Tapetenwechsel?
07.12.2012
» goldenframe

von Erwin Uhrmann  

Und das soll Kunst sein? Ja, doch, genau das. The Gap sucht für euch jeden Monat eine ganz besondere Arbeit aus der Gegenwart heraus und rahmt sie mit einem Text im Golden Frame. Kein Bullshit – Kunst, Alter!

Yael Bartana, Jewish Renaissance Movement in Poland

Yael Bartana, Jewish Renaissance Movement in Poland

Der Mut zur Utopie 

Yael Bartana bearbeitet und kritisiert nations- und identitätsstiftende Momente und stellt eine neue jüdische Utopie in den Raum. Dabei verbindet sie Politik und Poesie, vermischt Dokumentarisches mit Erfundenem, hinterfragt und ironisiert politische Rituale.

Oft ist es schwierig, einen behaupteten politischen Unterton in der Gegenwartskunst zu finden oder nachzuvollziehen. Anders ist es bei der israelischen Künstlerin und Filmemacherin Yael Bartana, deren Arbeiten einen ebenso dokumentarischen wie poetischen und evident politischen Charakter haben. Bartana wurde 1970 in Israel geboren und fand über die Fotografie, nach künstlerischen Studien in Jerusalem und Amsterdam sowie einem längeren Aufenthalt in den USA, wo sie in der Werbebranche tätig war, zu einem ihrer bevorzugten künstlerischen Medien, der Videokunst. In ihren Filmen und Fotoarbeiten geht es ihr um nationale Identität, Herkunft, Rückkehr und auch die Schoah, also jene Themen, die ihren Alltag in Israel entscheident prägen – verbunden mit einem Gefühl des dauernden Belagerungszustands. Bartana hat bereits in früheren Arbeiten etwa israelische Soldatinnen bei Schießübungen oder die Evakuierung von jüdischen Siedlern inszeniert.

Künstlerisch-politische Utopie

Die Künstlerin steigert ihre Kritik an nationalen Ritualen und Symbolen, indem sie aktiv ins Geschehen eingreift. 2011 wurde Yael Bartana als erste Nicht-Polin zur Vertreterin Polens für die 54. Kunstbiennale von Venedig ausgewählt. Die Künstlerin zeigte eine Filmtrilogie, die im Rahmen ihres 2007 gegründeten Jewish Renaissance Movement in Poland (JRMiP) entstanden. Die zentrale Prämisse des JRMiP lautet, dass 3,3 Millionen Juden in das Land ihrer Vorfahren, Polen, zurückkehren. Dabei oszillieren Bartanas Arbeiten immer zwischen Fiktion und Realität. Sie erfindet Symbole, Banner, Monumente, Sprachgewalt, politische Propaganda, zionistische Träume und die Ermordung der Führungsfigur der Bewegung.

In der Folge dieser Trilogie fand in Berlin vergangenen Mai der erste internationale Kongress des Jewish Renaissance Movement in Poland statt. Diskutiert wurden notwendige Veränderungen in den betroffenen Gegenden: der Europäischen Union, Polen und Israel. Daraus schnitt Baratana wiederum einen Film, der nun mitsamt Installationen in der Wiener Secession gezeigt wird. So entsteht eine ständige Rückkopplung zwischen realen Hoffnungen und künstlerischer Überhöhung. Bei jedem Schritt entstehen neue Ideen und Perspektiven, Unvorhergesehenes. Yael Bartanas künstlerisch-politische Bewegung spiegelt die Anfänge des Zionismus in einer zeitgenössischen Form wider und macht einen Schritt in Richtung einer neuen Utopie, was ebenso vorausschauend wie vergeblich wie unzeitgemäß schön ist.

TEXT Erwin Uhrmann

 

Yael Bartana, geboren 1970 in Kfar Yehezkel (Israel), lebt und arbeitet in Tel Aviv und Amsterdam. Am 28. November zeigt das Mumok Wien ihre Filmtrilogie. Von 7. Dezember 2012 bis 10. Februar 2013 zeigt die Wiener Secession eine Einzelausstellung mit Werken von Yael Bartana: »Wenn ihr wollt, ist es kein Traum. Fragen an Herzl und Freud«.

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