Tapetenwechsel?
09.02.2016
» gesellschaft

Beisldrama

von Jennifer Fasching  


Verbringen Leute, die Fasching heißen, bessere, ärgere, härtere Faschingsfeierlichkeiten? Diese Frage hat uns so sehr gequält, dass wir die einzige Person mit Nachnamen Fasching, die wir kennen, um Antwort baten. Zum Glück ist diese Person Jennifer Fasching, also folgte diese Kurzgeschichte – direkt aus dem Leben gegriffen.

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Dieser Artikel ist mir was wert:

Dass ich Fasching heiß, ist einmal wurscht. Ich heiße so. Viele Leute heißen so. Es ist uns grundlegend egal. Wir finden es nicht lustig, die anderen auch nicht. Außer es ist Fasching und wir geben eine Party, dann kommen die Leute wahrscheinlicher zu unserer als zu den anderen Parties aus einer Art "Nomen-Est-Omen-Pflichtschuldigkeit" und jeder findets lustig.

Fasching vor zwei Jahren: Die "Location"  – ohne das eigentlich sagen zu müssen: ein Ur-Alt Wiener Beisl. Und so ein Ur-Alt Wiener Beisl setzt vor allem einen Ur-Alt Wiener Chef voraus. Ohne den geht gar nichts. In so einem Beisl hab ich vor zwei Jahren gearbeitet. Meinen damaligen Chef hab ich liebevoll "Gerry-Chef" genannt (zusammengesetzt aus "Gerry" seinem Namen und "Chef" seiner Position). Und gemeinsam haben wir uns gedacht, es wäre eine gute Idee, alle meine (Facebook-)Freunde zu seiner jährlichen Faschingsparty ins Beisl einzuladen. Alle sind gekommen, das Lokal war sehr voll, wir waren zufrieden. Er war der Faschingskönig und ich seine Prinzessin. Das Angebot des Abends war Gin Tonic um nur drei Euro. Eigentlich hätte es ein guter Abend werden können... Also, ich schütte mich weg mit Cola-Rot, meine Freunde sind begeistert vom billigen Gin-Tonic, in der Mitte vom Lokal steht eine portable Pole Dance Stange. Und irgendwo im Augenwinkel tanzt meine bulgarische Kollegin Bauchtanz am Tisch. Alles gut.

Hier beginnt das Problem mit den Faschingskrapfen

Es gibt außerdem drei Blech gratis Faschingskrapfen, die leider keiner will, die aber weg müssen, weil sie nun mal extra für diesen Anlass besorgt wurden. Um ca. Mitternacht, stehen die Faschingskrapfen immer noch unberührt und unbegehrt auf der Bar, was mir wurscht ist, meinem Chef aber nicht, also dreht er sich mit einem Blech in der Hand zu meinem damaligen Freund um, drückt ihm das Ding in die Hand und schafft an: "Du, geh einmal durch und teil die Krapfen aus!" Mir gefällt sein Ton nicht und noch weniger der Blick, den der Ton und die Geste bei meinem Freund auslösen. Um seine Boyfriend-Ehre zu verteidigen und meinem Girlfriend- Beschützerinstinkt Rechnung zu tragen entgegne ich kurz: "Du, mein Freund soll nicht gratis arbeiten!" Fehler.

Auftakt Tragikomödie: Der entsetzte Blick wechselt vom Gesicht meines Ex-Freundes zum Gesicht meines Ex-Chefs. Er erstarrt ob der Frechheit meiner Aussage, ich meinerseits erstarre in der grausigen Vorahnung eines Dramas. Ich zähle im Kopf die Euros die ich mir angespart hab seit meiner Anstellung: null. Jetzt zu Gehen kann ich mir nicht leisten, bleiben will ich auch nicht. Was passiert jetzt? Was macht er? Bringt er mich jetzt um? Muss ich das Krapfenblech fressen? Muss irgendwer anderer das Krapfenblech fressen? Unheilschwangerer Beisldunst, Cola-Rot schwangerer Bauch. Das Lied ist aus, mein Chef ist der DJ, er muss die Platte wechseln, er geht. Wo ist mein Freund? Er verteilt die Krapfen.

Dominik, der Mann mit der Transportfirma, fordert mich auf zum Walzertanz zu irgendeinem Disco-Lied, alles Walzer, ich tanze. Mir ist schlecht. Ich verschränke meine Arme in Dominiks Nacken, ich hab was übrig für ihn, er beruhigt mich, weil er mich an einen andren Exfreund erinnert. Mit der Linken halt ich ihn fest, während er mich hin- und herschwingt, mit der Rechten rauche ich. Ich weiß nicht mehr wie viel Zeit vergangen ist, aber irgendwann sehe ich meinen Chef durch die Küche zurück auf mich zukommen… Donnergrollen... Er erklärt mir, er habe die Krapfen allein für meine Freunde gekauft, eine unglaubliche Nettigkeit seinerseits. Ich erkläre ihm, ich hätte die ganzen Leute nur für ihn und sein Geschäft eingeladen, Ausdruck großen Mitgefühls seiner Lokalität gegenüber, ergo noch größere Nettigkeit meinerseits. Er ist gebrochen, ich bin gebrochen. Er redet weiter von Enttäuschung und Frechheit und fragt mich, was denn das Problem wäre, meinen Freund zu bitten, die Scheißkrapfen auszuteilen, das wäre doch wohl das mindeste! Ich erkläre ihm, es läge nicht an der Bitte, die eben keine Bitte war, sondern ein Befehl und überhaupt: Sein Ton passe mir nicht, der sei zu herablassend und herrisch! Das Lied ist wieder aus, er muss Platte wechseln, tritt ab. Ich verspüre zum zweiten Mal den großen Drang einfach zu gehen, derweilen meine Freunde und deren Freunde weiter den Drang zum Saufen verspüren und mit ihren Geldbörsen vor meinem Gesicht herumfuchteln. Ich kann nicht mehr, ich reg mich zu sehr auf. Ich überlasse meinen Kellnerfleck meiner Bauchtanzkellnerkollegin und geh aufs Klo, um allein zu sein und über mein Leben nachzudenken, das mich in dieses prekäre Beisldrama geführt hat. Ich höre, wie sich draußen mein Ex-Chef und seine in wenigen Minuten Ex-Freundin über mich und meine Causa streiten. Zurück hinter der Bar bastle ich mit Hilfe diverser Alkoholiker (Anm. der Red.: Wir wissen nicht, ob Jennifer hier eigentlich Alkoholika meint, es passt ja beides) weiter an einer "Ok, scheiß drauf, er beruhigt sich schon"-Attitüde, die sich bei mir einfach nicht einstellen will. Die  – wie später erfahren zu dem Zeitpunkt schon – Ex-Freundin verabschiedet sich von mir mit den Worten: "Du bist ein tolles, ganz besonderes Mädchen!!!" und geht. Sie ist offenbar auf meiner Seite. Endlich gehen auch alle anderen. Mein Chef und ich rechnen ab. Wir zählen das Geld und kommen drauf, dass mir während meiner Klo-Meditation, offenbar jemand dreihundert Euro aus dem Kellnerfleck gestohlen hat. Lei-leiwand! Wir geben auf. Wir gehen nach Hause. Übrigens bei meinem nächsten Dienst hat mein Chef mich gefragt, ob einer meiner Freunde vielleicht Diabetiker oder drogensüchtig ist, weil meine Kollegin am Morgen nach der Party Spritzbesteck im Mistkübel gefunden hat. Also wenn du das gerade liest, lieber Gespritzter, melde dich! Die Geschichte dahinter würde mich immer noch interessieren!

 

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