Tapetenwechsel?
31.01.2012
» musik

For Father, Forever Ago

von Stefan Niederwieser  


Ganz nebenbei rettet Soap & Skin mit »Narrow« das Kunstlied. Dabei wäre das Album beinahe nicht erschienen.

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Lange ist der Gaul geritten worden. Jetzt schmeißen wir ihn über Bord: den Autor. Oder besser, den Tod des Autors. Was soll Soap & Skin noch tun, damit niemand mehr vermutet, das sei alles ausgedacht und inszeniert? Written, arranged, performed and produced by Anja Plaschg. Oder anders gesagt: Die Musik wurde von Anja Plaschg im Alleingang geschrieben, eingespielt, umgesetzt, durchdacht, verarbeitet, komponiert, verwirklicht, gefertigt, geboren, vollendet und schließlich in diese Form gebracht. Durfte man beim ersten Album noch verwundert sein und fragen, ob hier nicht doch zwei, drei Herrschaften im Hintergrund vorsichtig an ein paar Fäden ziehen, wenn eine 17-Jährige für solchen Karawummel sorgt und mit ihrem Debüt reihenweise Titelblätter erlegt, so hat sich das drei Jahre nach »Lovetune For Vacuum« völlig erledigt. Der Kontakt mit FM4-Lumpen-Mäzen Fritz Ostermayer ist abgekühlt, auch wenn er für »Narrow« wieder den famosen Pressetext geschrieben hat, ihr Ex-CEO Oliver Kamien arbeitet mittlerweile bei Soap & Skins Label Solfo und hilft dabei, die größere Vision umzusetzen. Ja, Soap & Skin hat ihr eigenes Label gegründet. Das ist sie selbst, die ungewöhnlich hohe, weil professionelle Anforderungen an Konzertveranstalter stellt, sie verweigert bestimmte Interviews, sie sucht ihr Coverfoto aus und bestimmt gemeinsam mit ihrer Schwester über das Artwork. Soap & Skin tut alles, damit jede Faser ihrer Arbeit in ihrer Kontrolle bleibt, damit dieser Schleier zwischen ihrer Musik und den Hörern möglichst verschwindet. Written, arranged, performed and produced by Anja Plaschg. Der Tod des Autors war wichtig. Hier wird dieses Konzept mit Wucht abgeschafft. Tschüss, wir sehen uns ja bald wieder. Auftritt Soap & Skin.

Da Capo

Soap & Skin hatte Anfang 2009 eines der wichtigsten Alben, die in den letzten zwölf Jahren in Österreich entstanden waren, geschrieben. Selbst wenn man mit ihrem Drama, der Expressivität und ihrer grundösterreichischen Besessenheit vom Tod rein gar nichts anfangen kann, man musste ihr das erst einmal nachmachen: unbedingte Eigenständigkeit. So klang einfach sonst nichts ... so wie diese Vermählung von Folk, gereiztem Piano, elektronischer Avantgarde, vergreistem Kunstlied und Intensität. Nirgends. Sie wurde gespielt und gefeiert, dann kam der echte Tod.

Beim Interview in Wien ist Soap & Skin distanziert, vielleicht unsicher, vielleicht von einem viel zu teuren Rum betrunken, jedenfalls wortkarg. Sie antwortet auf Vermutungen eher mit Gesten und Blicken. Egal, eine Interview-Situation ist dermaßen unnatürlich, man braucht in sie nichts über den Charakter von Soap & Skin hineingeheimnissen. Wenn es aber etwas zu sagen gibt, tut sie das auch. Wie bei der Frage, wie viele Aufnahmen sie braucht, um die Stimme so hinzubekommen – sehr viele, teilweise fast für jedes Wort. Dabei hat Soap & Skin auf »Narrow« Vertrauen in ihre Stimme bekommen, sie ist vorerst die auffälligste Veränderung der letzten Monate. Aber jede Silbe, jede Phrasierung, jeder Laut und jede Tonhöhe ist genau vermessen. Immer wieder werden Tonhöhen nach unten verbogen, leicht tiefer gesungen, gedoppelt, verschliffen, Silben offener oder härter gesungen, als sie das nach strengem Gesangsknigge sein sollten. Manchmal so sehr, dass die Stimme überstrapaziert war. Nach Live-Auftritten fühlt sich Soap & Skin, als hätte sie eine halbe Stunde lang geschrien. Mit diesem Druck in dieser Lage zu singen, zwischen Brust- und Kopfstimme, ist ein Grenzfall. Soap & Skin versucht dem mit Training beizukommen und verbraucht ihr Organ in der Zwischenzeit. Der Ton hat sich gewandelt, ihre Stimme ist jetzt stärker, deutlicher, akzentuierter und nachträglich kaum noch verfremdet. Auch hier: Die Suche nach so etwas Veraltetem wie Wahrhaftigkeit.

Exposition

Bon Iver, die Antlers oder Perfume Genius haben ihr, der Wahrhaftigkeit, ebenfalls nachgespürt. Im Internet lesen sich ihre Berichte über die Leiden in einsamen Hütten und Krankenhäusern aufreibend und bizarr faszinierend. Diese Qualen – und ihre Verarbeitung in Liedern – stehen bei ihnen am Beginn einer Karriere. Sie sind für Waldschrat-Folk schon fast so ein unumstößlicher Beweis von Authentizität wie Schusswunden für Rapper. Aber wie seltsam ist es, ganz unmittelbar vom Tod des eigenen Vaters erzählt zu bekommen und davon, wie Soap & Skin – oder Anja? – fast daran zerbrach. Ein dreiviertel Jahr lang konnte sie keine Musik mehr machen, war in ärztlicher Behandlung, bis sie das mit den Tabletten nicht mehr aushielt und sich einen Monat in ein kleines italienisches Dorf zurückzog, um dort langsam wieder aufzutauchen. In all der Zeit war sie wie gelähmt, wusste nicht, wie sie ihren Song »Vater« zu Ende bringen sollte, den Eröffnungssong des Albums. Erst als dieser seine endgültige Gestalt annahm, fügten sich auch andere Fragmente zu einem Ganzen, das sie auch veröffentlichen wollte. Natürlich weiß Soap & Skin, dass sie diese Geschichte soeben der Presse erzählt hat. Wäre »Narrow« ohne dem weniger dramatisch? Eher nicht. Aber es stattdessen nicht zu erzählen, den Tode aussparen, wäre noch eigenartiger – gerade, wenn man sich schon früher an dem Thema abgeschunden hat.

 

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