Tapetenwechsel?

Brauchen wir die Austro-Quote?

Walter Gröbchen

Walter Gröbchen

"Das Leben wird ein Hit"

Einmal mehr sollte eine Diskussion beendet werden, bevor sie begonnen hatte. »Wir werden uns nicht selbst verpflichten, Marktanteile zu verspielen, indem wir österreichische Lieder senden, die das Publikum nicht hören will«, verkündete der Kommunikationschef des ORF Pius Strobl Ende Juni. Die Untermauerung dieses Standpunkts bei einer Enquete zum Thema Musikstandort fiel eher kläglich aus. Dem Fakt, dass in keinem europäischen Land weniger lokale Klänge im lokalen Radio laufen, hatte auch der ORF-Hörfunkdirektor wenig entgegenzusetzen. Sender wie Ö3 oder Radio Wien tun sich hörbar schwer, die im ORF-Gesetz formulierte “angemessene Berücksichtigung und Förderung der österreichischen künstlerischen und kreativen Produktion” zu erfüllen. Der EU-Schnitt liegt bei vierzig (!), jener von Ö3 deutlich unter zehn (!) Prozent lokalem Musikanteil. Egal ob Pop, Rock, Jazz oder Elektro: Urheber und Interpreten kämpfen in Österreich mit einem eklatanten wirtschaftlichen, kulturellen und medienpolitischen Startnachteil. Gäbe es nicht Falco selig, Christl Stürmer und ein paar “Neue Österreicher”, wäre das Hitradio eine Pop-Import-Agentur ohne regionalen Zungenschlag. Andere Töne? Neue Namen? Wollen die Leute nicht hören, winken die Verantwortlichen ab. Alles von deutschen Beraterfirmen getestet!  Und natürlich kann, will, darf Ö3 kein Jota von seiner Erfolgsformel abweichen. Warum aber die Befürchtung besteht, dass Heimisches das Publikum vertreibt, hat noch keiner der Format-Wächter schlüssig erklärt. Unabhängige Umfragen bestätigen deutliches Publikumsinteresse. Nebenan, im Alternativ-Sektor, gibt es übrigens so viel interessante Ö-Musik wie nie – eben (auch), weil FM4 ganz selbstverständlich als Biotop und Nischen-Plattform fungiert. Der Drang hin zu größeren Hörerkreisen lässt sich damit aber nicht hintanhalten. Pop zielt auf Masse. Der ORF sieht sich erstmals nicht einer ihren langjährigen Pfründen nachtrauernden Austropop-Altvorderen-Gemeinde gegenüber (so das Klischee ewigen Raunzertums, das der Küniglberg gern mal als Propaganda-Feindbild aushändigt), sondern einer medial und politisch versierten Generation. Das gibt dem Ruf nach Airplay (oder gar nach einer Quote, wenn’s gar nicht anders geht) neues Gewicht. Ewiges Abwiegeln seitens kommt da gar nicht gut. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Und das ist bekanntlich ein Hit. In Zukunft immer öfter auch ein österreichischer.

Walter Gröbchen, 46, einst Journalist, dann A&R-Agent von Universal Music, betreibt heute die PR-Agentur und das Label Monkey Music (Zweitfrau, Julia, Son of a Velvet Rat).

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Datum-Kommentar: "Querfinanzieren, statt Quoten!"

Österreichs Radios spielen genug „gute” österreichische Musik. Die nun – zuletzt auch im DATUM – geforderten Quoten begünstigen höchstens das belanglos-langweilige Mittelmaß.

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Quelle: The Gap 088


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Oft gefordert, nun heftig debattiert: eine gesetzlich festgelegte Regelung für heimische Musik in Österreichs Radios. Brauchen wir die Quote?

Wer wären die Nutznießer einer verbindlich definierten Quote? Genau darüber gehen die Meinungen auseinander. Die einen meinen, das gesamte Musikschaffen würde von einem gesetzlich festgelegten Anteil österreichischer Produktionen profitieren. Die anderen wiederum hegen Bedenken, eine einseitige Bevorzugung hiesiger Musiktitel  würde höchstens mittelmäßige Machwerke begünstigen.

Die einen, das sind jene, die man die österreichische Musik-Lobby nennen könnte, welche im Juni in beeindruckender Einigkeit (von den Wiener Grünen über zahlreiche Musikergilden bis zur Wirtschaftskammer) in einer parlamentarischen Enquete eine verbindliche Regelung zu Gunsten österreichischen Musikschaffens forderte. Als Argument haben sie den niedrigen Anteil österreichischer Produktionen vor allem im Mainstream-Radio auf ihrer Seite. Zuletzt stammten nur 14,5 Prozent aller von den ORF-Radios gespielten Titel von in Österreich produzierten Tonträgern – weshalb der Musikstandort in Gefahr wäre. Und die Plattform www.sos-musikland.at gegründet wurde, welcher der Hörfunkdirektor des ORF insofern entgegenkam als er eine “freiwillige Vereinbarung zur Steigerung des Marktanteils österreichischer Musik auf den ORF-Radios unter Beteiligung der Privatsender” vorschlug. Verpflichtende Quoten, in vielen europäischen Ländern Gang und Gäbe, lehnte er ab.

Die anderen, das sind diejenigen, die meinen, Gutes würde sich ohnehin Gehör schaffen. Anlass hitziger Diskussionen war etwa ein Kommentar des The Gap-Herausgebers Thomas Weber im Magazin Datum, in welchem dieser meinte, Österreichs Radios spielten genug “gute” österreichische  Musik – nämlich in den qualitätsbewussten Nischen Ö1 und FM4. Da es in der Debatte ohnehin nur ums Geld ginge, solle man Ö3 als Cashcow unbehelligt lassen, um die Nischen querfinanzieren zu können. Fakt ist jedenfalls: Vertretbare Mainstream-Produktionen kann man sich heute aus dem Land mit dem A kaum mehr vorstellen. Die Major-Labels haben – bis auf wenige Ausnahmen – von Verträgen mit  österreichischen Musikern Abstand genommen. Fraglich bleibt, ob eine Quote daran wirklich etwas ändern würde.

 

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