Tapetenwechsel?
22.09.2012
» musikinterview

Die anderen Helden des Rap

von Sandra Adler  


EM- und WM-Raportagen, Kooperationen mit Orchester und Blaskapelle – was erwartet uns nach diesen Experimenten auf dem siebten Blumentopf-Album? Die Antwort der fünf Münchner lautet schlicht und ergreifend: alte Stärken.

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Was als reine Selbstwiederholung langweilig sein kann, ist hier durchaus positiv gemeint. Blumentopf wissen, wer sie sind: die Jungs aus'm Reihenhaus, die Anti-Helden des Rap.

Auf „Nieder mit der GbR“ erzählen sie mit den gewohnten Wortspielereien und Anspielungen Geschichten, die das Leben schreibt. Das Spektrum reicht von selbstironischen Stimmungsmachern über kritische Kommentare zum Status Quo der Gesellschaft bis hin zu persönlichen Selbstreflexionen („Problem mit Ich“). Die Zeilen sind manchmal harmlos-banal – oder ganze Songs wie „Schwarzes Gold“, dafür gedropped über exzellenten Beats. Die meisten davon stammen von DJ Sepalot. Mit einem besonderen Händchen für Melodie- und Basslinien greift er in den Samplekasten der alten Blumentopf-Schule: groovender Funk, lässiger Soul, Klavier und ein paar Streicher für die Dramatik, schlau platzierte Vocal-Samples und Scratches.

The Gap hat im Interview mit Roger Manglus und Florian "Schu" Schuster über das neue Album, ihr Standing in der deutschen Hip Hop-Szene und die Kollabo mit Günther Sigl, Sänger der Spider Murphy Gang und Münchner Urgestein, gesprochen. Wobei – Urgesteine sind Blumentopf ja inzwischen selbst.

 

The Gap: Im Vergleich zum letzten Album "WIR" klingt das neue, "Nieder mit der GbR", wieder klassischer, mit Funk- und Soul-Samples und mehr Scratches. Wie kam es dazu?

Schu: Wir hatten einfach Bock drauf. Beim letzten Album wollten wir nach „Musikmaschine“, auf dem wir richtig viel rumexperimentiert und selber Instrumente gespielt haben, wieder ein Samples-Album machen. Da war es total wichtig, dass wir einen Sound haben. Geeinigt haben wir uns dann auf diesen Gitarren-Sound, gesampelte Gitarren und Drum-Loops, also war da schon eine gewisse Sample-Charakteristik. Beim neuen Album haben wir uns im Vorfeld eigentlich gar nicht groß Gedanken gemacht, sondern einfach mal gemacht. Heraus kam der Sound, bei dem wir eigentlich zu Hause sind.

Ich frag euch jetzt nicht, Blumentopf, aber "Nieder mit der GbR", wie seid ihr auf den Namen gekommen?

Roger: Wir haben vor der letzten Platte Label gewechselt und sind zur EMI gegangen. Da haben wir uns auch ein Management gesucht, zum ersten Mal. Wir haben davor alles selber gemacht. Vielleicht muss man das erklären: es gibt die Blumentopf GbR, wir sind auch eine Firma. Da gab es die ganze Vertragsscheiße und dies und das zu regeln. Das hat im Studio manchmal wirklich Nerven gekostet, weil wir so viele Leute sind, und weil du natürlich auch keinen Fehler machen willst.

Wenn du ins Studio gegangen bist, hast du dich auf Diskussionen eingestellt und die gingen nie um Musik. Zu dieser Platte haben wir gesagt: Lasst uns aufhören mit diesen Diskussionen, wenn wir im Studio sind. Wir müssen die Sachen natürlich regeln, sonst läuft da gar nichts. Aber lasst uns Musik machen, denn es ist echt wertvolle Zeit, wenn wir uns alle treffen. Also darf an dem Abend keiner seinen Laptop aufklappen oder mir irgendwelche Papiere unter die Nase halten: Roger, hier, musst du noch unterschreiben für die Sparkasse. Ich hasse diesen Teil der Arbeit sowieso. Ich bin einfach der Typ, der sich mit Papierkram nicht auseinandersetzt, sondern eine große Schublade hat, für die er später einen Fachmann bezahle, der sagt, was man da machen kann. Deshalb nieder mit der GbR, nieder mit ihr! Verbrennt sie!

Trotzdem habt ihr euch auf dem Album mit Geld beschäftigt...

R: Ich beschäftige mich persönlich auch mit Geld. Also ich gebe es aus.

S: Ich verdiene es Gott sei Dank auch.

Aber die Finanzkrise hat euch anscheinend beschäftigt, als GbR und privat.

S: Um die Finanzkrise in dem Sinne geht es gar nicht. Wir haben ein Lied gemacht, das "Eurovision" heißt, in dem wir unseren Euro personifizieren und erzählen, was er mit uns und generell erlebt. Also dass er in Camouflage durch Afghanistan robbt, das will ich nicht und das hab ich mir nicht ausgesucht, aber das tut er nun mal leider. Jeder Euro tut das, der als Steuergeld irgendwo abgegeben wird, zum Teil. Genauso schmilzt der Euro und tropft als Stracciatella von der Isar-Brücke. Das hat mit der Eurokrise wenig zu tun, außer, dass bei uns noch ein bisschen was da ist, das schmelzen kann, was ganz gut ist. Es ist kein Lied über die Eurokrise, sondern es ist ein Lied über den Euro und in heutigen Zeiten sind Lieder über Euros auf jeden Fall auch Lieder über die Krise. Klar, vor sechs Jahren hätte das Lied ein bisschen anders geklungen. Um die Krise kommst du nicht rum.

Der Ton bei euren Songs ist ziemlich unterschiedlich: kritisch wie bei "Alles im Lot", ernst auf persönlicher Ebene oder positiv im Party-Modus. Kommt je eine Stimmung von einem von euch oder wechselt ihr alle die Register?

S: Wir haben das Glück, dass wir nicht alle fünf ein halbes Jahr lang nur nachdenklich sind und ein halbes Jahr lang nur kritisch. Das Album spiegelt ja immer eine gewisse Zeit unseres künstlerischen Schaffens wider, wenn man das so sagen will. Wie alle willst du manchmal Party feiern, mal denkst du über dich selbst nach, mal denkst du über die Gesellschaft nach, mal willst du gar nicht nachdenken, sondern nur machen. Das findet sich alles auf so einem Album wieder. Wir machen ja keine Konzeptalben, z.B. über die Liebe. Und dann schreiben wir zwölf Songs über Liebe und alle freuen sich, weil man vorn ein Herz draufpappen und sagen kann: Das ist das Liebes-Album. So ist es bei uns nicht. Wir machen einfach Musik über uns und über die Zeit, in der wir leben.

R: Wir sind vier unterschiedliche Rapper oder Schreiber. Da ist es schon immer so gewesen, dass sich ein Solo-Lied von Schu komplett von meinem unterscheiden würde. Es gab schon Lieder, wodurch pro und contra auf der gleichen Platte waren. Ein bekannteres Beispiel ist auf „Eins A“. Wunder kifft nicht, raucht nicht, gar nichts und hat ein Lied gegen dieses Kiffer-Image gemacht. Auf der gleichen Platte war mit "Reihenhaus" auch ein Kiff-Part drauf. Uns hat schon immer ausgemacht, dass wir eine Band sind, aber jeder auch er selbst ist, in dieser Band.

S: Wir sind keine Boyband, in der klar ist, der eine ist der Melancholisch-Verträumte, der Andere der Party-Typ und der Dritte der Kritische. Nein, das wechselt sich ab. Wär aber schon lustig...

R: (lacht) Wenn ich jetzt feststellen würde, das ist doch so, das wär ein Traum. 

S: Ja, genau: Der macht immer diese dummen Sachen. Der macht immer das mit dem Hände-sehen.

 

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