Tapetenwechsel?
31.10.2011
» film

Viennale-Tagebuch #3

von Artemis Linhart  


In den beiden neuen Indie-Filmen "Tomboy" und "The Color Wheel" erschließen sich geschwisterliche Verhältnisse auf sehr unterschiedliche Arten.

Bild: V11tomboy003.jpg



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Tomboy (Céline Sciamma – gesehen am 28. 10.)

Céline Sciammas zweiter Langfilm erzählt die Geschichte von Laure (Zoé Héran), einem zehnjährigen Mädchen, das sich nach dem Umzug in eine neue Gegend den anderen Kindern als Mickaël vorstellt. Als Junge gliedert sie sich sofort in die Gruppe ein und nimmt an deren täglichen Unternehmungen Teil. Die dabei auftretenden Schwierigkeiten – beispielsweise beim gemeinsamen Schwimmen – werden auf einfühlsame und humorvolle Art dargestellt.

Der Film zeichnet sich durch ein stimmiges Zusammenspiel aus Regie, Kamera und schauspielerischer Leistung aus und weist jegliche Psychologisierung von der Hand. Der Regisseurin geht es nicht um das Warum, sondern vielmehr um das Wie der Geschehnisse. Laures ambivalente Identität bedarf keiner Erklärung – ein Kriterium, das ihre Beziehung zu ihrer sechsjährigen Schwester Jeanne (Malonn Lévana) ungemein intensiviert. Diese erfährt von Laures Schwindel und wird – ohne Fragen zu stellen – zu ihrer Komplizin. Sie genießt es, einen großen Bruder zu haben, der sie beschützt und zu ihr hält. Ihre vorbehaltlose Unterstützung und der daraus resultierende geschwisterliche Bund stellen zentrale Bereicherungen des Films dar. Die Unbedarftheit dieses Verstehens, bzw. Nicht-Verstehen-Müssens, ist es auch, die der Regisseurin die Dreharbeiten mit den Kindern erleichtert hat. Sie trafen sich in dem Einverständnis, dass dieser Film von zwischenmenschlichen Fakten handelt, anstatt nach Ursachen zu suchen.

Céline Sciamma erklärte in der Q&A-Runde nach dem Film, dass sie sich selbst in der Mitte zweier Traditionen sieht: Einerseits der Coming-of-age Filme US-amerikanischer Tradition – Geschichten über Kinder, für Kinder – andererseits jener der französischen Tradition, welche wiederum eher für Erwachsene gedacht sind. Eine große Inspiration stellte Spielbergs E.T. dar, deren kleiner Drew Barrymore sie die zweite Hauptrolle ihres eigenen Films nachempfunden hat. Tatsächlich ist Malonn Lévana die geheime Zutat, die aus einem sehr guten einen ausgezeichneten Film macht.


The Color Wheel (Alex Ross Perry – gesehen am 22. 10.)

Dieser Film erzählt auf körnigen 16 mm eine Geschichte der geschwisterlichen Versöhnung. J. R. (Carlen Altman) heuert ihren lenksamen Bruder Colin (Alex Ross Perry) an, mit ihr einen Road Trip anzutreten, um einige ihrer Habseligkeiten bei einem Verflossenen abzuholen. Die beiden könnten unterschiedlicher kaum sein. J. R. verfolgt ihren Traum, Nachrichtensprecherin zu werden, eher halbherzig, während sie sich sonst dem Nichtstun hingibt. Colins Lifestyle ist pragmatischer und feiger: Er arbeitet in einem langweiligen Job und lebt mit seiner Freundin in deren Elternhaus. So unterschiedlich wie ihre Lebenseinstellungen sind auch ihre Charakterzüge. J. R. ist laut und unausstehlich, während Colin nachgiebig und gemächlich ist. Dementsprechend wenig Kontakt haben die beiden zueinander. Was die zwei jedoch vereint sind ihre Unsicherheiten und so erweist sich dieser Trip als eine Chance, wieder zusammenzufinden.

Perry beweist nicht nur als Schauspieler, sondern auch durch ein präzises Skript und gekonnte Regie sein Talent für Situationskomik. Die geschwisterliche Hassliebe der beiden manifestiert sich in fortwährenden Wortschwällen und rasanten Schlagabtäuschen. Perry hat etwas distinkt Michael-Cera-eskes an sich, während Altman sich ganz als Diva gibt. Der Film, wie auch das Zustandekommen eines gegenseitigen Verstehens der beiden Hauptfiguren kulminiert in einer neunminütigen Szene ohne Schnitte, die, wie Perry nach dem Film nicht ohne Stolz betont, mit einem Take im Kasten war. Der Regisseur verpasst sowohl dem Road Movie, als auch der Bruder-Schwester-Story einen Twist, der schelmisch wie ausgefeilt ist und den man ihm auch durchaus abkauft.

 

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