Tapetenwechsel?
19.01.2016
» musik

Weltmusik 2.0

von Luise Wolf  


Das Sound-Art-Festival CTM Berlin kann den musikalischen Horizont erweitern; von Mexico bis Japan, von Norwegen bis Tunesien spielt hier die Weltmusikszene 2.0. 

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Im Kunst-Kontext geht es ja oft darum, 'Grenzen zu sprengen', 'Brüche' zu erzeugen, Irritationen und neue Horizonte. Dieser, oft auch auf Floskeln reduzierte, Diskurs wird auf dem CTM Festival for Adventurous Music and Art in Berlin sehr konkret. Dieses Jahr wird bunt, skurril, geografisch als auch akustisch überbordend. Das Thema, unter dem das über 50 Venues und hunderte Künstler schwere Festival in diesem Jahr steht: „New Geographies“, meint grob herunter gebrochen Weltmusik 2.0. Jep – ziemlich guter Zeitpunkt. 

Von Mexiko bis Japan 

Während der Nuller Jahre wurde immer wieder mal über Digger geschrieben – diese oft verkannten, mysteriösen Nerds, die ihr letztes Hemd geben, um in Addis Abeba oder Tangier neue Schätze der Popmusik zu 'retten' und entdecken – die heimische Szene hat ja oft keine Möglichkeit, sich national oder international zu vermarkten. Auf der diesjährigen CTM werden Musiker_innen und Künstler_innen aus Frankreich, Norwegen, Portugal, der Türkei, dem Libanon, Russland, Mexico, China, Japan und noch vielen mehr spielen. Ein paar Amerikaner (Le1f) und deutsche Acts (Rødhåd) sind auch dabei. Visual Arts, Vorträge und Kunstobjekte wird es natürlich auch wieder zuhauf geben. Unterstützung holte man sich dieses Jahr beim Norient – Network for Local and Global Sounds and Media Culture in Berlin und einem neuen Co-Kurator, Rabih Beaini (aka Morphosis, Morphine Records). Von ihm werden wir uns noch Infos und Anschauliches zum Thema Musik- und Kulturtransfer, Digging und Politisches im Interview holen. 

Hedonismus vs. Message? 

Seit dem ersten Import der elektrischen Gitarre über psychedelische Ausflüge der Rockmusik bis Reggaeton und Dub – über den Tellerrand hinaus geblickt wurde gerade in der Popkultur schon immer und auch entgegen herrschender politischer Systeme. Aber erst heute – globale Digitalisierung, Sozial Media – sind wir in der Lage, andere Musikkulturen in ihrer authentischen Praxis, also so zu rezipieren, wie sie sich selbst darstellen möchten; und nicht als euro-amerikanisierter Unterhaltungsabklatsch. Möglichst „ungefiltert“ sollen die Acts eine Bühne auf der CTM erhalten, um eine global ausgeglichenere Aufmerksamkeit über Musik zu erzeugen, so der erste Kurator der CTM, Jan Rohlf, zur Eröffnung des „Vorspiels“ des Festivals am Freitag. Unproblematisch ist dieser Anspruch nicht, wirkt doch gerade das Andere, Skurrile, 'Exotische' besonders medienwirksam, und zwar auch ohne, dass man eine Message oder den eigentlichen Hintergrund verstünde. Und gefiltert wird eh immer; dann eben nach Spaß. 

Hybrid-Musik

Man dürfte aber hoffen, dass sich dieser Rezeption hier einiges entgegenstellt, vor allem die Acts selbst. Weltmusik 2.0 meint eben nicht, nur die traditionelle Musik wieder aufleben zu lassen. Sie meint Musik, die sich an einem globalen Pool an Stilen bedient und dabei gleichzeitig eine spezifische Verwurzelung, einen eigenen, einen hybriden oder regionalen Stil anklingen lässt. Sog. Internetmusik bzw. Glitch-Pop ist derzeit die radikalste Ausformung einer Sampling Culture, die sich nurmehr digital verortet. All diese Stile wird man hier zu hören bekommen;  russische Techno-Soundtüftler (Buttechno), französisch-tunesische Jazz-Fusionen (Deena Abdelwahed) oder chinesischen LGBT HipHop (Tianzhuo Chen). Sie sind das Resultat der digitalen, gesampelten, sozial und kreativ transnationalen Realität, in der wir alle leben.

Und spätestens da, wo diese Musik eben nicht das Klein-klein des Alltags ablichtet, sondern über Geschlechter-Tabus singt (Tianzhuo Chen) oder Kriegssounds imitiert (Mazen Kerbaj), die auch aus unseren Fernsehern tönen; spätestens dann dürfte einem bewusst werden, dass es vielmehr um Ähnlichkeiten geht als Spektakel des Skurrilen. Ähnlichkeiten, zu denen wir gerne über Ländergrenzen hinweg zusammen tanzen, diskutieren, Spaß haben, rebellieren?

 

Das CTM for Adventurous Music and Art in Berlin findet vom 29. Januar bis 07. Februar in diversen Locations in Berlin statt. Das Rahmenprogramm "Vorspiel" geht vom 15. Januar bis 07. Februar und bietet – oftmals ohne Eintritt – Parties, Ausstellungen und Performances. 

www.ctm-festival.de

 

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