Tapetenwechsel?
26.08.2010
» fabula rasa

Das Leben ist eines der Schwersten.

von Georg Cracked  


Karl R. beschäftigt sich seit 23 Jahren mit der Messung von Kommunikation. Er hat damit begonnen, in Biergärten, Schwimmbädern und im Winter rund um Punschhütten und Kartoffel-Buden Richtmikrophone aufzustellen, um Pegel, Geräusche und Amplituden zu messen.

cracked69@hotmail.com
www.twitter.com/georgcracked


Bild: FAB_RAS_03.jpg


Quelle: The Gap 112


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Diese hat R. in vielen schlaflosen Nächten mittels SPSS und anderer statistischer Auswertungssoftware in Relationen gebracht, multivariat nach signifikanten Kausalitäten ausgewertet und gereiht, geschichtet sowie geclustert. Ein paar Jahre später, im Zuge der Digitalisierung und als immer ausgefeilteres Mess-Equipment bei Conrad verfügbar wurde, begann er Stimmungspegel und Dynamik der Gesprächsführungen in seine Aufzeichnungen mit aufzunehmen. Das vervielfachte natürlich die Datenmenge, aber mit den immer besser werdenden Prozessoren und Rechenprogrammen bekam Karl R. dieses vor allem technische Problem in den Griff. Sein Hobby wurde alsbald zur Obsession und er begann, nicht nur statisch die gleichen Orte zu beobachten, sondern auch immer weitere Lokalitäten, in unterschiedlichen Bundesländern, aber auch zu den unterschiedlichsten Tageszeiten in seine Untersuchungen mit einzubeziehen. Diese geografische und zeitliche Ausdehnung veränderte seinen Ansatz zur Kommunikationsmessung deutlich, machte ihn valider, repräsentativer und sollte dazu helfen, der Vielgestaltigkeit des menschlichen Lebens besser gerecht zu werden. (Dass er zu dieser Zeit auch arbeitslos wurde, trug ebenfalls positiv zur qualitativen Verbesserung des Forschungsansatzes bei.) Mitte des neuen Jahrtausends wurde sich Karl R. bewusst, dass das Thema Datenschutz und Privatsphäre eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung seiner Forschungen spielen könnte, ja sie sogar zu Fall bringen konnte. Er begann daher ein aufwendiges Privatstudium aller relevanten Rechtstexte und Fälle, konnte aber nach einiger Zeit beruhigt aufatmen. Nicht nur hatte er nie personenbezogene Daten aufgenommen, er kannte ja nicht einmal die Respondenten, deren Gespräche er auf rein technische Parameter wie Dynamik, Dauer, Lautstärke, Rauschen, Amplitude, etc. untersucht hatte. Zum anderen saß er auf so vielen Daten, dass die Auswertung ohnehin nur hoch gebildeten Spezialisten zuzutrauen war, und dies den moralischen Ansprüchen der Datenwächter wohl genügen würde. 2008 passierte der schwere Schicksalsschlag, denn Karl R. erkrankte an einem Tumor in der rechten Mittelohr-Gegend. Die Ärzte konnten es nicht bestätigen, aber der Verdacht lag nahe, dass das jahrelange Tragen von elektrisch aktivem Equipment und die vielen Nächte der Auswertung von Geräuschen ihren physischen Tribut forderten. Karl R. beschloss also seine Studien abzuschließen und neben den therapeutischen Maßnahmen ein finales Fazit aus seinen Erkenntnissen zu ziehen. Dieses Fazit ist nun geraume Zeit überfällig und auf Nachfrage, was Karl R. uns denn aus den vielen Jahren Forschung und Analyse über Kommunikation sagen könne, war nur folgendes Statement zu erhalten: „Es ist ein Wunder, dass Kommunikation überhaupt manchmal funktioniert.“

 

Cracked69@hotmail.com, georgcracked@twitter.com, www.monochrom.at/cracked

 

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