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Beim Haderer
von Niko Alm
Seine Politikerpuppen sind die Bühnenstars des Kasperltheaters von Maschek. Auch für die Gastgeber und Gäste „Bei Faymann“ zeichnet Gerhard Haderer verantwortlich. Ein Gespräch über Benedikt XVI, den Papst formerly known as Joseph Ratzinger, und den Gottseibeiuns der österreichischen Innenpolitik: den im Bühnenstück unsichtbar waltenden Hans Dichand als Deus Ex Machina.
Zunächst hatte Gerhard Haderer die Puppe von Joseph Ratzinger in seinem Arbeitszimmer. Da er sich zusehends vom stechenden Blick des Miniatur-Papstes beobachtet fühlte, musste die Puppe ins Wohnzimmer übersiedeln, was aber auf heftige Proteste stieß. Joseph Ratzinger wohnt jetzt in einer Kiste, während er die Sommerfrische am Attersee genießt und ließ es sich nicht nehmen, das Interview von der Tischkante aus mitzuverfolgen.
Niko Alm: Joseph Ratzinger trägt derzeit Gips. Müssten Sie der Puppe nicht eigentlich die Hand brechen und ist das dann Voodoo?
Gerhard Haderer: Ich bin null esoterisch. Aber wer weiß, manchmal sticht’s mich da so. Könnte ja sein, dass der Vatikan eine Gerhard-Haderer-Puppe hat.
Gibt es denn Ersatz für den Fall, dass sich die Puppen auf der Bühne ernsthaft verletzen?
Nein, jede Puppe gibt es nur einmal. Brigitte Schneider hat hier unglaubliche Arbeit geleistet. Fantastisch! Diese Dame ist internationale Klasse. Sollte sich aber eine der Figuren tatsächlich auf der Bühne verletzen, dann wird die natürlich verarztet. Da wird auch gegebenenfalls einbandagiert. Und falls tatsächlich eine Puppe nachproduziert werden muss, ist das natürlich auch möglich.
Bleiben wir beim Übernatürlichen: Könnte Gerhard Haderer auch eine Gott-Puppe skizzieren?
Ich habe kein Bild von Gott und ich habe auch kein Bild von Mohammed, um das vorwegzunehmen. Deswegen kann ich auch keine Puppe von ihm zeichnen. Natürlich habe ich ein Bild von den infantilen Jesusdarstellungen. Das ginge. Den tradierten katholischen Himmelvater könnte ich selbstverständlich auch zeichnen, aber Gott nicht.
Das könnte ja auch unter Blasphemie fallen. Der §188 (StGB) stellt ja die Herabwürdigung religiöser Lehren und auch der Vertreter Gottes auf Erden unter Strafe.
Der gehört sofort und ersatzlos gestrichen. Das ist ein Relikt aus dem finsteren Mittelalter. Außerdem gibt es ja das Grundrecht auf Freiheit der Kunst, die allerdings oft im Widerspruch dazu steht. Hier herrscht eine völlige Unvereinbarkeit von Aufklärung der letzten 250 Jahre und Kirchendogmen. Das nennt man ja auch den Clash of Civilizations. Mir scheint, als gäbe es derzeit einen Rückzug ins diffus Religiöse. Die schlimmste Ausformung davon ist dieser miserable Polit-Slogan „Abendland in Christenhand“.
Bei Religion wird gerne verfügt, dass es sich um eine Privatsache handelt. Ist es also nicht besser, sich agnostisch zu verhalten und die Frage einer Existenz Gottes als nicht beantwortbar zu ignorieren oder ist hier Stellung zu beziehen?
Unbedingt. Hier gibt es die religiösen Mystiker, zu denen ich nicht zähle, aber jeder soll an irgendwas glauben dürfen. Aber bei „Abendland in Christenhand“ muss man Stellung beziehen. Hier wird eine uralte Strategie verfolgt: Feindbilder aufbauen und gleichzeitig die simplen Lösungen anbieten. Ein niederträchtiges Schauspiel, das sich in unserer Geschichte immer wieder wiederholt hat.
Ist es angesichts dessen überhaupt möglich, Strache, Petzner, etc. zu zeichnen?
Strache zeichne ich. Im Moff (Haderers wiederbelebter Comic-Querformat-Serie, Anm.) ist er ein dreijähriges Baby. Manche Figuren haben es verdient, bis zur Kenntlichkeit bloßgestellt zu werden. Dann kommt eben ein kleiner Arsch mit Ohren heraus. Für den Herrn Petzner habe ich sogar so etwas wie menschliches Verständnis entwickelt. Der war mit der Situation heillos überfordert und hat sich mit jeder Äußerung mehr verwurschtelt. Armer Kerl. Den lass ich in Ruh’.
Bleiben wir noch ein bisschen bei der Religion: Der in der österreichischen Politik gottähnliche Christian Konrad wird auch „Bei Faymann“ zu Gast sein.
Das ist eine großartige Aufgabe, eine Figur wie diese, die derart glänzt und spiegelt, zeichnen zu dürfen. Ich mag Christian Konrad auch nicht schärfer attackieren, weil der zumindest noch so etwas wie einen Rest von Selbstironie und Humor hat. Und er zieht die Politiker am Nasenring durch die Manege. Konrad hat ja auch die Generalprobe des Kasperltheaters im Rabenhof komplett gekauft. Die Einnahmen kommen, und das ist die schöne Ironie dabei, komplett dem Verein Ute Bock zu
Gute.
Christian Konrad ja, Gott nein. Aber gibt es dann vielleicht einen Deus ex Machina?
Es gibt tatsächlich eine Figur, die in dem Stück vorkommt, permanent präsent ist, die es aber nicht als Puppe gibt. Es handelt sich um den Hundestreichler der Nation.Ich glaube, Hans Dichand will es jetzt noch einmal wissen. Er sagt zwar, er streichelt nur seinen Hund und mischt sich in Politik nicht ein, aber jetzt probiert er noch einmal, was geht. Zuerst hat er HP Martin zum Sieg verholfen, jetzt lässt er den Grüßaugust Faymann fallen. Er macht das auch nicht aus Überzeugung, sondern um die Macht der Kronen Zeitung zu demonstrieren. Es gibt weltweit keine Zeitung, die so direkt Macht ausübt. In keinem demokratischen Land zumindest.
Dann drängt sich ja auch Dichands Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten auf: Erwin Pröll.
Der Onkel ist natürlich dabei. Ich glaube ja übrigens, dass seine grandiose Frisur ein Toupet ist. Am Abend nimmt er diese Spiegelkappe ab und drunter sind die Haare ganz normal. Er macht das nur, weil alle Frauen drauf abfahren.
Was ist mit den Grünen?
Die machen mir derzeit kein Angebot, auch als Zeichner nicht.
Wie reagieren die menschlichen Vorlagen der Puppen, wenn sie von Maschek ausgewählt werden?
Ganz verschieden. Es gibt natürlich solche, die richtig damit umgehen, wie z. B. Bürgermeister Häupl. Der kommt in die Vorstellung und haut sich über sich selbst ab. Ein Schüssel hingegen ist nie gekommen. Seine Frau war da. Für die aktuelle
Staffel haben sich – nicht zu fassen – Bundeskanzler Faymann mit 15 Leuten und auch Bundespräsident Fischer angesagt.
Wo endet beim Zeichnen die Grenze des ethisch Vertretbaren?
Es gibt keinen Kodex, auch keinen selbst aufgestellten, aber natürlich eine bestimmte moralische Grenze. Und es gibt eine Menge Menschen, die ich niemals zeichnen werde. Eine Ausklammerung jener, die nie berührt werden. Das sind sehr viele. Ich liebe ja die Menschen.Aber prinzipiell ist es Aufgabe der Künstler, an die bürgerlich definierten Geschmacksgrenzen zu gehen.
Geht viel Zeit für Klagen und Beschwerden drauf?
Ja doch. Es wird mehr. Aber die schlimmste Art der Reaktion, die ich auf meine Zeichnungen bekomme, ist ja, wenn sich jemand auch noch bedankt für eine scharfe Karikatur.
Wieso erscheinen Ihre Karikaturen nicht mehr im Profil?
Karikatur hat in Österreich leider immer weniger Öffentlichkeit. Mein Herzblatt Profil muss ich aber auch loben. Die haben 30 Jahre lang Satire auf höchstem Niveau kultiviert, den typischen österreichischen Schmäh eben, dieses Kippen zwischen Tragödie und Satire. Das Aus kam natürlich wegen der Wirtschaftkrise. Das Killer-Argument schlechthin. Wörtlich hieß es „Profil hat kein Budget mehr für seine wertvollen Cartoonisten“.
Wenn Karikatur in Printmedien offensichtlich keine Öffentlichkeit hat, wo wird dann publiziert?
Das Internet ist für meine Art von Cartoons nicht das passende Forum, ich habe eine kindliche Lust an der Haptik. Es gibt keinen Ersatz für das Gedruckte. Wir sind da bei der Abwärtsbewegung an einem Tiefpunkt angelangt, aber ich bin überzeugt, es wird wieder bergauf gehen. Das Buch kann durch nichts ersetzt werden. Es gibt keine breite Konsumkultur für Cartoons in Österreich. Eine exotische Notwehrmaßnahme setze ich ja selbst: Moff. Mein wunderbares Schundheftl im Pikkoloformat. Das darf maximal 2 Euro kosten. Das ist meiner Meinung nach der richtige Preis für ein derart grindiges Comic.
Warum hat Moff fast 10 Jahre pausiert?
Die erste Phase Moff dauerte drei Jahre. Ich wollte mich selbst überprüfen im Strich. Weg von den opulenten, ausgefeilten Farbcartoons und her mit einem Stück Papier und Filzstift. Und diesmal gibt es keinen selbstverordneten Stop. Wie lange
Moff jetzt erscheinen wird? Ewig.
Was ist Ihre Lieblingsfigur in der österreichischen Politik?
Das ist kein bestimmter Politiker, sondern der Typus des Herrn Karl vom Helmut Qualtinger, der sich immer wieder erneuert. Mit dieser Art von Mitläufern kann man jederzeit bequem Politik machen. Leider.Und abgesehen davon bin ich Angela Merkel verfallen. Die kann ich um drei Uhr in der Früh im Schlaf zeichnen. Diese Frau setzt alle Vorurteile außer Kraft: Ostdeutsche, Physikerin, Kanzlerin. Sie ist die Antithese zu Helmut Kohl, der ja die typische Karikatur eines Deutschen verkörpert hat. Mächtig, beleibt, aber kleinkariert zugleich. Einmal hab ich Frau Merkel gezeichnet als blauen Engel … ein geradezu idyllisches Blatt.Aber verliebte Menschen neigen ja auch zur Dämlichkeit.
Gerhard Haderer (58) arbeitet seit 25 Jahren als Zeichner und Karikaturist. Seine Cartoons erschienen seit 1985 in „Profil“. Er publiziert seine Cartoons auch in Buchform und bringt mit „Moff“ sein eigenes Schundheft heraus. Anfang 2005 wurde er wegen seiner Satire „Das Leben des Jesus“ in Griechenland zu einer halbjährigen Haftstrafe wegen Blasphemie verurteilt und in zweiter Instanz
freigesprochen.
Niko Alm (33) ist Geschäftsführer von Super-Fi und wechselte 2007 als Herausgeber von The Gap zur österreichischen Ausgabe von Vice. Als engagierter Atheist ist er politisch aktiv als Initiator der Atheist Bus Campaign Austria (www.buskampagne.at) und der Laizismus-Initiative zur Trennung von Staat und Religion (www.laizismus.at).


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