Tapetenwechsel?
26.03.2012
» gesellschaft

Der Kulturinfarkt

von Klaus Werner-Lobo  


Vier Vertreter des etablierten Kulturbetriebs beschweren sich über den etablierten Kulturbetrieb. Teilweise zurecht, teilweise ziehen sie die falschen Schlüsse.

Bild: 19_03-Buch_Kulturinfarkt_01.jpg

Bild: klaus-werner.jpg



social widgets
Sharen, Bookmarken etc.:





Dieser Artikel ist mir was wert:

Die Autoren des neuesten Aufregerbuches fühlten sich bereits vor seinem Erscheinen so missverstanden, dass sie sogar mit gerichtlichen Schritten drohten: Weil der Deutsche Kulturrat ihnen fälschlich unterstellt hatte, dass sie die Hälfte der Kulturförderung streichen wollten, verlangten sie einen Widerruf. „Sorry, die Kulturinfarktautoren wollen doch nur die Hälfte der Kultureinrichtungen schließen“, musste die Interessensvertretung deutscher Kulturinstitutionen richtigstellen und soll nun 2000 Euro Anwaltskosten berappen. Und das ist nur der geringste Teil der Aufregung um den „Kulturinfarkt“. Dabei wissen wir doch, dass sich Infarktgefährdete nicht aufregen sollen!

Einen Infarkt nennt man in der Medizin das Absterben eines Gewebes infolge einer Sauerstoffunterversorgung. Nichtsdestotrotz diagnostizieren die Autoren nicht zuwenig, sondern zuviel Versorgung: „Von allem zu viel und überall das gleiche“ orten sie in der deutschsprachigen Kulturlandschaft. Sie verurteilen staatliche Kulturförderung als konzeptlos und innovationshemmend und schlagen provokant vor, dass man auf die Hälfte aller Theater, Museen, Bibliotheken und Orchester verzichten könnte. Also: Nicht die Hälfte der Subventionen einsparen, sondern umschichten – hin zu innovativeren, individuelleren, aber auch marktgängigeren Projekten.

Falsche Versprechen

Dabei treffen sie mit zahlreichen Punkten ihrer Analyse einen wunden Punkt: In der Tat fehlt es der Kulturpolitik vieler Länder und Kommunen an Konzepten und Visionen. Die allerorten und seit Jahrzehnten von kulturpolitischen Think-tanks ausgespuckte Proklamation „Kultur für alle!“ ist ein leeres Versprechen geblieben, wie die Autoren anhand zahlreicher Beispiele nachweisen: Trotz teilweise zweistelliger Wachstumsraten der öffentlichen Kulturbudgets – zumindest bis zur nun durchschlagenden Wirtschaftskrise – stagniert der Anteil jener, die die öffentlich subventionierten Kulturangebote in Anspruch nehmen auf allerniedrigstem Niveau. „Alle Kulturpolitik dient dazu die Ekstase zu bremsen“, attestieren die Autoren ketzerisch. „Was gefällt, hat verloren“. Auf deutsch: Um sich der herrschenden Kulturelite zugehörig fühlen zu können, muss man langatmige Opern und fade Ausstellungen über sich ergehen lassen. Hat was.

Aufgeblasene Kultur-Tanker

Mit Millionenbeträgen wurden dafür vor allem große Kulturtanker aufgepäppelt, die dank Inflationsanpassung und steigenden Personal- und Pensionskosten immer gefräßiger und dabei gleichzeitig immer träger werden. Kleine, innovative, gesellschaftskritische Initiativen, neue Kulturgenres (etwa im Bereich der digitalen Kunst), migrantische und andere marginalisierte Gruppen müssen sich mit beschämend geringen Förderbeträgen begnügen.

 

kommentare

sozialisieren auf facebook