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Und das soll Kunst sein? Ja, doch, genau das. The Gap sucht für euch jeden Monat eine ganz besondere Arbeit aus der Gegenwart heraus und rahmt sie mit einem Text im Golden Frame. Kein Bullshit – Kunst, Alter!
Ryoji Ikeda: Data.Anatomy (Civic)
Fahrende Software-Bilder
Ryoji Ikeda zeigte seine aktuellste Installation »Data.Anatomy (Civic)« von 19. April bis 1. Mai 2012 im Berliner Kraftwerk und weiterhin ausschnittsweise auf Youtube. Er zelebriert darin seinen sehr technischen Zugang zu Kunst.
Seit mehr als 15 Jahren verarbeitet Ryoji Ikeda digitale Daten zu Musik, Bewegt-Bild und anderen Kunstformen – und stößt damit doch immer noch auf Unverständnis. Die Daten für seine neue Installation »Data.Anatomy (Civic)« stammen von Honda und der neuen Version ihres Kompaktklasse-Wagens Civic. Ikeda hat die komplette 3D-CAD-Files, aus jedem noch so kleinen Teil, zu einer Video- und Sound-Installation weiter verarbeitet.
Er hat die Installation einige Monate lang mit seinen Mitarbeitern entwickelt. Zentral ist dabei die Software, die er für jeden Auftrag und jedes Werk neu schreibt. Ausgehend vom Daten-Rohmaterial macht er sich Gedanken über das erwünschte Ergebnis und schreibt dann eine Vielzahl von Algorithmen, die aus den Daten Bilder und Töne generieren, die dann schließlich arrangiert werden. In Schwarz, Weiß und ein bisschen Rot zeigt Ikeda den visuellen Output auf einer 20 x 4 Meter großen Leinwand. Der Sound ist gewohnt minimalistisch, zuweilen abstrakt und im Gegensatz zu früheren Arbeiten in einem hörbar engeren Frequenzfeld, das möglicherweise schmerzhafte Sounds tendenziell ausspart. Anders die Bildebene: Diese durchläuft mehrere Phasen und Abschnitte. Solche, in denen viele relativ konkrete Objekte gleichzeitig zu sehen sind, die aber aufgrund des Abstands von der Leinwand und ihrer Bewegung eher abstrahiert werden und selten also solche zu erkennen sind. Im letzten Teil des zwölfminütigen Loops werden die 3D-Modelle größer und erkennbarer. Als würde man mit einer Kamera in einen Körper eintauchen, bewegen sich Polygon-Modelle über die Leinwand. In den verschiedenen Sequenzen werden alle (!) Teile des Wagens in der Installation sichtbar – Details lassen sich allerdings schwer erkennen und nicht jeder Besucher teilt die Begeisterung von Ikeda für die totale Überinformationsflut. Die Übersetzungsarbeit bleibt wenig transparent.
Ikeda hat in den letzten 15 Jahren so manch wegweisendes Album auf Raster Noton veröffentlicht und sich als Künstler mit Installationen weltweit einen Namen gemacht. Zentral waren dabei immer wieder digitale Daten wie etwa Teile des menschlichen Genoms oder Aufzeichnungen der NASA. Der Autohersteller selbst bleibt bei der Präsentation stark im Hintergrund. Der neue Civic, wie seine Vorgänger stark emotionalisierend gezeichnet, ist nur in der Arbeit selbst und dort stark intellektualisiert zu erleben. Mit »Data.Anatomy (Civic)« feiert Ikeda, der selbst immer wieder von Mathematikern als Künstlern spricht, seinen technischen Zugang zu Kunst, der sich nicht ohne Streu- und Reibungsverlust auf die Zuseher überträgt. Dass wir uns daran noch immer nicht gewöhnt haben, spricht bei aller Sprödheit für die Notwendigkeit von derlei Arbeiten.
TEXT Martin Mühl
»Data.Anatomy (Civic)«, eine Auftragsarbeit von Ryoji Ikeda für Honda, war von 19. April bis 1. Mai im geschichtsträchtigen Berliner Muma (Kraftwerk) zu sehen. www.dataanatomy.net
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