Tapetenwechsel?
29.03.2012
» gesellschaft

Befehl von ganz unten

von Stefan Niederwieser  


Kann man schon mitdiskutieren, nur weil viele Politiker und Journalisten auf Twitter sind? Eine umfassende Studie geht der Frage nach.

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Quelle: The Gap 125


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Früher begann die Revolution mit einem Sprengsatz, heute mit Twitter. In Zusammenhang mit den Wahlen im Iran 2009 oder dem Arabischen Frühling 2011 ist bereits viel über die Macht und Ohnmacht des Mediums diskutiert worden. In Österreich wird wegen Twitter vorerst kein Staatsmedium oder keine Parteizentrale brennen. Denn die dort tätigen Leute sind selbst an zentralen Punkten im Twitter-Netzwerk aktiv. Twitter ist am Smartphone der Nation jedoch noch nicht angekommen. Jüngste Schätzungen gehen von nur 75.000 Accounts aus, davon 37.000 aktive, während Facebook in die Millionen geht. Es gibt in Österreich keine Stars auf Twitter, also auch wenig Schaulustige.

Dafür aber sehr viele Grüne und sehr viele Männer. Axel Maireder, Julian Ausserhofer und Axel Kittenberger haben Twitter ein halbes Jahr lang in einer umfassenden Studie beobachtet und alle Tweets zu politischen Themen aus vier ausgewählten Wochen ausgewertet: und das waren in Österreich immerhin noch 15 Prozent von 161.131 Tweets. Dabei beobachteten sie im Innenpolitik-Netzwerk alle Interaktionen von jenen 374 Accounts, die aktiv politisch twittern. Den Begriff »Eliten-Netzwerk« verwenden die drei Wissenschaftler für das Netzwerk dennoch deutlich vorsichtiger als etwa Armin Wolf. Die zentralen Stimmen kommen aus der Medienbranche oder der Politik. Sie sind zu 72 % männlich und nur 18 % weiblich, der Rest macht keine Angaben; Politiker lassen sich zu fast der Hälfte den Grünen zuordnen. Soweit ist das noch halbwegs erwartbar.

Kann man sich aber in politische Diskussionen einmischen, Themen und Ideen einbringen? Und finden diese dann wieder einen Rückhall in den klassischen Massenmedien?

»Häufig ja«, meint Julian Ausserhofer, »manchmal nein. Die Prozesse sind durchaus offen, auch wenn sich vieles in zentralen Clustern abspielt.« Es ist also möglich, sich Gehör zu verschaffen, verlangt aber viel Engagement und einen langen Atem. Denn so einfach wird man nicht zu einer zentralen Stimme – nur wenn man andere erwähnt, antwortet und sich einmischt, passiert das auch umgekehrt. Twitter ist ein Medium, das auf Austausch beruht. »Unterhaltungen können sich öffnen, es entstehen so immer wieder neue Kommunikationsketten und diese lösen sich später auf«, sagt Axel Maireder. Selbst wenn das bei einzelnen Personen wahrscheinlicher ist, als bei anderen (siehe Twitter-Typologien). Armin Wolf antwortet zu immerhin zwei Dritteln Menschen, die ansonsten für das politische Twitter-Cluster in Österreich nicht relevant sind. Für das Gesamtnetzwerk nimmt er deshalb die zentralste Rolle ein. Bei politischen Themen gibt es aber auch andere, gleich gewichtige Stimmen (siehe Grafik hier).

Fachfremde mischen sich ein

Dabei mischen sich vermeintlich Fachfremde erstaunlich häufig ein, ganze drei Fünftel aller politischen Kurznachrichten stammen von ihnen, anders ausgedrückt: 60,0% aller Adressierungen im Kontext politischer Themen kommen von Bürgern. Nur werden diese seltener aufgegriffen. In den Diskussionen zu politischen Themen kommen sie insgesamt gerade noch zu einem Viertel vor, sie werden im kontext politischer Themen zu 25,2% erwähnt – was zwar markant weniger, aber immer noch sehr beachtlich ist.

Dabei bedeuten viele Follower noch nicht automatisch, dass Accounts auch einflussreich für politische Diskussionen auf Twitter werden. Die Forscher können das an Korrelationsgraphen ablesen: es gibt z.B. eine schwache Korrelation zwischen der Anzahl der Followers und der Anzahl der Mentions (ein Wert von r = 0,48 ist zwischen 0 und 1, nun ja, eben schwach). Im Netzwerk lassen sich so viele Variablen auf erstaunliche Weise verbinden.

Feeback zwischen Twitter und klassischen Medien

Parallel beobachtete die Studie klassische Medien. Konnte 2009 bei den Protesten zu #unibrennt noch eine deutliche Verzögerung festgestellt werden, ist die Rückkoppelung mittlerweile sehr unterschiedlich: die Eurokrise und Metaller-Verhandlungen waren auf Twitter kaum präsent, während zu WKR-Ball, Occupy sowie der Causa Pelinka dort lang und breit getweetet wurde. Das Thema Korruption wurde wiederum von klassischen Medien aufgebracht und auf Twitter weitergetragen. Immer öfter wird auch parallel zu ORF-Sendungen wie »Club 2« oder »ZiB« diskutiert. Die Szene differenziert sich. Und im Unterschied zu Facebook wächst sie. Engage.

 

Grafik-Vollansichten der Netzwerke:

Netzwerk aller Twitter-Accounts zur Innenpolitik

Gesamtnetzwerk aller politisch twiternden Accounts nach Geschlecht eingefärbt

 

Zum ausführlichen Interview mit Armin Wolf über Twitter, Politik und Medien geht es hier.

Fünf Twitter-Typologien (Journalist, Engagierter Normalo, Linker Netzaktivist, Polit-Experte, Politiker) mit durchschnittlichen Tweetzahlen gibt es hier.

 

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