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assbiting toiletpaper #4 - 07.09.2009

Nuri Nurbachsch


assbiting toiletpaper abroad, teil 1: Wien ist ganz toll, Österreich auch nicht schlecht. Der Rest der Welt hat aber viel, viel, viel zu bieten. Daher geht assbiting toiletpaper auf Erkundung in Japan.

Am Love Hotel Hill in Shibuya gibt es nicht nur Love Hotels, sondern auch sehr nette Bars. Manche dieser Bars erzählen Geschichten. Geschichten von Penisen, die sich am Love Hotel Hill verlaufen hatten und nicht mehr wussten wohin ...

Am Love Hotel Hill in Shibuya gibt es nicht nur Love Hotels, sondern auch sehr nette Bars. Manche dieser Bars erzählen Geschichten. Geschichten von Penisen, die sich am Love Hotel Hill verlaufen hatten und nicht mehr wussten wohin ... © Nuri Nurbachsch

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assbiting toiletpaper

Nuri Nurbachsch (a.k.a. werwolf) hat Angst vor dem Universum, aber auf eine positive Art und Weise. Daher beschäftigt er sich viel mit Musik (arbeitet auch in der Branche), schreibt nebenbei Unfug, den keiner lesen will (er selbst auch nicht immer), beschmutzt die Profession des DJs mit seinen epically failing DJ Sets und macht sonst noch viel, für das sich wenig bis keine Leute interessieren. Er mag Fragen, Antworten nicht immer.

Diese Kolumne ist unter der Creative Commons BY/ND Lizenz veröffentlicht.



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Dieser Artikel ist mir was wert:

Die weite Welt
Tellerränder am Esstisch sind so konzipiert, dass der Benutzer erkennen kann, wo der spezifische Essbereich endet und der allgemeine Bereich der Nahrungsaufbahrung, vulgo Esstisch, beginnt. In den meisten mir bekannten Esskulturen, die einen solchen Tellerrand oder aber vergleichbares benutzen, zeugt es von guter Sitte sich so gut es geht an diese Grenzen zu halten. Der humanistisch-metaphorische Tellerrand hingegen sollte möglichst oft und weitgehendst ignoriert werden, der Blick sprichwörtlich darüber hinaus katapultiert. [1] Diesem Geiste verpflichte ich mich für den ganzen Monat September und bereise Japan. An meiner Seite die weltbeste Reisepartnerin von überhaupt, Larissa. Eines vorweg, das wird kein Reisebericht aus dem Touristeninformationsblättchen. Wer weiterliest wird höchst subjektiven Beobachtungen ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit oder gar Richtigkeit - Was für ein lächerlicher Gedanke! - begegnen. Darüber hinaus wohnen in diesem Wörterwald Polemik-Trolle, Alberngeister, Ignoranzriesen und Kurzsichtelfen. Beste Gesellschaft.

now boarding ...
Bevor das ersehnte Reiseziel erreicht wird muss zuerst der Weg dahin genommen werden. Zum Glück pfeifen wir auf zengleiche Reinheit, somit ist der Weg nicht das Ziel. Weil, der Weg war nicht besonders spannend. Oder besonders schön. Angefangen hat es am Flughafen Schwechat. [2] Es könnte weitaus weniger angenehme Ausgangspunkte, andererseits auch mit Leichtigkeit sauberere und mondänere geben. Kultig ging es von dort per Aeroflot nach Moskau, mit wunderschönem Logo und blauen Flugsitzgarnituren. [3] In der Hauptstadt der Oligarchen angelangt konnten wir wenig vom sagenumwobenen Moskauer Flughafen erspähen, da zwischen Transfer Desk und Transfer Gates - mit einem charmanten Security Check Point, der nicht wenig an Eiserne Mauer oder Gefängnisschleuse erinnerte - nur geringe Unterschiede an den sich dort befindenden Duty Free Shops im Vergleich zu anderen Flughäfen ähnlicher Grössenordnung feststellbar war. Was allerdings vermutet werden kann: Das viele Geld der Neureichen aus der ehemaligen UdSSR fliesst in erster Linie in schlechten Geschmack, den es dort zu kaufen und zu sehen gab. Der ebenfalls von der Aeroflot betriebene Anschlussflug nach Tokio wurde von einem russischen Dokumentarfilm, einer amerikanischen Hollywood Cheesecake-Komödie, einem russischen Zeichentrickfilm und einem russischen Spielfilm verlängert. Und dann war Narita Airport gesichtet, angeflogen und betreten ... und alles war anders.

Sprachlos
Für William Gibson war Tokios Stellenwert eindeutig: "Tokyo has been my handiest prop shop for as long as I've been writing: sheer eye candy." (Wired, Sep. 2001). Für mich auch: Ich glaube mich in eine Stadt verliebt zu haben. Anders kann ich es nicht sagen. Gut, ihr lest assbiting toiletpaper, deshalb ist der Gefühlsdusel auch sofort wieder beendet. Tokio in wenigen Worten zu beschreiben stösst hart an die Grenzen des Machbaren. Das nimmt dann eher den Charakter eines Wortassoziationspiels an. Und das fang ich mir gar nicht erst an, nein, Danke. Da fehlen mir doch lieber die Worte. Das wäre aber langweilig zu lesen, also versuche ich es mal.

Info is my new religion
Nochmals zurück zu William Gibson und Cyberpunk. Jener hat seine Welt der nahen Zukunft als mit Informationen vollgestopft beschrieben. Überhaupt nicht dezente Infos, die einem an allen Ecken und Enden entgegen quellen und kaum stumm zu machen sind. Ja? Gut. Willkommen in Tokio. Ich stell mir vor, dass nur noch südkoreanische Grossstädte mit diesem Informationswahn mithalten können. Alles ist mit Tonnen an Text bestickert, mit QR Codes versehen, spricht mit einem und blinkt und leuchtet. Die Strassen, die U-Bahn Stationen, die Geschäftseingänge, der Snack, den man sich um wenige Yen gekauft hat. Alles. Anbetungswürdig, finde ich. Das kann ich recht sorglos behaupten, da ich 95% der gebotenen Inhalte ohnehin nicht verarbeiten konnte. Ohne gute Japanischkenntnisse geht das nun mal nicht. Vorteil oder Nachteil? Bleibt wohl jedem selbst überlassen. Auf jeden Fall sind die Tokioaner extrem freundlich und zögern nicht einem gesuchte Informationen aufzubereiten. Das zumeist schlechte Englisch der Japaner ist teilweise hinderlich, aber nicht abschreckend. Früher oder später kann man Sätze wie "Turehno foh Shinjuku on turekku go." auf Anhieb als "Train for Shinjuku on track five." entlarven und mit einem freundlichen "Domo arigato gozaimasu." antworten. [4]

Gar nicht beschissen
Alles was irgendwo reinkommt, muss auch irgendwo raus. [5] Gilt auf jeden Fall für Informationsoverkill. Dafür gibt es dann Karaoke, eigentlich überall in der Stadt, aber besonders super in Shibuya. Dort kann man nämlich gleich neben tollwütigen Teenagern in der Nachbarkabine gröhlen. Wir konnten zwar nicht hören, was nebenan gesungen wurde, aber es konnte um keinen Deut besser klingen, als das Gejaule, das ich von mir gab. Und mit Sicherheit sind diese unzüchtigen Jugendlichen gleich im Anschluss zum Love Hotel Hill marschiert, um dort in einem der etlichen Love Hotels mal richtig im Rudel zu bumsen. [6] Vielleicht fühlten sich manche von ihnen auch reif genug um in Shinjuku in Kabukicho in eine der Idoru-Bars zu gehen, auf deren gigantischen Werbeplakaten ihre "Waren", sprich Hostessen, zu begutachten sind. Gut, ich tu ihnen unrecht. Tagsüber waren sie sicher im Meijijingugyoen [7], nachdem sie ihr Taschengeld in Harajuku für überdrehte Mode verprasst hatten. Ausserdem zum Thema Ausgang: Kein Besuch Japans wäre komplett ohne Aufenthalt in einer öffentlichen Toilette. Sogar der widerwärtigste public restroom in Japan, zumindest in den Städten, die wir heimsuchten, würde ohne Aufwand als gepflegte Privattoilette durchgehen. Wiener Jünger des exzessiven Drogenkonsums würden in solchen W.C.s direkt einziehen. Kein Scheiss.

Weiter geht's!
So, jetzt könnte ich euch noch erzählen, was ihr in jedem Reiseführer nachlesen könnt. Von der tollen Architektur, von Roppongi und Ginza, von den vielen Sehenswürdigkeiten, von den zig-tausenden an Automaten auf den Strassen und so weiter und so fort. Das führt aber eigentlich nur zu unnötiger Synapsenverstopfung. Und ihr müsst euch schon selber ein Bild von Tokio machen. Am besten in Person, vor Ort. Wie die weltbeste Reisepartnerin und ich sagen würden: Grellbunt und nettcool ist es dort. Für uns ging es weiter nach Enoshima, Kamakura und Kyoto. Mehr dazu im zweiten Teil von assbiting toiletpaper abroad.

Nuri "werwolf" Nurbachsch

[1] Mancherorts wird "Zu hause ist es am schönsten." nicht als schlichte Präferenz, sondern als ultimative Abwertung gegenüber allem "nicht-zu-hausigem" gepredigt. In solchen Fällen kann man nicht mehr wirklich von Tellerrändern sprechen, die Metapher muss für Begriffe wie "Bollwerk", "Bombardementbunker" oder "Panzerabwehrmauer" erweitert werden. Weitaus hässlichere und deutlichere Grenzen, als es die meisten Tellerränder sind. Traurig.

[2] Philosophisch betrachtet ist der Anfang eher beim ersten Gedanken an eine solche Reise zu suchen. Gewisse Denker gehen sogar so weit den ersten Augenblick des bewussten Lebens, wie auch immer dieser zu definieren wäre, als den Beginn der Reise zu sehen. Spiritualisten legen da noch eines drauf und suchen den Startpunkt irgendwo vor der Geburt, je nach Inklination.

[3] Die weltbeste Reisepartnerin hat hierzu lakonisch angemerkt, dass wir froh sein können, wenn unser Pilot mindestens ebenso blau ist, wie es unsere Sitze sind, sonst würde unsere Landung möglicherweise zur Sorte "Bruch-" verkommen.

[4] Das japanische Schienenverkehrsnetz ist übrigens fantastisch umfangreich. Und da kommt es nicht selten vor, dass man etwas überfordert ist. Fragen ist hier also Erstes Gebot für alle, die keine Kanji lesen können.

[5] Laut Adam Riese, wäre Adam Riese für Mediziner oder Biologen gedacht. Gibt es eigentlich so bereitwillig zitierbare Figuren auch für Biologen und Mediziner? Falls nicht, bitte erfinden und uns zuschicken ... weil Aufrufe bisher so gut funktioniert haben ... aber ich gebe (noch) nicht auf.

[6] Das malten wir uns in unseren obszönen westlichen Gehirnen aus, die den Widerspruch von semi-publik ausgelebter, jedoch verklemmter Sexualität nicht verarbeiten konnten.

[7] Koen oder -gyoen heisst Park. Davon gibt es sehr viele in Tokyo. Besonders schön sind der erwähnte Meijijingugyoen, wo auch der prächtige Meiji Schrein zu bewundern ist, der East Garden des Imperial Palace oder Shinjukugyoen. Alles grün dort. Und schön. Und entspannend. Und so halt.

 

kommentare

Da bekomm' sogar ich, die gar nicht so neugierig auf Japan war, Lust auf eine Reise dahin - vielen Dank!


KatSta am 05.11.09 um 09:58 | Antworten

werwolf

sehr cool. :) dann bitte weiterlesen, bei den teilen 2 bis 4, wo ich deinen gusto hoffentlich noch weiter anregen kann.


werwolf am 06.11.09 um 16:47


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