Tapetenwechsel?
20.08.2012
» kunstevents

Occupy Kunst!

von Denise Helene Sumi  


In einem Lager in Graz rücken Kunst und Politik ganz nahe aneinander. »Truth Is Concrete« heißt das Projekt des Steririschen Herbsts, das Fragen zur Gemeinschaft nicht nur stellt, sondern in einem gemeinsamen 24/7-Marathon-Camp erprobt.

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Copyright: Femen Josef Schützenhöfer

Quelle: The Gap 128


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Manche mögen beim Wort »Camp« schon die Augen verdrehen, auch nach all den widersprüchlichen Reaktionen über das Occupy-Camp auf der diesjährigen Berlin Biennale. Ist das wieder nur eine weitere Kunstveranstaltung, die versucht, sich mit Hilfe von Aktivisten von dem neoliberalen Beigeschmack der Zeitkunst zu befreien? Die versucht, ihre Krise zu entfesseln, um so wie in den 60er Jahren wieder einmal so richtig politisch zu sein – und das noch dazu im gemeinsamen Tipi-Zeltlager?

Auf der heurigen Berlin Biennale wurde das dortige Camp als Menschenzoo kritisiert, die echten Occupy-Zelte auf der weltweit größten Kunstausstellung, der Documenta 13 in Kassel, wurden einfach in den Betrieb integriert. Doch man kann Entwarnung geben: Die Macher von »Truth Is Concrete« wollen nicht bloß politisch sein, sondern auf einer konkreten Basis aufbauen und damit den richtigen Nährboden bieten. Sie scheinen dabei keinerlei utopische oder anarchistische Absichten zu haben. Na puh. 

Bye bye Utopia

So hieß vor zwei Jahren eine Ausstellung im Kunsthaus Bregenz. Ein Architekten-Netzwerk verabschiedete sich da von den Bildern und Entwürfen einer besseren Gesellschaft. Das gleiche Team, Raumlabor Berlin, setzt nun die Arbeit in Graz für den Steirischen Herbst fort. Dabei dienen die Wünsche der Stadtbewohner, mal auch Brachflächen oder wie jetzt ein Boot-Camp für politische Kunst als Ausgangspunkt für ihr weites Experimentierfeld. Plätze werden erobert, Orte alternativ genutzt. Die Projekte sind deshalb nicht bloße architektonische Hüllen, sondern immer auch lebendige Orte.

Dabei zeigt sich bereits ein erster wesentlicher Zug von »Truth Is Concrete«. Das Festival schlägt sein Fundament als professionelles Labor in den Boden. Concrete – das heißt im Englischen manchmal eben auch Beton. Zwei Gebäude und eine Terassenfläche dazwischen werden bespielt und gestaltet. Selbst wenn man dabei innerlich immer ein bisschen Zeltnomade bleibt.

Neben dem Raumlabor wurden rund 150 internationale Aktivisten, Wissenschaftler und Künstler nach Graz eingeladen (u.a. Diedrich Diederichsen, Mariam Ghani, Oliver Marchart und Gerald Raunig). Aktuelle Debatten und Geschehnisse wie der Arabische Frühling, die Occupy-Bewegung oder Syrien sollen Tag und Nacht zum Thema gemacht werden. Soll also Kunst ein soziales oder politisches Werkzeug sein, kann sie nützlich sein? Die Frage nach dem Politischen der Kunst ist nicht neu.

In der Nachkriegszeit erprobten Künstler schon solche Strategien, das Publikum einzubinden und sie aktiv werden zu lassen. Das Musikstück des amerikanischen Komponisten John Cage »4´33“« ist beispielhaft und gilt als Vorläufer für spätere Konzepte der Aktivierung des Publikums. Für eine Zeitdauer von vier Minuten und 33 Sekunden wurde kein Ton gespielt. Das ganze Publikum des Konzertsaals wurde zu Mitwirkenden eines Musikstücks. Deren Rascheln und Husten wurde zum Klang des Stücks. Der Hörende wird zum Ausführenden.

 

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