Tapetenwechsel?
19.03.2012
» film

State of East

von der shorty  


Regisseur Dennis Gansel hat mit Moritz Bleibtreu als Zugpferd den internationalen Ost-Thriller „Die vierte Macht“ gefertigt. Passt gerade recht zu den aktuellen Moskauer Zuständen wie die Bombe zum inszenierten Terrorismus. Allerdings besser im orginal gedrehten Englisch zu geniessen.

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Der in Deutschland erfolgreiche Journalist Paul Jensen (Moritz Bleibtreu) lässt sich nach privaten Troubles gen Moskau holen, um dort das bekannteste Society-Magazin aufzupolieren. Dort, wo schon sein Vater ebenso schreibend werkte wie zu Tode kam. Eine Art Heimkommen. Über Nacht wird er Liebling der Szene, mittendrin in den Macht-Spielchen und der Anziehungskraft einer Redakteurin erlegen, reisst es den Guten in den Strudel der politischen Wirren. Getreu dem Motto „Der Morgen kommt nach jeder Nacht, es kommt das Glück, hättest du es gedacht?“ (Julio Iglesias, 1977) wird Jensen nach einem Bomben-Anschlag als Terrorverdächtiger vom Regime-artig agierenden Apparat in ein Gefägnis verfrachtet und sitzt ein inmitten von - erfasst – tschetschenischen Untergrund-Kämpfern. Auch Terroristen genannt. Die Handlung nimmt ihren dunklen Lauf ... im Kino unter dem Code "Die vierte Macht".  

Sichtweise Osten

Thriller ist Königsklasse im Kino. Die aufgedrehte Version der Suspense ist nunmal auch schwerer zu fertigen, als die vermeintlich Lo-Fi gefertigten Horror-Schinken des letzten Jahrzehnts. Das war auch für Dennis Gansel klar, der nach Erfolgen wie „Die Welle“ oder „Napola“ seinen ersten Film nach internationalem Gardemass abliefert. Ein bisserl ein Wunschkonzert durfte es da schon sein. Angefangen vom Etat und Team bis zu den erstrangigen Gesichtern in tragenden Rollen. Der seit Jahren auf höchstem Level funktionierende Moritz Bleibtreu als Zugpferd mit Max Riemelt anbei für lokale Begierden, klasse Persönlichkeiten wie Rade Serbedzija und Stipe Erceg und als New Face die ebenso breit aufgestellte wie bezaubernde Kasia Smutnia ergeben insgesamt ein feines Fundament als Charakteren.

Der politisch basierende Stoff um die Mechanismen der Macht und Manipulation wird mit enormen Tempo - geradezu hastig a la Snapshots – vorangetrieben. Da stellt man sich mitunter die Frage, ob es ursprünglich eine längere Fassung gab. Und ob und wann denn der gute wie nötige Directors Cut kommt. Ebenso ursprünglich war die allererste Fassung des Stoffes von Gansel übrigens nicht ganz unpassend in Süditalien angelegt, wo sich manche Parallelen zum neuen Spielort Osteuropa finden. Der im Rahmen der Recherche auch gründlich bereist wurde.

Über der vordergründigen Handlung steht im Endeffekt die Grundfrage nach den Mechanismen der Macht, der (auch schon mal nachvollziehbaren) Natur des medial verbratenen Terrors sowie die aus dem Effeff beherschte Manipulation der Massen. Passend wortwörtlich brandaktuell in Russland und manchen seiner ehemaligen Partnern wie der Ukraine.

Fallnetz Sprache

Der deutsche Sprachraum ist seit Jahrzehnten einer der wenigen internationalen Märkte, der noch immer von der Synchronisation dominiert wird. Um nicht entstellt zu schreiben. Das macht auch „Die vierte Macht“ zu schaffen, da viele Handlungsstränge durch die glattgestrichene Synchro irritierend verlaufen. Gedreht wurde nämlich in Englisch, was dem Film auch deutlich besser bekommt, nicht derartig zerreisst und die Continuity bewahrt.

Im Interview vertritt Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu - selbst ebenso sattelfest in Italienisch, Französisch und Englisch - dementsprechend auch die Meinung, dass man generell auf die Übersetzungen verzichten sollte, um die guten Filme nicht zu beschädigen. Gegenbeispiele wie genannter Keanu Reeves oder Siebziger-Serien wie „Die Zwei“ oder „Jason King“ von der grandiosen DEFA und Deutschen Synchron sind rarer gesäht. Mal das beiseite gelassen wandelt „Die vierte Macht“ auf dem schmalen Grat zwischen Überraschung und Absehbarkeit, wobei man durchaus zur positiven Sichtweise des Gesamten tendieren kann. Die farblich stringente Codierung von kühl und grobkörnig bis flashy macht einen schlanken Fuss. Moskau als Location wurde der einfacheren Abwicklung halber im ehemaligen Ost-Berlin und Kiew gefunden, durchaus ansehnlich übrigens.

 

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