Tapetenwechsel?
» wortwechsel

Helene Hegemann hat in ihrem Bestseller „Axolotl Roadkill“ andere Autoren und Songwriter zitiert, ohne die Zitate als solche anzuführen. Nach Bekanntwerden berief sich die junge Autorin auf die Remixtechnik einer neuen Literaten-Generation. Alles Rechtens? Oder doch bloß faule Ausreden einer Plagiatorin? Und: Was sagt uns die Debatte über den Zustand der Kulturkritik?

Barbara Marković

Barbara Marković © Suhrkamp

Beeinflussen, nicht beraubt werden

In dem Kampf Danger Mouse vs. Beatles + Jay-Z stand ich eindeutig bei Danger Mouse. Wenn aber z. B. Eric Clapton einen armen unbekannten Straßensänger benutzt hätte, fände ich das weitaus weniger schön. Ich will frei sein, um bestehendes Material zu benutzen, aber ich will nicht beraubt werden, trotzdem möchte ich beeinflussen. Genau zwischen der Exklusivität und Freigabe der Rechte befinden sich z. B. Creative Commons. Wutausbrüche über Epigonentum oder ein 17-jähriges Mädchen in die Sterne zu heben, sind jedenfalls fehl am Platz. Das Ziel ist nicht eine neue Generation purer Genies, sondern ein funktionierendes literarisches System.

Barbara Marković, geboren 1980 in Belgrad (Serbien), studierte dort Germanistik und lebt seit 2005 in Wien. iIn ihrem 2006 in Serbien, 2009 bei Suhrkamp erschienenem Debüt »Izlaženje«(»Ausgehen«) bemächtigt sie sich Thomas Bernhards »Gehen« und überführt die misanthropische Altherrensuada in eine Hasstirade auf die Clubkultur in Belgrad.

2 / 5


Das alles bestimmende Feuilleton-Thema des Februars denkt nicht daran abzudanken: Während man nach Auftauchen der Plagiatsvorwürfe gegen »Axolotl Roadkill«, dem bis zu diesem Zeitpunkt als Jahrhundertwerk gepriesenen Coming-of-Age-Roman der erst 17-jährigen Helene Hegemann, anfänglich dachte, der Literatur-Betrieb rudere nun unauffällig zurück, ist die Debatte mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angelangt. Kein Tag vergeht, an dem Helene Hegemann nicht entweder verdammt oder verteidigt werden muss, die seltsamsten Allianzen geschmiedet werden und sich manch Literaturkritiker auf seine älteren Tage zum Creative-Writing-Workshop-Leiter berufen fühlt. Ist ja auch kein Wunder, wird am Fall Hegemann doch der Finger in all jene Wunden gelegt, die im Zeitalter der Digital Natives schon viel zu lange vor sich hin klaffen: Was ist der Unterschied zwischen einem Zitat und einem Sample? Und wann wird Copy/Paste zum Plagiat? Warum wird die Verwendung eines David-Foster-Wallace-Satzes abgeklärt, während man die Texte des unbekannten Bloggers Airen 1:1 übernimmt, ohne das auch nur irgendwo zu vermerken? Der Hype um Helene Hegemann hat sich ursprünglich darauf kapriziert, die Stimme einer Generation entdeckt zu haben, die das Erlebte, Erdachte, das Kopromisslose wie die Abgeklärtheit der Generation »Berlin-Techno und Easyjetset« (© Tobias Rapp) noch einmal zwischen zwei Buchdeckeln destillieren konnte. Es sollte ein Triumph des Mediums Literatur über Blogs, Twittermeldungen und SMS sein, inklusive der dem Literaturkanon eingeschriebenen Parametern Geniekult und authentische Kaputtheit, im schrill drogenumnebelten neuen Gewand. Und vielleicht ist das ja das wirklich Ensetzliche an der Debatte, wie Klaus Nüchtern im Falter bemerkt: »Wird das angeblich ketzerische Mädchen vom Literatur-Establishment der alten Männer gehasst?
Die lieben sie doch, weil Hegemann brav nach Vorschrift böse ist – ganz so, wie es jene alten Säcke von ihr erwarten, die sich nun als Apologeten des jüngsten Radical Girlie Chic gerieren. Wenn die Jugend sich ihre Albträume von den Erwachsenen diktieren lässt, ist sie echt zu bedauern.«


kommentare

sozialisieren auf facebook