wichtigen, auch geschichtlichen, Hintergründe und kann angesichts doofer Aussagen gewisser medialer "Hoheiten" selbstbewusst behaupten: Viel Theater um nichts.

 

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