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Zucker, Sahne und Meth
Erwachsen sein ist nicht leicht. Freak-Barde Ariel Pink tauscht auf seinem neuen Album »Mature Themes« die Home-Recording-Boombox gegen das Tonstudio und fusioniert Lo-Fi Disco-Sound mit Frank Zappa- und Sixties-Referenzen zu wundersamen Pop-Perlen.
Der Peter Pan-Effekt hat Ariel Pink erreicht: Sein neuer Longplayer »Mature Themes« ist ein halbernster Versuch, sich als erwachsener Künstler in der Popwelt zu positionieren. Das gelingt mit einer Reise zurück. Zeit hat die große Gabe, an uns vorbeizurauschen. Tage, Monate, Jahre vergehen in kaum hörbaren Wogen, bis der Punkt einsetzt, in dem man panisch aus dieser Trance aufwacht. Der Schock, wie sich die Jahre aufeinander gestapelt haben, sitzt dann tief und drückt auf den Tempomat: Wer man ist, wo das Glück wartet und wohin die Reise führt, weiß man jetzt zwar immer noch nicht – klar ist allerdings, das es langsam Zeit wird, erwachsen zu werden. Und die richtige Abzweigung dorthin zu finden. »Mature Themes« nennt sich die Abzweigung, die der in Los Angeles beheimatete Avantgarde-Musiker Ariel Marcus Rosenberg gewählt hat. Ein Album, das wie der Soundtrack zu einem fiktiven VHS B-Movie klingt. Jener Sorte, die in der Ramschecke schmuddeliger Vorstadtvideotheken um einen Euro pro Stück angeboten werden, die ihre letzte Aufführung bei WG-Partys von bekifften Studenten im Toleranzsemester finden. Es ist eine ähnliche Atmosphäre, wie sie die Songs auf »Mature Themes« schaffen: Hochproduzierter Trash, aber unglaublicher catchy – und sonderbar lustig.
Westküste trifft Ostküste
Als der Kalifornier Ende der 90er damit begann, als Ein-Mann-Kapelle obskuren Lo-Fi-Pop auf selbstbespielte Tapes, CD-Rs und 7“-Singles zu bannen, war seine Musik noch nicht mal den Eingeweihten des Undergrounds vertraut. Als das Hipster Label Paw Tracks einen Plattenvertrag anbot und ihn mit dem Debütalbum »The Doldrums« ins Herz der Brooklyner Freak-Folk-Szene katapultierte, wurde das Geschrammel zur Outsider-Kunst erhoben und Pink zum Prinz eines neuen, weirden Westküstensounds gekrönt. Alsbald produzierte dieser Songs wie vom Fließband: Großer Trash und heilige Kunst reichten sich dabei die Hand und gebaren neben einer Reihe musikalischer Fragwürdigkeiten auch immer wieder bestechend schöne Popsongs.
Stilistisch hatte Pinks Schaffen schon immer wenig mit dem Folk-Revival der Ostküste zu tun, doch Look, Image und Obskurität passten einfach zu gut in das Sittenbild der neuen Szene. Freak-Folk war gerade eben dabei, von Medien vereinnahmt zu werden. Der artifizielle Begriff »New Weird America« kam aus der Feder eines Musikjournalisten. Der schottische Autor David Keenan verwendete die Wortschöpfung erstmals, als er für den Guardian einen Bericht über das Brattleboro Free Folk Festival in Vermont verfasste. Als Antwort auf Greil Marcus’ Bezeichnung »Old Weird America«, mit dem die amerikanische Folkmusik des frühen 20. Jahrhunderts gemeint war, sollten Musiker wie Ariel Pink darin den Neuentwurf der psychedelisch-kopflastigen Gitarrenmusik der 60er Jahre darstellen.
Als Band, mit The Haunted Graffiti, probte Pink einen weiteren Schritt in Richtung Breitband-Pop. Gekillt wurde der Demosound seiner Frühwerke. Aus Lo-Fi wurde Hi-Fi, und der unverschämt groovende Sixties-Beat der Single »Round And Round« veranlasste Pitchfork (die wichtigste Ratingagentur unter den Indie-Gazetten) doch glatt dazu, den Song auf Platz Eins ihrer Jahrescharts zu hieven. Auch »Mature Themes« klingt mit lupenreiner Studioproduktion aus Funk, Experimental, Psychedelic und Disco-Elementen so gar nicht wie die Rauschaufnahmen von früher. Der sterile Anti-Pop mit sandigen Westküsten-Harmonien präsentiert sich als Hochglanzprodukt. Die Band gibt den tonalen Raum vor, in dem Ariel Pink sich austobt, und nicht umgekehrt. Diesen Raum möge man sich vorstellen als ein mit Discokugeln überladenes Schulaula-Fest, bei dem in den hinteren Plätzen jede Menge Drogen rumgereicht werden.


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