Tapetenwechsel?
30.03.2011
» neue töne

An der Schönen Blauen, Pt.1

von Stefan Niederwieser  


Was zählt in der Wiener Kulturpolitik? Kulturstadtrat Mailath-Pokorny gibt flauschige Antworten.

Bild: Mailath-Pressefoto3-Rigaud.jpg

Bild: Mailath-Pressefoto1-Rigaud.jpg

Bild: Mailath-Pressefoto2-Rigaud_01.jpg


Quelle: The Gap 115


social widgets
Sharen, Bookmarken etc.:





Dieser Artikel ist mir was wert:

Ein Interview mit dem Wiener Kulturstadtrat ist unterhaltsam, aber in einiger Hinsicht unbefriedigend. Denn die SPÖ ist in Wien eine Volkspartei und muss verschiedenste Interessen vertreten. Das merkt man. Es werden eine Reihe von Punkten in die Programme geschrieben und für wichtig befunden, aber mit welcher Priorität diese behandelt werden, bleibt der Realpolitik und nicht nur transparenten Entscheidungsfindungen überlassen. Nur selten lassen sich Aussagen auf konkrete Ergebnisse umlegen oder die abwägende Rhetorik in Handlungsanweisungen umlegen.

Immer wieder treten dabei auch inhaltliche Unschärfen auf, die wohl dann entstehen, wenn man sich für die Kulturpolitik einer Stadt in ihrer ganzen mühsamen Breite –  und nicht nur Musik, Clubkultur oder Design, weil: bei der eigenen Klientel fehlt das Subventionsgeld natürlich am dringendsten – vertreten muss und sich deshalb entscheidende Differenzen verwischen. So sieht der Stadtrat das Popfest etwa als Schaufenster für internationale Beobachter (wovon es derzeit diametral entfernt ist), Singer-Songwriter aus Wien als ein internationales Aushängeschild (sind sie nicht, viel eher sind das elektronische Schaltstellen wie Fennesz, Soap&Skin, Dorian Concept, Wolfram, etc.), ein internationales Popfestival noch in mittlerer Ferne (das Waves Vienna könnte sich über die kommenden Jahren dazu entwickeln).

Ja, fuck – die Diskussionsplattform „Wien denkt weiter“ ist eingeschlafen, die Terminüberschneidung mit dem Donaufestival wird herunter gespielt, die Sperrstundenpolitik nur mit Absichtserklärungen abgespeist. Und dennoch: es hat sich in den letzten zehn Jahren in Wien tatsächlich sehr viel getan. Cutting-Edge-Magazine wie De:bug und Monocle widmeten der Stadt redaktionelle Schwerpunkte. Viele Kreativbereiche atmen Morgenluft, die geschätzten deutschen Numerus-Clausus-Flüchtlinge tragen den Ruf Wiens nach Hause.

Die Politik hält einen gesteuerten Hype trotz aller günstigen Voraussetzungen aber nicht für zwingend – vielmehr setzt Mailath-Pokorny auf leise Töne statt allzu schrillem Kulturmarketing. Falls aber jemand meint es anders machen zu müssen, hätte der freundliche Kulturstadtrat wohl sicher auch für dieses Anliegen ein offenes Ohr.

 

Aus Anlass einer geplanten Panel Diskussion beim Popfest stellte sich die Frage: Wie steht es um den Standort Wien? Wird der gefühlte Schwung auch außerhalb Wien wahrgenommen und wie sieht die Stadt Wien diese Entwicklungen?

Andreas Mailath-Pokorny: Ich sehe das durchaus ähnlich wie viele Beobachter: in den Neunziger Jahren gab es mit Downbeat Vienna eine international wahrnehmbare Wiener Popkultur; noch früher Dialekt- und Austropop – auch wenn sie in dem Bereich, in dem sie qualitativ hochwertiger waren, nie das Land verlassen konnten. Falco – und wahrscheinlich sogar Opus – haben ja etwas später eine internationale Wahrnehmung gefunden.

Mitte der Nuller Jahre hat sich in Wien wieder viel Interessantes getan. Namen wie Gustav, Clara Luzia, Ja, Panik, Kreisky, Ernst Molden stehen hier stellvertretend für viele andere und wirken weit über die Stadtgrenzen hinaus. Durch die Weiterentwicklung der Produktions- und Distributionsformen ist dieser Bereich allerdings noch weiter fragmentiert worden. Diese Musik lässt sich international nicht mehr zu Wien zuordnen, wie das noch bei den Elektronikern der Fall war. Aber es gibt ein großes kreatives Potenzial, das aus den Nischen heraus internationale Wahrnehmung findet.

Die genannten Artists singen aber doch alle auf Deutsch, was wiederum einer Internationalisierung im Weg steht?

Auch da hat die Fragmentierung zu Veränderungen geführt. Das Modell des Popstars ist heute passé, der Tonträgerverkauf ist kein zentrales Karriereziel mehr. Die Sichtbarkeit, Hörbarkeit, Wahrnehmbarkeit läuft heute über andere Kanäle. Das ist Chance und auch Problem. Da sind sprachliche Beschränkungen auf bestimmte Märkte, außer für sehr stark textbezogene Musik, insofern vergleichsweise zweitrangig geworden.

Pop und Klassik wirken institutionell noch immer stark voneinander getrennt. Wie sieht Wien das Verhältnis dieser beiden Felder?

Ich glaube, dass sich da auch in den Nuller Jahren einiges getan hat. Die Theaterreform beispielsweise hatte ja auch das Ziel, genau diese Dinge aufzubrechen. Wir hatten hier vorher nur das Sprechtheater mit Guckkastenbühnen und dann gab es Tanz und Performance. Es gibt nun aber eine grundsätzliche Tendenz zur Auflösung dieser Zuordnungen. Natürlich, das Burgtheater wird es immer geben und soll es immer geben, doch selbst dort treten ja mittlerweile Kruder und Dorfmeister auf. In den kreativen Spots, sei das Brut, Garage X, Impuls oder Tanzquartier, aber auch bei Wien Modern, lösen sich diese wasserdichten Zellen auf. Die Dinge werden unberechenbarer. Wir führen das Interview an dem Tag, an dem Sound:frame eröffnet wird. Das ist ein Bereich, in dem es vor zehn Jahren nur einzelne Künstler gegeben hat, die Musik mit digitaler Kunst verbanden. Eine der Künstlerinnen, die für Wien unglaublich viel gemacht hat, ist etwa Electric Indigo, die heute auch zwischen E und U changiert.

Was ich sagen will: wir haben in Wien eine Entwicklung, die deshalb so interessant ist, weil es zunächst eine starke Tradition und die stark subventionierte Hochkultur gibt. Wenn diese beginnt, ihre Zellwände zu öffnen und auf eine ungeheuer florierende und lebendige Szene trifft, die das auch völlig ungeniert aufnimmt, können sehr spannende Dinge entstehen.

Ist es dann auch Ziel der Stadt, diese Öffnung zu ermöglichen?

Ja, absolut. Wir wollten beispielsweise Mitte der Nuller Jahre ja gerade im Theaterbereich diese saturierte Kunstsparte aufbrechen.

Ist so etwas auch für die Musik vorstellbar?

Musik detto. Das Festival Wien Modern hatte bei der Gründung noch groß das „E wie ernst“ auf seinen Fahnen stehen. Wenn jemand wie Patrick Pulsinger mit Wien Modern kooperiert, ist das genau das, was wir intendiert hatten. Wir versuchen diese Trennungen aufzulösen. Und so bin ich immer hoch erfreut, wenn sich Einrichtungen miteinander vernetzen.

Versucht man das von Einzelfall zu Einzelfall zu entscheiden oder mit generellen Richtlinien zu regeln?

Mit Departure versuchen wir auch an der Schnittstelle zur kommerziellen Verwertbarkeit eine Starthilfe zu bieten. Ich konstatiere mit Wohlwollen, dass auch im Design- und Modebereich viel passiert ist. Als Unit F gegründet wurde, war es noch ganz allein auf weiter Flur. Es gab keine dieser schnieken, schicken Modeevents – von denen man viel oder wenig halten mag, ich finde sie jedenfalls belebend – doch all das ist Ausdruck der Vielfalt einer Szene. Die verschiedenen Clubs haben sich Ende der Neunziger Jahre etabliert, all das ginge nicht ohne das Flex, das Fluc und die ganze Gürtelszene. In den Nuller Jahren erfolgte mit dem Tanzquartier, dem Brut, dem Museumsquartier noch ein zusätzlicher Schub.

Ist diese Inter- und Transdisziplinarität also eine Leitlinie oder eher eines unter mehreren Themen der Wiener Kulturpolitik?

Es ist eines unter mehreren Themen. Es gab es früher nicht und ich sage schon, dass die klassische Musik eine große Stärke, ein USP, dieser Stadt ist. Solange es qualitativ stimmt und nicht zu einem Klischee verkommt, bin ich sehr dafür; aber wir haben die Unterstützung der Interdisziplinarität als zusätzliches Element dazu genommen und wollen die Vernetzung fördern.

Wird dieser Ansatz bei anderen Festivals und Institutionen dann auch speziell berücksichtigt werden?

Sicher. Teile des Budgets der Wiener Festwochen mit einem Fördervolumen von 12 Millionen Euro, geht mit „Into The City“ und über das Theaterprogramm in Teile der Stadt, die überhaupt nichts mit Hochkultur zu tun haben. Es muss beides geben, aber versuchen wir doch bitte nicht unsren Blick mit einem jammervollen Unterton auf die große Hochkultur zu beschränken. Denn mittlerweile gibt es auch bei den Großen viele Programmlinien, die weit abseits des klassischen Hochkultur-Verständnisses liegen.

Das Grundinstrument für die Wiener Kulturpolitik sind normalerweise Förderungen. Beim alten Thema der Sperrstunde kann man ja auch Dinge ermöglichen, die abseits von finanzieller Zuwendung liegen ...

Absolut. Ich bin da grundsätzlich liberal eingestellt und habe auch schon den einen oder anderen Strauß mit der Bezirksvorsteherin Stenzel ausgefochten. Eine Weltstadt, eine brodelnde und boomende Stadt, die eine florierende Szene hat, muss das ermöglichen. Gleichzeitig muss es gewissen Regeln geben. In einer alten Stadt und einem alten Haus wird man immer Lärmprobleme haben.

Aber man könnte doch sagen: ob bis 4 oder bis 6 Sperrstunde ist dann auch schon egal.

Ja eh. Ich glaube, dass es da einen ideologischen Vorbehalt gibt, in der Wiener Innenstadt sei zu viel los. Worauf ich sage, ja, das ist in einer Weltstadt eben so. In London oder Paris gibt es Freitag oder Samstag abends auch kaum ein Weiterkommen. Das gehört dazu.

Ist das Thema gerade wieder besonders brisant?

Das Thema kommt regelmäßig, so wie auch das Thema der Straßenmusiker. Ich bin selbst lärmempfindlich und verstehe, dass es Regeln geben muss, wer wie den öffentlichen Raum bespielt.

Angenommen es gäbe keine Anrainer, wäre es also kein Problem?

Ich glaube, man sollte eine Form der Lärmregelung haben – gerade in der Innenstadt. Bei einigen guten Willen – und den hat zumindest das Magistrat und das Rathaus immer bewiesen, dass man nämlich durchs Reden zusammen kommt – wird sich eine Lösung finden.

Trotzdem hat sich die Szene zu einer Protestaktion zusammen getan.

Das verstehe ich, aber das ist ein Konflikt bei dem sich die Szene humorvoll mit einem ernsten Hintergrund zusammen tut und die Frau Bezirksvorsteherin über Dinge spricht, für die sie letztlich gar nicht zuständig ist, wie auch bei den Genehmigungen für Straßenmusiker; das wäre in dem Fall die MA36 (Veranstaltungswesen).

Den Bereich der Clubkultur haben andere Städte wie etwa Berlin für sich entdeckt, auch für die ÖVP scheint die Position nicht mehr eindeutig und durch die 24h U-Bahn hätte man sogar eine Art Votum.

Als Kulturstadtrat bin ich natürlich für die größtmögliche Freiheit bei gewissen Regeln und Qualität. Die inneren Vorgänge der ÖVP kann ich nicht kommentieren, doch ansonsten versucht der Magistrat, gerade auch was das Veranstaltungswesen angelangt, möglichst offen zu sein.

 

Zu Teil 2 des Interviews geht es hier.

 

Das Interview ist Teil der Serie "Neue Töne der Musikwirtschaft". Am Dienstag, 5.4., wird bei den Neue Töne Music Talks das Thema "Livemarkt und Events" diskutiert. Im Rahmen des Popfests ist ein Panel zum Thema "Standort Wien" geplant. Und einige dieser Themen wurden ebenfalls im Rahmen der Sound:frame Theory, insbesondere beim Panel zu "Neuer Wiener Sound?" diskutiert (Videos davon werden demnächst hier zu sehen sein.).

 

senf à la social media