Tapetenwechsel?
11.11.2010
» assbiting toiletpaper

assbiting toiletpaper 016

von Nuri Nurbachsch  


Das nächste twenty.twenty Event rollt an: Am 30.11. wird das Thema "We ProdUSE. Medienproduktion und Mediennutzung in 2020." lauten. assbiting toiletpaper stürzt sich waghalsig in die Blog Parade.

assbiting toiletpaper

Nuri Nurbachsch (a.k.a. werwolf) hat Angst vor dem Universum, aber auf eine positive Art und Weise. Daher beschäftigt er sich viel mit Musik (arbeitet auch in der Branche), schreibt nebenbei Unfug, den keiner lesen will (er selbst auch nicht immer), beschmutzt die Profession des DJs mit seinen epically failing DJ Sets und macht sonst noch viel, für das sich wenig bis keine Leute interessieren. Er mag Fragen, Antworten nicht immer.

Diese Kolumne ist unter der Creative Commons BY/ND Lizenz veröffentlicht.



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"Alte Medien" = 1,- US Dollar

Es ist nur wenige Monate her, dass die altehrwürdige Newsweek zum symbolischen Preis von gerade mal 1,- US Dollar verkauft wurde. Shit happens. Allerdings wirft das Beispiel Newsweek eine Frage höchster Aktualität auf: Sind "alte" Medien obsolet? Social Media, Internet, Personal Publishing, Mobile Computing und so weiter und so fort – das sind einige der Stichworte im anhaltenden Diskurs über den Wandel der Medien und somit auch unserer Nutzung derselben. Am 30. November wird unter der Klammer "Medienproduktion und Mediennutzung" bei twenty.twenty genau darüber diskutiert. Einstimmende Wortspende zum Thema gibt es genau hier.

Altbekanntes

Social Media hat dem Medienkonsumenten vergangener Tage eine neue Dimension eröffnet: der Medienkonsument mit Option auf Interaktion und Partizipation. Moment, träumten wir nicht von der Emanzipation aus der Passivität dank Social Media? Und ich spreche trotzdem noch vom "Konsum"? Nun ja, ein Hauch Polemik steckt da schon drin. Sicherlich, Internet und Social Media machen uns zu (pro)aktiven Konsumenten. Und die immer niedrigeren Kosten- und Knowledgehürden des Personal Publishing ermöglichen uns auch zu Produzenten zu werden. Vergessen wir darüber aber nicht inhaltliche Kon- und Divergenzen. Will sagen: Nur weil ich ein Foto vom Dalai Lama mit einem Tag versehen habe, habe ich noch lange keinen neuen Inhalt erzeugt.

Auch bekannt

Zwar hab ich damit einen Beitrag zur Metainformation der Inhalte im Internet geleistet (darauf komme ich gleich noch zurück), aber nichts Originäres. Warum diese Unterscheidung wichtig ist: Irgend jemand muss zuerst das Foto vom Dalai Lama gemacht haben, bevor ich meinen Kommentar oder Tag dazugeben kann. Oder das Foto von der Tante. Oder vom Haushund. In diesen von mir so lapidar ausgestreuten Bemerkungen versuche ich sowohl Potenzial, als auch Überschätzung von Social Media anzudeuten. Immer mehr Menschen können ihren Content für eine kritische Masse anderer Menschen veröffentlichen. Diese Empfänger wiederum können mit diesen Inhalten auf vielfältige Art und Weise interagieren. Relevanz und Qualität wird dabei unmittelbar von jedem Individuum festgelegt. Es entsteht ein gewaltiges Netzwerk an Inhalten, Metainformationen und Indikatoren, die es jedem von uns (theoretisch) ermöglichen maßgeschneiderte Kommunikation zu erhalten. Das ist das Potenzial. Die Überschätzung: Nicht alles kann durch persönlichen Kommentar kompensiert werden.

Expertenkommentar

Für gewisse Inhalte werden wir weiterhin Expertenquellen [2] [3] anzapfen. Das ist eigentlich nur eine Frage der Ressourcen. Sogar in 10 Jahren werden die meisten Menschen weder die Zeit, noch das Geld haben sich aufwändigen journalistischen Reportagen zu widmen oder in umfangreichen wissenschaftlichen Studien aktiv zu sein. Aber die meisten werden solche Informationen bereits während der Aggregation mit individuell relevanten Infos konsolidieren können. Ein Beispiel: Ein Posting aus dem Blog eines französischen politischen Reporters über Unruhen während eines Arbeiterstreiks in Belgien taucht in der Inbox meines Smartphones auf, ergänzt mit Tweets von Arbeitern und Beobachtern vor Ort (geotagging macht's möglich), inklusive eines Facebook Postings eines belgischen Bekannten dazu, einem Auszug eines englischsprachigen Beitrags eines belgischen online Nachrichtenportals, Fotos, Videos und weiterführenden Links zu historischen Fakten, weil ich "belgische Arbeiterbewegung" als permanente Suche gespeichert habe. Das ist ein recht biederes Beispiel, zur Veranschaulichung. Der Fantasie und den Ansprüchen werden kaum Grenzen gesetzt sein. Je umfassender Social Media genutzt wird, desto weiter diese Grenzen. Womit ich zu den zuvor erwähnten Metainformationen zurückkomme.

Semantik

Metainformationen sind wichtig für Suchfunktionen, die das wichtigste Tool zur Bewältigung dieser Informationsmassen sind. Je mehr wir taggen, kommentieren, posten, teilen und bewerten – je mehr Metainformation wir also abliefern – desto mehr tragen wir zur Verbesserung der Suchmaschinen bei. Je schlauer diese werden, desto besser wird unser Interaktionserlebnis, da es immer genauer und feiner auf uns abgestimmt sein wird. Umso intuitiver wird auch die Nutzung, da diese Proto-AI immer besser lernt menschliche Sprache zu verstehen und zu interpretieren. Das Konzept des "semantic web" basiert unter anderem auf diesem Input als Lernhilfe. Social Media ist so gesehen ein evolutionärer Katalysator dieser Technologien. Die wiederum als Katalysator unserer eigenen Evolution fungieren, aber das ist eine ganz andere Geschichte. [4]

Neue Freiheit?

Wo TV, Radio und Print der Despotie von Zeit und Raum unterlagen, uns somit zwangsläufig in das enge Mieder einer hierarchischen, passiven Monologkette schnürten, können uns Internet und Social Media eine neue Freiheit verschaffen. Ein grösseres Spektrum an Themen, eine granulärere Interaktion mit diesen Themen, ein mehrdimensionales Informationserlebnis, praktisch losgelöst von übergreifenden Konstriktionen. Im Jahr 2020 werden diese bereits jetzt rudimentär bestehenden Möglichkeiten sicherlich zu alltäglichen Gebrauchstechnologien geworden sein. Allerdings wage ich zu bezweifeln, ob damit der passive Konsument zur Minderheit wird.

Am Ende kein Abschluss

Es ist jetzt 01:13 und ich habe völlig den Faden verloren. Symbolisch für das Risiko in dieser Zukunftsvision die Katharsis zu verlieren? Weniger wirr und inhaltlich um einiges wertvoller wird es am 30.11. beim twenty.twenty sein. Vielleicht tweeten wir uns dort an.

Gute Nacht.
Nuri "werwolf" Nurbachsch

[1] Offensichtlich haben sich Experten auf diesen Begriff geeinigt um Facebook, Blogs, MySpace und so weiter unter einem Dach zu sammeln. Um verständlich zu bleiben adoptiere ich ihn auch. Fein. Aber, hey, ehrlich, der ist doch Scheisse! Wenn ich mit Freunden eine Fanzine mache und gratis verteile, das wäre auch "Social Media". Oder ein Netzwerk von CB Funkern – auch "Social Media"? Oder eine Wand, die jeder besprühen und mit seinen selbstgemachten Postern bekleben kann, voll "Social Media"! Und sagt jetzt nicht "Ja, aber es geht ja um Kommunikation, an der jeder teilnehmen kann. Partizipation für alle!", denn das nervt. Weil das Schwachsinn ist, denn am Internet kann auch nicht "jeder" teilnehmen. Und unsere Facebook Postings sehen auch nicht "alle". Ich könnt mich ärgern, tu ich aber nicht (nur ein bisschen). Gegenvorschlag: "Participatory Online Networks". Von mir aus auch gerne mit dem Präfix "social". Ergibt: "social P.O.N.s". Hmmm... darüber sollte ich noch ein paar Nächte schlafen, glaube ich.

[2] Diese Expertenquellen müssen allerdings nicht einzelne Personen sein. Es ist vorstellbar, dass fortgeschrittene Crowdsourcing-Algorithmen aus den Kenntnissen einzelner Personen eine Art übergeordnete Informationsschicht gewinnen können. Mehr als die Summe der Teile, sozusagen.

[3] Wenn sich mehrere solcher Expertenquellen zusammentun und interagieren, entsteht damit noch eine weitere Form der Informationsquelle: ein offener, partizipatorischer, mehrschichtigem Polylog mit allen Möglichkeiten, die Social Media bietet. Booooyakasha!

[4] Sehr empfehlenswerte Lektüre zu diesem Thema: Kevin Kelly, "What Technology Wants", Viking 2010. Gegen Ende wird Kelly (typischerweise) predigend und animistisch, auch sind viele Statistiken, die er heranzieht, eher aussageschwach, aber die Idee von Technologie als koexistentem (und vielleicht auch mitabhängigem), sich entwickelnden Replikator arbeitet er schön heraus.

 

senf à la social media