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Leben heißt Überleben
von Christian Moser
Inspirierend und durchdacht: der neue Testcard-Band „Überleben – Pop und Antipop in Zeiten des Weniger“.
Seit dem kurzen Boom der Cultural Studies und der elaborierten Poptheorie Mitte der Neunziger Jahre ist es im deutschen Sprachraum wieder merklich ruhiger geworden, was die avancierte Analyse von Produktionsmodi und Waren der Kulturindustrie betrifft. Lediglich der in Mainz beheimate Ventil Verlag mit dem zweimal jährlich erscheinenden Testcard hält die Fackel der kritischen Auseinandersetzung abseits sicherer und der aktuellen Entwicklung meist hinterherhinkender universitärer Pfade weiterhin hoch. Das ist dem unabhängigen Kleinverlag hoch anzurechnen, zumal sich der Rest des Popjournalismus mittlerweile zur Gänze dem affirmativen Anpreisen, dem Erlebnisbericht und dem Zwang zum Konkreten verschrieben hat.
Die aktuelle Ausgabe beschäftigt sich mit dem Thema Überleben als Musiker, Texter und Künstler im Popfeld des Jahres 2012. Lebte die klassische Popkultur vom Schneller, Höher, Weiter und dem steten Mehrkonsum, verwaltet der zeitgenössische Pop vor allem sein eigenes Schrumpfen. Das Thema Überleben ist klug gewählt, da sich in Zeiten von Filesharing und Gratis-Inhalten die Gewinnmargen und Verkaufszahlen vieler Musiker im freien Fall befinden. Nun könnte man keck anmerken, dass es gut und richtig ist, dass die absurden Einkünfte von Musikern sich mittlerweile dem Medianeinkommen des Durchschnittsangestellten annähern. Schließlich sind die Auswüchse des Starsystems der 1980er Jahre mit Bands wie Mötley Crüe und Metallica schlicht nicht anders als Dekadenzphänomene zu bezeichnen. Wenn Musiker und Künstler der Popkultur, die nichts anderes als die globalisierte Volkskultur des Spätkapitalismus darstellen, sich in ihrer Lebenswelt wieder vermehrt an den täglichen Überlebenskampf (Miete zahlen, Job finden) ihrer Hörer und Käufer annähern, kann das mittelfristig nur zu einer Selbstreinigung und Erdung der Kulturindustrie führen.
Zweites Argument für das Gesundschrumpfen der Kulturindustrie ist, dass durch die inflationäre und durch digitale Reproduktionstechniken billig gewordene Warenproduktion viele Bands Musik vor allem deshalb zu machen scheinen, weil sie ihren persönlichen Rock`n`Roll-Film abseits musikalischer Ideen leben wollen und ihre kleinbürgerlichen Mythen nachbasteln. Wir leben im Zeitalter der Kopie der Kopie der Kopie, was nicht nur zum Verlust der Aura führte, sondern auch den merkwürdigen Effekt für viele Hörerinnen und Hörer mit sich brachte, dass immer mehr neue Musik immer vorhersehbarer und langweiliger klingt. Wenn sinkende Verkaufszahlen ein Verschwinden von Karaokebands wie beispielsweise Bunny Lake, Tomte oder elektronischen Acts wie Wolfram beschleunigten, die nichts anderes als das Echo einer scheinbar besseren Vergangenheit lieblos drittverwerten und dabei Quellen und Kontexte auch noch falsch verknüpfen, wäre das ein Segen für die noch verbliebenen emanzipatorischen Kräfte des Pop, da die Hörer sich wieder auf das Wesentliche und Wichtige konzentrieren könnten. Bei diesen Produkten des Simulationspop wird kein musikalischer eigenständiger Anspruch mehr verfolgt außer das narzisstische Nachpausen und das selbstgefällige sich Suhlen in einem imaginierten Starsystem. Dringlichkeit, Relevanz, Begehren, Langeweile, Ekel, kurz: die Basisimpulse jedweder höhrenswerten Popmusik werden hier nicht mal mehr als Option gefühlt und gekannt. Wer die Beschränktheit, ja Retardiertheit solcher Acts im Auge hat, wird sich nicht länger wundern, dass über 70 Prozent der Tonträgerumsätze aus dem Backkatolog der 1950er bis 1980er Jahre entstammen. Der finanzielle Bankrott entbehrlicher Bands würde den Blick und die Hirne von Hörern, Journalisten und Plattenhändlern wieder frei für die Aufnahme notwendiger und wichtiger Musik machen.
Dass eine schöpferischere Zerstörung wie die Schrumpfung des Tonträgermarktes also immer auch notwendigerweise die Vernichtung des Sinnlosen mit sich bringt, ist der einzige positive Aspekt einer sterbenden Industrie, auf den der durch sein Buch „Retromania” gerade populäre Musikjournalist Simon Reynolds in seinem Beitrag eingeht. Er beschreibt schlüssig und nachvollziehbar, dass der Überfluss und die Allgegenwert von Musik die Krise mitbedingt haben. Auch ansonsten hält der Sammelband ein, was er verspricht: Er analysiert die ökonomischen Macht- und Feldverschiebungen sachlich und verzichtet auf das vor allem in den sogenannten Kreativindustrien zur Seuche gewordene Rumjammern.


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