Tapetenwechsel?
11.11.2009
» assbiting toiletpaper

assbiting toiletpaper #5

von Nuri Nurbachsch  


assbiting toiletpaper abroad, Teil 2: Die Rehe der Kultur oder "Warum ich nach eintausendvierhundertunddreiundachtzig Tempeln und Schreinen einfach nicht mehr kann."

Feinstes japanisches Abendessen auf Enoshima Island. Die Schnecke war gar nicht schlecht, aber hat etwas Überwindung gekostet. Am nächsten Abend gab es Salat aus klitzekleinen Fischlein im Ganzen.

Feinstes japanisches Abendessen auf Enoshima Island. Die Schnecke war gar nicht schlecht, aber hat etwas Überwindung gekostet. Am nächsten Abend gab es Salat aus klitzekleinen Fischlein im Ganzen. © Nuri Nurbachsch

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assbiting toiletpaper

Nuri Nurbachsch (a.k.a. werwolf) hat Angst vor dem Universum, aber auf eine positive Art und Weise. Daher beschäftigt er sich viel mit Musik (arbeitet auch in der Branche), schreibt nebenbei Unfug, den keiner lesen will (er selbst auch nicht immer), beschmutzt die Profession des DJs mit seinen epically failing DJ Sets und macht sonst noch viel, für das sich wenig bis keine Leute interessieren. Er mag Fragen, Antworten nicht immer.

Diese Kolumne ist unter der Creative Commons BY/ND Lizenz veröffentlicht.



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Folge dem Neonschein
Stark vereinfacht betrachtet besteht Japan aus zwei Teilen: dem Teil mit extrem viel Neonlichtern [1] und den Teil mit recht wenig bis gar keinen Neonlichtern. In dem einen Teil Städte wie Tokio, im anderen Kamakura. Auf diesem Spektrum so ungefähr dazwischen – allerdings mit eindeutigem Hang zu Neon – liegt Kyoto. Ewigkeiten Hauptstadt Japans. Voll mit UNESCO World Heritage Sites – 17 Stück in der Kyoto Präfektur – und sonst noch kulturellem Schnick-Schnack. Geishas und steinalte Gässchen und so, ihr könnt euch das wohl vorstellen. Aber eben auch viele Neonlichter. Was bedeutet, dass man sich in Kyoto einen uralten, wunderschönen Shintoschrein anschauen, dann durch ein buddhistisches Tempelgelände flanieren und dann gleich aus einer kleinen Gasse mit 73 Bars und 24 getarnten Puffs seine Alkoholvergiftung mit nach Hause nehmen kann. Zwischendurch war man in den Arkaden, wo alles "Kauf mich!" ruft.

Widerspruchslos
Kurz zurückspulen. Kyoto hat mir und auch der weltbesten Reisepartnerin sehr, sehr gut gefallen. Keine Frage. Der goldene Kinkakuji, die Torii des Fushimi Inari Taisha, das Myoshinji Gelände und so weiter und so fort. Ausserdem hat die Stadt einen eigenen Flair. Eine Art kühle Freundlichkeit, distanzierte Eleganz, aber auch versteckte Schönheit. In Summe sehr sympathisch. Nur so ein wenig zwischen den Stühlen sitzend, von wegen modern oder doch traditionell. Wobei hier kein direkter Widerspruch existieren muss. Zur Veranschaulichung ziehe man das philosophische Rätsel des Schiffes von Theseus heran. Eben dieses Prinzip taucht auch im Shintoismus auf, wo zum Beispiel ein Gebäude alle 20 Jahre erneuert wird. In Japan habe ich nicht das Gefühl, dass Vergangenes und Zukünftiges sich irgendwie im Weg stehen, wie es in unseren Breitengraden so gerne gepredigt wird. % In Japan ist alles eitel Wonne und Sonnenschein. % [2]

Auch Schein, aber von der Sonne
Stichwort Sonnenschein, zwei Sachen, die man nicht unter praller Mittagshitze machen sollte: den Daibutsu Hiking Course in Kamakura und Wochenendarkadenbummel in Osaka. Zum Ersteren sei gesagt, dass sich ein Besuch beim Daibutsu auf jeden Fall lohnt. Die freundlich-friedliche Statue ist ein tolles Fotomotiv, die umliegenden Schreine und Tempel auch sehenswert. Besonders schön: der Zeniarai Benzaiten Ugafukujinja, den man durch einen Höhleneingang betreten muss. Und was Osaka betrifft ist es einfach generell keine gute Wahl bei grosser Hitze sich mit immens grossen Menschenmassen in aufgeheizten Shopping-Arkaden zu tummeln. Macht man lieber an einem verregneten Tag, optimalerweise unter der Woche. Weil, jetzt mal ganz ehrlich, die Stadt hat sonst nicht besonders viel zu bieten. [3] Einige nette Bars – ich hab keinen link gefunden, aber jeder Besuch Osakas ist unvollständig ohne die Mystery Trip Bar -, überall sogenannte "Girls Bars" für den einsamen Herren mit dicker Geldtasche, ein paar Love Hotels und das war es dann mehr oder weniger. Gegenüber Osaka ist ein Nelson'sches "Ha, ha!" angebracht – das einstige industrielle Zentrum des Landes erlag dem Schicksal der meisten Hafenstädte und ist jetzt, milde ausgedrückt, hässlich. [4] Aber es passieren faszinierende Sachen auf den Strassen dieser Stadt.

Die Rehe der Kultur
Auf den Strassen anderer Städte hingegen sieht man ganz andere faszinierende Sachen: in Nara sind es freilaufende Rehe. Die Viecher sind überall, machen ihre Rehkacke überall hin und sind einfach zum anbeissen süss. Verdammtes Wild. Man muss sie einfach mögen, auch wenn sie irgendwann mal richtig nervig sein können. Für Touristen total spannend, für die Einheimischen, wie die weltbeste Reisepartnerin der Welt sagte, wohl so aufregend wie die Schönbrunner Eichhörnchen für uns. Nara hat Gemeinsamkeiten mit Kyoto und Kamakura: viel zu viel Kultur. Tolle Kultur, grossartige Kultur, bitte-mehr-davon Kultur. Aber nach noch einem Daibutsu [5], keine Ahnung wievielen anderen Schreinen und Tempeln und überall diese Rehe – tja, da hab ich das geistige Handtuch geworfen und jegliche Kulturaufnahme verweigert. Geht einfach nicht mehr. Ab jetzt gilt: nur mehr ein Tempel oder Schrein und eine weitere kulturelle Sehenswürdigkeit pro zwei Tage. Mehr geht einfach nicht. Mal sehen ob sich diese Regel in Ise, Nikko und beim Fuji aufrecht halten lässt. Mehr davon in Teil 3 von assbiting toiletpaper abroad.

Krosser Zander
Nuri "werwolf" Nurbachsch

[1] Das kann man dann durchaus mit dem guten alten i-mockery meme "puke rainbow" vergleichen. "puke rainbow" plus Epilepsie. In der Familienpackung.

[2] Natürlich nicht. Muss das denn noch extra erwähnt werden? Konflikte en masse, wie bei allen anderen Menschen auf der ganzen weiten Welt auch. Aber für mich unterhaltsamer, weil zu einem Grossteil (aufgrund sprachlicher Minderbemitteltheit meinerseits) unverständlich.

[3] Stimmt nicht: das Aquarium der Stadt ist wirklich fein, auch wenn die Tierschutzaktivisten unter euch das höchstwahrscheinlich ganz anders sehen.

[4] Aber trotzdem charmant. Osaka windet und wehrt sich ein wenig, aber man kann sie dann doch ein bisschen ins Herz schliessen, wenn man einige persönliche Highlights entdeckt hat. Mehr dazu in Teil 3.

[5] Der Daibutsu von Nara ist grösser als der Daibutsu in Kamakura, seine Halle ist auch noch da und er hat ausserdem ein paar Wächter, die auch toll anzusehen sind.

 

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