Tapetenwechsel?
12.08.2014
» kunst

Maulwurf-Kunst im Wiener Untergrund

von Stefan Niederwieser, Franz Lichtenegger  


Könnte ein unterirdisches Kinderzimmer in einer Wiener U-Bahn-Station tatsächlich existieren, ohne dass es jemand merkt? Offenbar ja. Der verantwortliche Künstler im Interview über das Projekt und seine Absichten.

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Mitten in einem ungenutzten Betriebsraum der Wiener Linien, in einer Station der U3, wurde vor zwei Jahren ungeachtet der Öffentlichkeit ein komplettes Kinderzimmer eingerichtet, dokumentiert und anschließend abgeschlossen. Seitdem wurde es nie wieder von den bisher unbekannten Verantwortlichen aufgesucht. Ob es gefunden und von den Wiener Linien verschwiegen wurde, ob es unentdeckt bleibt, oder ob es gar ein Fake ist, bleibt erst mal ausständig. Ein Video zeigt unkommentiert den vermeintlichen Weg zum Zimmer und das Rauminnere. Gemütlich sieht anders aus.

Die anonyme Person hinter dem Projekt spricht im Interview über die Auswahl des Raums, mögliche Illegalitäten und Andeutungen auf die tragischen Entdeckungen, die in den vergangenen Jahren in Österreich gemacht wurden.

 

Wie lange hast du nach dem Raum gesucht und auf welche Kammern und Gänge bist du darüber hinaus gestoßen?

Über einen Zeitraum von ca. drei Monaten haben immer wieder Exkursionen in den Untergrund stattgefunden. Schnell war klar, dass die Arbeit im Bereich der U-Bahn realisiert werden muss. Die Kanalisation ist auch faszinierend, wäre aber als Ort zu abstrakt gewesen. Die U-Bahn hingegen ist ein vertrauter Ort, den man zu kennen meint. Das Projekt hinterfragt diese Vertrautheit, indem es die Betrachter und Betrachterinnen mit einer Situation konfrontiert, die man dort so nicht erwarten würde.

Da der größte Teil des Wiener U-Bahn Netzes noch sehr jung ist, gibt es kaum "vergessene Schächte" wie in Paris oder New York. Leerstehende Kammern, die offensichtlich nicht benutzt werden, ließen sich nur sehr schwer finden. Entsprechend frustrierend war die Suche. Die meisten der ungenutzten Räume waren überdimensioniert. Blinkende Elektro-Kästen oder Lüftungsrohre störten zudem in vielen Fällen die Optik, da sie nicht zur Idee vom Kinderzimmer passten. Nichtsdestotrotz war die Ortssuche eine tolle Erfahrung. Das Ambiente dort unten ist faszinierend und mehrfach gab es Stellen mit wirklich beeindruckender Tunnelarchitektur.

Warum ausgerechnet ein Kinderzimmer? In Österreich haben Kinder, die unter der Erde in abgeschlossenen Räumen leben, ja nicht die beste Presse.

Ein Kinderzimmer unter der Erde ist natürlich ein schwieriges Thema. Das Zimmer einer erwachsenen Person würde ein eindeutigeres Bild abgeben, dies galt es aber zu vermeiden. Gerade die Ambiguität eines unterirdischen Kinderzimmers reizte mich. Es ging neben der Frage nach prekärer Nutzung von Räumen und der Verschiebung der Grenzen des öffentlichen Raums auch darum, Geschehnisse zu bearbeiten, die in Österreich in den vergangenen Jahren aufgedeckt wurden.

Abgesehen davon ist ein unterirdisch gelegenes, fensterloses Kinderzimmer – auch ohne die Assoziationen, die in Österreich vermutlich hervorgerufen werden – ein interessantes Bild. Es muss nicht zwangsläufig als eine Form von Gefangenschaft verstanden werden. Es kann auch als Versteck in einem Endzeit- oder Fluchtszenario interpretiert werden.

Man kennt Geschichten aus Bukarest, New York oder Rio über Menschen, die in den Schächten und Kanälen von U-Bahnen leben. Weißt du, ob es in Wien auch Mole People gibt?

Abseits der dicht besiedelten innerstädtischen Bereiche Wiens finden sich in Nischen, unter Brücken und auf Brachen immer wieder Lager von Menschen, die offensichtlich längerfristig dort wohnen. In den Tunneln der Wiener U-Bahn deutet jedoch nichts darauf hin, dass dort bereits Menschen leben.

Das hängt sicher damit zusammen, dass der überwiegende Teil der Wiener U-Bahn vergleichsweise jung ist. In Vergessenheit geratene Tunnel und abgebrochene Bauvorhaben findet man hier kaum. Dadurch fehlt es an potentiellem "Wohnraum". Die Anlagen sind intakt und es wirkt zumindest so, als hätten die Wiener Linien den größten Teil ihres Netzes gut im Blick. Dadurch ergeben sich für Obdachlose und Künstler gleichermaßen erschwerte Bedingungen.

Die ältere und weit unübersichtlichere Kanalisation scheint leichter zugänglich, wurde für das Projekt jedoch ausgeschlossen. Die unterirdische Besiedelung Wiens könnte möglicherweise dort beginnen. Szenen des Elends, wie sie von Hermann Drawe zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Wiener Untergrund dokumentiert wurden, wiederholen sich aber meines Wissens im Moment noch nicht.

War da wirklich niemand mehr seit 2012 dort? Versucht?

Nachdem das Zimmer fertig eingerichtet und dokumentiert war, wurde der einzige Zugang zum Raum mit einer Konstruktion aus Holzplatten versperrt. Es ist zwar sehr verlockend, aber der Ort wurde nicht mehr aufgesucht. Natürlich kann in der Zwischenzeit viel passiert sein. Möglicherweise wurde der Raum entdeckt und stillschweigend geräumt.

Ich habe unzählige Szenarien durchgedacht, wie es seit 2012 weitergegangen sein könnte. Vielleicht haben auch Kabeldiebe auf der Suche nach verwertbarem Material eine unerwartete Entdeckung gemacht. Es wäre interessant zu erfahren, was geschehen ist. Nachdem fast zwei Jahre verstrichen sind und nirgends eine Meldung dazu aufgetaucht ist, habe ich beschlossen, das Projekt auf diesem Wege einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen. Eventuell wird der Raum sogar erst dadurch "aktiviert".

 

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