Tapetenwechsel?
15.02.2012
» kunst

Frauen in Metamorphose

von Erwin Uhrmann  


Cindy Sherman ist eine der bedeutendsten zeitgenössischen Künstlerinnen. Gabriele Schor arbeitete mit ihr gemeinsam drei Jahre lang intensiv ihr fotografisches Frühwerk auf.

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Quelle: The Gap 123


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Bis heute war der Großteil jener 59 Arbeiten Cindy Shermans aus den Jahren 1975 bis 1977 der Öffentlichkeit völlig unbekannt. Die 1954 geborene Amerikanerin entdeckte bereits als Studentin an der State University of New York in Buffalo nach anfänglichen Malerei-Versuchen die Fotografie als ihr künstlerisches Medium. Beeinflusst durch New Yorker Künstler, die das dortige Künstlerzentrum Hallwalls aufsuchten, entstand innerhalb kürzester Zeit eine künstlerische Sprache, die Shermans Werk seit 30 Jahren prägt. Nach Abschluss des Studiums ging Sherman nach New York und wurde Ende der 70er Jahre mit der Fotoserie »Untitled Film Stills« (1977-80), in der sie fiktive Filmszenen nachstellt, international bekannt. In all ihren Arbeiten spielen Verwandlung, Maske und Inszenierung eine Rolle. In einer der jüngsten Serien, »Clowns«, etwa fotografiert sich die Künstlerin mit unterschiedlichen Clownmasken. Alles, was vor den »Untitled Film Stills« geschah, wird erst 25 Jahre danach durch zwei Editionen aus dieser Zeit, die die Künstlerin herausgibt, und eine folgende Ausstellung ins Licht der Öffentlichkeit gerückt.

Die Sammlung Verbund, 2004 vom gleichnamigen Energieunternehmen gegründet, sammelt Shermans frühe Werke von der ersten Stunde an. Sammlungskuratorin Gabriele Schor wurde bereits vor einigen Jahren auf Cindy Shermans Frühwerk aufmerksam, das während ihrer Studienjahre in Buffalo entstand und bereits die künstlerische Sprache späterer Werke vorwegnimmt. Drei Jahre arbeitete Schor gemeinsam mit Cindy Sherman und der New Yorker Metro Galerie, die die Künstlerin seit Karrierebeginn vertritt, intensiv all jenes auf, was in der Studienzeit der Künstlerin entstand. Nun erscheint ein Catalogue Raisonné mit dem Titel »Cindy Sherman - Das Frühwerk 1975-1977«, der 59 Arbeiten aus dieser Zeit dokumentiert und analysiert.

 

Wie wurden Sie auf das Frühwerk von Cindy Sherman aufmerksam?

Gabriele Schor: Als die Sammlung Verbund im Jahr 2004 gegründet wurde, haben wir gleich zu Beginn vier »Unitled Film Stills« von Cindy Sherman erworben. Ein Jahr später haben wir dann die sehr frühen Serien »Untitled (Bus Riders)« und »Untitled (Murder Mystery People)« angekauft gemäß unserer Maxime »Tiefe statt Breite«. So entstand meine Faszination für das Frühwerk von Sherman. Wir sammeln Kunst ab 1970, als Künstlerinnen und Künstler den Körper als Medium entdeckten, Fotografie, Video und vieles mehr als neue künstlerische Ausdrucksformen aufkamen.

Viele international bekannte Künstler wollen mit ihren ganz frühen Werken heute nicht mehr in Verbindung gebracht werden. Warum ist es bei Cindy Sherman anders?

Erstaunlich ist, dass die Künstlerin in nur zweieinhalb Jahren ein komplexes, fast in sich geschlossenes Werk entstehen ließ, in dem schon alles, was später kam, enthalten ist.

Könnte man sagen, dass die Künstlerin in dieser Zeit so etwas wie ein Vokabular für ihr Lebenswerk anlegte?

Ja. Cindy Sherman hat bereits zu Studienzeiten – sie begann 1972 mit Malerei, wechselte dann zur Fotografie und schloss 1976 ab – ihre eigene und unverwechselbare künstlerische Sprache entwickelt. Und vielleicht ermöglicht auch der zeitliche Abstand von 35 Jahren für die Künstlerin, sich nun mit dem Frühwerk auseinanderzusetzen und so konnten wir dieses an die Öffentlichkeit bringen.

Hat Sherman alle frühen Werke, die Sie gefunden haben, im »Catalogue Raisonné« zugelassen?

Ja. Sie hat eigens für den »Catalogue Raisonné« Arbeiten zum Abbilden frei gegeben, die sie ohne den Anlass dieses Buches nie hätte veröffentlicht lassen. Manche Arbeiten sind leider verschollen.

Wo haben Sie eigentlich die Werke gefunden? War denn alles verfügbar?

Zum Glück hat Cindy Sherman selbst ein sehr gutes Archiv ihrer Arbeiten. Ich bin natürlich auch nach Buffalo an ihren Studienort gereist, war an der Universität und auch in Hallwalls, einem Künstlerzentrum, wo die Studierenden mit neuen konzeptuellen und performativen Ansätzen in Berührung kamen. Dorthin wurden viele New Yorker Künstlerinnen und Künstler eingeladen, dass war auch für Shermans frühes Schaffen sehr wichtig. Ich habe mir Installationsfotos von den Ausstellungen in Hallwalls angesehen und auf diese Weise Werke entdeckt. Wir haben auch Annoncen in den lokalen Medien in Buffalo aufgegeben, um Besitzer von Werken ausfindig zu machen. Wir haben die Chronologie ihrer Ausstellungen recherchiert. Manches war in Auktionskatalogen zu finden. Ein Teil der frühen Werke ist im Besitz der Familie oder von Freunden der Künstlerin, bei manchen Werken wusste sie noch, wer es hat, bei anderen wieder nicht. Es gibt also sehr viele Quellen, die berücksichtigt werden mussten. Und einige Werke, wie etwa alle Cutouts der »Bus Riders« oder »Doll Clothes« sind leider verschollen, die konnten wir aber anhand von Shermans Dias, Kontaktbögen und Aufzeichnungen rekonstruieren. 

Sie haben Cutouts erwähnt, also ausgeschnittene Fotos. Wie hat die Künstlerin gearbeitet in dieser Zeit?

Ich teile Cindy Shermans Frühwerk in drei Phasen. Am Anfang konzentriert sich die Künstlerin auf die Verwandlung des Gesichts. Sie macht eine Serie, die mit dem Erwachsenwerden zu tun hat, wie ein Mädchen über viele Fotografien hinweg sich zu einer jungen Frau verwandelt. Dann kommt die nächste Phase, die erwähnten Cutouts. Die Künstlerin erweitert ihre Verwandlung auf den ganzen Körper. Cindy Sherman fotografiert sich in unterschiedlichen Posen und Rollen, schneidet die Figuren aus und reiht sie aneinander, es entsteht auch der Film »Doll Clothes«, wo es um Identitätsfindung geht. In der dritten Phase wird das Werk äußerst komplex. Es entstehen zahlreiche »Bus Riders«, die tatsächlich in einem öffentlichen Bus ausgestellt waren. Weiters setzt sie in Bildgeschichten die Charaktere in Beziehung zueinander. Sherman war begeistert vom Kino und davon auch beeinflusst. Es entstanden Serien, die filmisch eine Geschichte erzählten, es gab sogar detaillierte Drehbücher dafür. »A Play of Selves« etwa ist eine Abfolge von 72 Szenen mit 244 Figuren, die sie ausgeschnitten hat.

 

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