Pickerlalbum, subversiv

Der deutsche Grafiker Romibello hat gerade bei den International Sticker Awards den ersten Platz abgeräumt. Was tut sich eigentlich hierzulande auf den Laternenmasten zwischen subversiver Kunst und politischer Botschaften?

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Sie kleben auf Fußgängerampeln, Briefkästen und Stromverteilern. Sie verwittern in Collagen mit Konsumbotschaften und Veranstaltungshinweisen: Sticker sind die unkommerziellen Ausstellungsstücke der Großstadt. Und in den vergangenen Jahren haben sie sich zu einer ernstzunehmenden Street Art-Disziplin mit eigenem, seit 2005 bestehendem Award gemausert. Was Nicht-Eingeweihte üblicherweise nicht daran hindert, an ihnen vorüberzugehen, ohne sie überhaupt zu registrieren: Es sei aber Street Art, die den öffentlichen Raum erst richtig interessant mache, meinen zwei junge Männer, die unter dem Label Luft Fabrik vor allem in Salzburg und Wien begeistert stickern: "Erst wenn man einen Aufkleber bewusst wahrnimmt, sieht man auch die anderen und die Stadt wird zum riesigen Suchbild."

Und es sind gar nicht so wenige Klebebildchen, die dem Großstadtdschungel bunte Farbkleckse verleihen, schließlich können sie relativ preiswert gedruckt werden und natürlich auch per E-Mail um die Welt gehen, um dann am Zielort gedruckt, abgezogen und aufgeklebt zu werden. So erreichen sie Verkehrsschilder am anderen Ende der Welt schneller als es der jeweilige Künstler je könnte. Kritisch sieht der Salzburger Street Artist Meersau neue Verbreitungstechnologien dennoch: "Natürlich ist es verdammt leicht, durch das Internet und Social Networks wie Facebook seine Werke zu verbreiten. Aber man sollte nicht vergessen, dass Street Art auf die Straße gehört."

Sticker als politisches Medium

Die Straße ist für Leute wie Luft Fabrik und Meersau kreativer Nährboden und Plattform – und zwar seit seinen Ursprüngen, die bis weit in Web 2.0-freie Zeiten zurückdatieren, in die politische Kultur der 68er-Bewegung nämlich, als (Papier-)Aufkleber noch eine der preiswertesten und öffentlichkeitswirksamsten Arten waren, seine Meinung kundzutun. Stickerkleben bedeutet auch heute oft noch, seine politische Gesinnung zu verbreiten: "Essays GRAS" oder "Geld für Bildung statt für Banken" steht da an den Fußgängerampeln in Salzburg zu lesen. Dazwischen tummeln sich freche Comic-Aufkleber und mehr oder weniger geistreiche Statements zu Gesellschaft und Konsumgütern. Das semiotische System der Stadt ist damit längst kein hierarchisches System mehr, in dem Passanten passiv Werbebotschaften auf dafür vorgesehenen Flächen ertragen müssen und optisch dauerbeschossen werden, die Straße hat sich durch Street Art im Allgemeinen und Sticker im Besonderen in einen demokratischen Abenteuerspielplatz verwandelt, der offen für individuelle, aber flüchtige Kommentare ist.

Ein Abenteuerspielplatz, auf dem die einzelnen Akteure auch in Wien und Salzburg miteinander auch über soziale und politische Fragen in Dialog und Konkurrenz treten: Die private Initiative kirchenaustritt.at parodiert mit um einen gelben Smiley gekringelten "Freu dich! Gott gibt’s nicht"-Sticker die bereits seit Jahrzehnten in verschiedensten Sprachen "Freu dich! Gott liebt dich"-Kleber. Die pixeligen Space Invaders der Rosa Antifa Wien (RAW) streuen ihre Botschaft von Toleranz und verdanken sich ihrerseits Invader, dem international etablierten und mit zahlreichen Ausstellungen geadelten Mosaik-Street Artist aus Frankreich. Weniger harmlos ist jene Art von Interaktion, die der junge Salzburger Sticker-Künstler Wes beschreibt – Kleinkriege zwischen linken und rechten Gruppierungen, die um die Häuser ziehen und die Aufkleber der ideologischen Gegenfraktion herunterreißen oder überkleben: "Es ist leicht geworden, Aufkleber mit politischen Parolen im Internet zu bestellen – gratis. Das fällt besonders hier in Salzburg auf, wo keine richtige Stickerszene mit künstlerischen Ambitionen existiert. Nazipropaganda, Werbe- und Fussball-Sticker sind bei uns weit verbreitet."

Sticker als ästhetisches Medium

Sticker mit künstlerischem Anspruch haben damit nicht viel gemein – sie sehen anders aus. Wie ein abstrahiertes Männergesicht etwa, das Anfang der Nullerjahre um die Welt zog und das erste nichtkommerzielle Motiv gewesen sein soll, das als Kunststatement auf klebrigem Hintergrund ohne tiefere politische oder konsumfördernde Bedeutung um die Welt ging: Obey Giant, die Stencilversion eines früher recht bekannten französischen Wrestlers, die auf einem Design des amerikanischen Grafikers Shepard Fairey beruht. Ihren Street Art-Status bekamen die selbstklebenden Bildchen aber erst, als die New York Times sie 2002 zum neuen Kunst-Phänomen erklärte.


Leute wie Omega CBU, Busk, Wes, Smir Fink, Knut oder Luft Fabrik tragen maßgeblich dazu bei, dass die Kunstform Sticker auch am heimischen Laternenmast Einzug gehalten hat. Damit wurde Street Art subversive Intervention in den öffentlichen Raum – aber nicht zwangsläufig, was den Inhalt betrifft, der kann sich auch auf Nichtssagendes beschränken. Auf einer Ebene ist Street Art allerdings immer subversiv: Sie ist ein Eingriff in die rechtlich und öffentlich anerkannte Raumordnung, über die sich die Macher hinwegsetzen, um das Ordnungssystem der herrschenden Zeichen innerhalb der Stadt infrage zu stellen und damit aufzeigen, dass alle die Möglichkeit haben sollten, den öffentlichen Raum mitzugestalten.

Sticker als Werbeträger

Mittlerweile sind auch verstärkt Aufkleber mit Kauf-Aufforderungen im öffentlichen Raum zu sehen. Eine rechtliche Grauzone macht es möglich, in der sich Sticker allgemein bewegen. Im Unterschied zu Graffiti sind sie relativ leicht entfernbar und gelten deutlich eingeschränkter als Sachbeschädigung. Im Unterschied zu Plakaten kosten Sticker zudem keine Werbefläche. So auch in Salzburg. Subtrahiert man die Aufkleber mit Werbebotschaften und die "Südtirol ist nicht Italien"-Sticker, bleibt eine überschaubare Motivlandschaft zurück. Überspitzt gesagt: Kennt man einen Laternenmast, kennt man alle relevanten Akteure der Mozarthausener Stickerszene. Der Exil-Salzburger Bazuco formuliert es so: "Salzburg hat nicht wirklich eine Szene, man kennt einander zwar, das ist unvermeidlich, aber jeder stickert aneinander vorbei. Es gibt keine wirkliche Plattform, außerdem überleben die meisten Sticker die Putzkolonnen vor der Festspielzeit nicht." Dieser Umstände würden viele schnell müde, deswegen war für ihn auch der Ansporn da, aus Salzburg wegzugehen. Die Jungs von Luft Fabrik, die ebenfalls aus Salzburg stammen, sehen im Kleinstädtischen auch Vorteile: "Es gibt weniger eingefleischte Sticker Artists und damit mehr freie Flächen. In Wien ist die Konkurrenz größer."

Durch die Grenznähe zu Deutschland ist in Salzburg auch eine Form der Sticker Art vertreten, die sonst vor allem in der Bundesrepublik verbreitet ist – das Bemalen von Postaufklebern, DHL-Aufklebern für Pakete also, die in deutschen Postfilialen zur freien Entnahme aufliegen, aber den Nachteil haben, dass sie bereits vorbedruckt sind. "Wenn ich kein Geld für Stickerpapier habe, dann fahre ich mit der S-Bahn nach Freilassing und nehme mir ganze Stapel mit und bemale die dann von Hand", erzählt der junge Stickerkünstler Smir Fink. Das Handzeichnen sei immer eine Zeitfrage, das PVC-Stickerpapier eine Geldfrage. Eine Frage, an der Nachwuchs-Sticker Artists oft scheitern würden.

Zu Portraits von Meersau, Smir Fink, Omega CBU, Luft Fabrik und Hell Yeah mitsamt Artworks geht es hier.

Mehr zu Sticker Art: Auf der Straße. Oder Material zum Durchblättern unter www.stickermag.com

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