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Schwarzkopf wird erwachsen
Nazar ist der wichtigste Rapper Österreichs. Klassische Medien braucht er dafür nicht. Hier daheim ignorieren sie ihn sowieso. Stattdessen hat er Fans, von denen andere nur träumen können und eine Klappe, die sich andere wünschen würden. Stefan Niederwieser hat ihn daheim in Wien-Favoriten getroffen.
„Narkose“ ist in Deutschland und Österreich in den Top Ten eingestiegen. Nazars Songs könnte auf allen Radiosendern von Pop bis Alternative Mainstream laufen, aber weil Nazar oft nicht ganz so spurt und mitspielt, wie es gern erwartet wird, und er auch genaue Vorstellungen davon hat, was ihm zusteht, findet es trotz seines belegbaren Erfolgs kein Medium nötig nach Favoriten für ein Interview zu fahren. Sein Album wäre die logische Wahl für den HipHop-Amadeus – aber wer weiß, vielleicht scheißt der im Iran geborene Rapper sowieso drauf. So wie lange Zeit auf Blockstars. Oder manches Angebot von US-Größen. Oder mikrige Angebote von deutschen Rappern ein Video für ihn zu drehen.
Vielleicht treiben ihn dabei die Folgen einer Verletzung so an, die ihn von Kindesbeinen an begleitet, dass er seit 2008 jährlich ein Album herausbringt, dass er nicht nur Marketing für einen Energy Drink, sondern auch noch Nazar Films macht und immer den richtigen Tonfall für seine Facebook-Fangemeinde trifft, die größer ist als ganz Salzburg. 2010 hatte sich Nazar noch für die Produktion seines Albums verschuldet, es landete im Netz noch bevor man es kaufen konnte. Die Brüder Riahi waren bei all dem mit der Filmkamera dabei – ihr Dokufilm „Schwarzkopf“ gewann bei der Diagonale im selben Jahr den Publikumspreis. Da ging es eigentlich schon deutlich aufwärts. Nazar hat intakte Kontakte zur SPÖ, dem Strache würde er dafür sofort eine Bitchslap verpassen, wenn er ihn sieht. Er muckt auf und gibt sich nicht schnell zufrieden.
Das lässt sich natürlich nicht so leicht in ganz Wien plakatieren wie David Alaba – obwohl beide auf ihrem Gebiet in diesem Land tonangebend sind. Wichtige Vorbilder sind sie beide. Zu sagen hat Nazar allerdings viel mehr, neuerdings sogar über Beats, die narkotisierend klingen wie Weeknd oder Drake.
Hol dir eine Tasse Tee, das Interview ist lang, aber es lohnt sich. (Vielen Dank an Sandra Adler, die dieses Interview zu einem beträchtlichen Teil transkribiert hat.)
Morgen wirst du 28. Wie feierst du?
Zu Hause mit einer Bestellung beim Pizzamann. Mein Freundeskreis hält sich in Grenzen, dafür hab ich ihn seit meiner Kindheit. Ich bin kein Freund davon, Parties mit jedem zu feiern, den man angeblich kennt. So im kleinen Rahmen bin ich glücklicher.
Wohin bist du früher gegangen?
Passage, Museumsquartier hin und wieder, und Volksgarten natürlich. Irgendwann ist mir dort das Publikum zu jung geworden. Und ich werde zu oft erkannt. Letztens waren wir für einen Videodreh in Marrakesch und sind irgendwo zwischengelandet. Plötzlich stand da eine Gruppe von Schweizern, die mich sogar erkannt haben. Ich war angezogen wie ein Müllsack.
Ich war schon immer lieber alleine als auf der Straße und in Clubs unterwegs und mich dafür feiern zu lassen, dass mich Leute erkennen. Ich hab mir vor Kurzem ein Grundstück außerhalb von Wien gekauft – zu viele Leute wissen mittlerweile, wo ich wohne. Es ist richtig unangenehm, wenn ich spätabends nach Hause komme und auf dem Weg von der Garage Fans warten. Es waren mal Leute aus Salzburg hier, die stundenlang im Regen standen. Ich kann dann auch nicht sagen: Lasst mich in Ruhe! Ich versuche, mich in ihre Lage zu versetzen und erinnere mich daran, als ich früher selbst Fan war.
Ist hier in deiner Wohnung auch "Schwarzkopf" gedreht worden?
Ja. Damals hat die Wohnung noch anders ausgesehen. Schwarzkopf wurde fast 1,5 Jahre lang gedreht. Damals hatte ich eine ganz schlimme Phase. Das Album, das ein paar Wochen vor "Schwarzkopf" in die Läden kam, war dann ein Riesensprung. Ich habe super Werbedeals bekommen. Ich bin Iraner, und ich glaube, die wussten immer schon, wie man mit Geld umgeht. Ich hab ein paar schlaue Sachen gemacht.
Meinst du auf Musik bezogen?
Ich habe hier in Österreich mit Hip Hop Grundsteine gelegt, die eigentlich ein Schlager- oder Popsänger hätte legen müssen. Ich kann es nicht verstehen, warum in Deutschland die größten Medien mit mir Interviews führen, mich in ihre Sendungen einladen und Radiosender meine Musik spielen, ohne dass wir sie bemustern und das in Österreich noch nie der Fall war. Das tut mir so unglaublich weh. Wer weiß, vielleicht wird das bei der nächsten Generation von Künstler besser werden.
"Narkose" ist in Österreich auf Platz Fünf, in Deutschland auf Zehn eingestiegen. Wer erreicht das außer dir?
Gestern habe ich erfahren dass ich der erste österreichische Rap Artist bin, der in Deutschland in die Top Ten gestartet ist. Und das auch noch Independent. Dieses Scheiß-Wort sage ich dazu, weil Laien nicht wissen, was es für einen krassen Unterschied macht, ob du wirklich alles selber finanzierst, alles selber in die Hand nimmst – oder ein Major Label, das z.B. CDs so stark in den Läden platziert, dass sie allein deswegen Gold gehen. Die laufen dann im Fernsehen rauf und runter und kommen auf das Cover der Krone.
Die anderen ... Chakuza hat jahrelang in Österreich Musik gemacht, Raf ebenfalls. Beide sind weg gegangen, weil sie wussten, dass es in Berlin funktioniert. Ich habe es von hier aus geschafft. Ganz alleine, ich habe keinen dazu gebraucht, und das wird nicht honoriert in diesem Land. Wir waren mit einem Doku-Spielfilm in Österreich auf Platz Drei der Kinocharts. Trotz alldem war ich nicht einmal nominiert für den Amadeus. Und dann gewinnen die Vamummtn, deren Manager in der Jury saß. Wie ekelhaft ist das eigentlich?
Was waren die schlauen Entscheidungen, von denen du gerade gesprochen hast?
Ich wusste mit meiner Person gut umzugehen. Ich hab beispielsweise mit der Politik zusammengearbeitet. Ich habe mich nicht billig verkauft wie viele andere. Gratis Vorgruppe spielen für einen deutschen Rap-Act, und dafür soll man auch noch dankbar sein – so eine Scheiße habe ich niemals gemacht. Wenn ich angefragt werde, dann habe ich Preise wie ein Superstar. 70% können sich das nicht leisten, aber 30% schon. Im Endeffekt nehme ich nach zehn Konzerten so viel ein wie jemand, der das ganze Jahr tourt und sich körperlich kaputt macht. Und so habe ich das in jeglicher Hinsicht gemacht.


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