Tapetenwechsel?
28.08.2012
» wiener clubkultur

Clubkultur Sommergespräche

von Stefan Niederwieser  


Das letzte Jahr war nicht nur super für Clubs in Wien. Market und Roxy mussten schließen, andere sind mit Anrainerklagen beschäftigt. Zu diesen gehört das Morisson. Ko-Betreiber Javier Martinez hat sich auf Initiative von The Gap mit Herbie Molin zur Kochabo-Grillerei getroffen, also mit jemandem, der die Wiener Clubkultur schon lange kennt, mit Rhiz, Blue Box oder B72.

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„Du kannst beim Magistrat nicht hingehen und sagen: Dieses Lokal ist super.“ Der Satz von Javier Martinez vom Morisson fasst es ganz gut zusammen. Einerseits ist da eine blühende Clubkultur, die sich langsam über die Wiener Stadtgrenzen hinaus herumspricht. Andrerseits funktioniert Stadtpolitik nach eigenen Regeln. Trotz Nacht-U-Bahn, trotz aller positiven Berichte, trotz Unterstützung von Wirtschaftskammer und einigen Bezirksvorstehern. Lärm und Drogen werden immer ein Problem für Clubs sein. Man kann höchstens ein paar Sicherheitsschleusen und Vorsichtsmassnahmen einziehen, Garantie gegen langatmige Scherereien gibt es keine.

„Die Lautstärkeprobleme sind komischerweise erst mit der Zeit gekommen. Ein Alptraum. Ich wollte seither kein Lokal mehr in einem Wohnhaus“, sagt Herbie Molin vom Rhiz über seine Anfangszeit in der Blue Box. „Der Stizz hat das Werk im Sechzehnten so halbwegs dicht gemacht, aber bei einem gut funktionierenden Club machen die Leute eben vor der Tür so einen Wirbel, dass man trotzdem wieder ein Problem hat. Das ist eine wirklich alte Geschichte, im alten Chelsea war das genauso. Ich würde es nicht mehr riskieren, am Gürtel geht das.“

Herbie Molin hat das Rhiz vor 14 Jahren eröffnet, war einer der ersten bei der Gürtel-Wiederbelebung, war am B72 beteiligt und ist irgendwann aus der Blue Box ausgestiegen. Über das Lokal redet er in der Vergangenheit, es ist heute etwas anderes wie damals.

 

Herbie: Die Polizei kommt mit dem Amtsarzt in die Wohnung über dem Lokal und sagt wie weit die Lautstärke runter muss. Das war lächerlich, ich hab unten nur mehr gelacht, weil ich daheim lauter Musik höre ... und ich bin kein wilder Hund. Ein Mensch kann allein eine ganze Szene ruinieren. Beim alten Chelsea war das auch nur ein Typ.

Javier: Man dämmt den Schall, zieht eine Decke ein, und versucht eh alles. Aber der Amtsarzt hat nur gesagt es ist zu laut, ohne Messung. Dabei wollte ich das im alten Morisson genau einmal machen, die Parties sind einfach passiert. Dann kam der Bescheid, die Anlage wurde entfernt und stand zwei Monate lang im Bezirksamt.

Herbie: Wahnsinn. So etwas hab ich noch nie gehört.

Javier: Ja, mein Anwalt auch nicht. Jetzt hab ich zumindest die Anlage wieder. Es kann bis zu sechs Monaten dauern bis ein Urteil gesprochen wird. Kann sein, dass du Recht bekommst, aber danach pleite bist. Weil du dafür die Anwaltskosten übernehmen musst. Die ausgelagerten Veranstaltungen im Project Space – Morisson im Exil – waren immer voll. Support von den Veranstaltern war da. Das geht aber auch nur Juli, August, September. Jetzt halten wir uns mit den Veranstaltungen so gut es geht über Wasser, der Hausbesitzer kommt uns auch entgegen.

Wie wäre es da mit einem Umsiedelungsprogramm für nervige Anrainer?

Javier: Beim Werk haben sie das sogar probiert.

Herbie: Immer, wenn ich Stizz sehe, sagt er: Ich habe zehn Euro einstecken, mehr hab ich nicht, mir kann keiner mehr was wegnehmen. Man glaubt es ihm sofort, wenn man ihn sieht. Ich kenne ein paar Leute, die dort gewohnt haben, die dann aber selbst wieder ausziehen, weil es ihnen zu laut ist. Wir haben damals im Hermannpark – den haben ja wir entdeckt – das Picknick mit Hermann gemacht, eine Art Vorläufer des Picknick am Wegesrand. Da hat es auch irrsinnige Beschwerden gegeben, was ich schon verstanden habe. Der Pomassl der hat es ihnen wirklich besorgt.

Javier: Das Chaya Fuera haben sie im Wohngebiet mit einem irrsinnigen Aufwand isoliert und nur irgendwo ein Eckerl ausgelassen oder vergessen. Die hatten von Anfang an Lärmbeschwerden. Und bauen immer noch.

Kennt man sich nicht mit der Zeit und hat eine Gesprächsbasis?

Herbie: Die hassen dich, wenn sie wegen dir auf Grund von Beschwerden dauernd kommen müssen. Auch die Polizei gibt dir zu verstehen, dass sie jeden Tag eine Razzia machen können, wenn man sich nicht zusammen reißt. Sie finden wahrscheinlich nichts, dafür kommt aber auch niemand mehr hin. Die wollen alle ihre Ruhe haben.

Hat sich das nicht über die Jahre geändert? Heute ist Clubkultur ein viel größeres Thema. Gibt es niemanden, mit dem man reden kann?

Herbie: Beim Fluc weiß ich, dass es Bezirkspolitiker gibt, die das durchaus schätzen. Am Gürtel gab es vor zwanzig Jahren Drogenprobleme, Obdachlose, Alkoholiker. Heute gehen die Puffs ein, weil es nicht mehr erlaubt ist, draußen zu stehen. Wenn man dort einen Club macht und das behübscht, gewinnt der Bezirk ein bisschen. Deswegen haben sie uns ein bisschen gern, aber kaum gibt es Probleme, hat man irgendwann keine wahnsinnige Unterstützung.

 

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